Auf manchem Dachboden in Kulmbach Stadt und Land schlummern verborgene Schätze. Sie sind nicht aus Gold oder Silber, aber dennoch wertvoll - auch wenn die Besitzer das oft gar nicht wissen. Es sind Gedichte, Tagebücher, Briefe, Geschichten und Lebenserinnerungen, in denen halbvergessenes Wissen, reichlich Emotionen und viel Witz stecken.

Andrea Senf hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese literarischen Schätze aufzustöbern. Drei Jahre lang hat sie Ordner und Schuhkartons voller Texte gesammelt, gesichtet, mit Autoren und deren Angehörigen gesprochen, viel Schönes ausgewählt und für den Druck vorbereitet, um es für die Zukunft zu erhalten.
Entstanden ist dabei der erste Band der neuen Reihe "WortSchatzTruhe" - eine Kooperation des Kulmbacher Literaturvereins mit dem Verlag "Leben in der Sprache".

BR-Artikel legte den Grundstein
Die Idee zu dem Projekt lieferte der 45-jährigen Kulmbacherin, die sich seit vielen Jahren im Literaturverein engagiert und selbst Kurzgeschichten schreibt, ein Artikel in der Bayerischen Rundschau, die im Dezember 2010 über den Heimatforscher und Mundartdichter Johann Krasser berichtet hatte. Der 88-Jährige aus Krögelstein lebte damals nach einem Schlaganfall im Kulmbacher Bürgerhospital und wünschte sich von Herzen, dass seine Erzählungen der Nachwelt erhalten bleiben.



Andrea Senf war neugierig, besuchte Krasser, der ihr seine gesamte Textsammlung überließ und fortan auch regelmäßig an Veranstaltungen des Literaturvereins teilnahm. "Ich war spontan begeistert von seinem Erzählstil, so lebensnah und mit einem hintergründig-sympathischen Witz", erzählt Andrea Senf. Hungrig auf mehr startete sie mit dem Literaturverein und der Bayerischen Rundschau einen Aufruf, ihr weitere Texte zur Verfügung zu stellen.

Spannende Detektivarbeit
Die Resonanz war groß, und Andrea Senf war glücklich darüber, beim Schmökern in den alten Schriften eine ganz eigene Welt kennenzulernen: "Diese Detektivarbeit, das Eintauchen in eine andere, längst vergangene Lebenswirklichkeit, hat mir viel Freude gemacht." Den Autoren, denen sie hier begegnete, ging es nicht in erster Linie um elegant geschliffene Sprache, obwohl sich manch funkelndes Juwel unter den Texten findet. Das Anliegen der Schreiber war es, Anekdoten für die Nachwelt festzuhalten, Originale aus ihrem Dorf zu portraitieren oder ihren Gefühlen in besonderen Lebenssituationen Ausdruck zu verleihen.

Wer macht sich heute noch die Mühe, seinen Kindern zu ihrer Konfirmation einen langen Brief zu schreiben, in dem sich die ganze Sorge um ihr künftiges Wohlergehen ausdrückt? Ein Vater aus Pölz hat das im Jahr 1918 getan, und wenn man fast hundert Jahre später auch über die eine oder andere Formulierung schmunzeln mag - emotional berührend sind diese Zeilen noch immer.

Ehrfurcht und Wertschätzung
Neben sieben Geschichten von Johann Krasser hat Andrea Senf zahlreiche Gedichte und Erzählungen des Keramikmalers Emil Täuber (1908 - 1980), des Malers und Realschullehrers für Zeichnen, Friedrich Huther (1827 - 1899) sowie von Frank Jü-Ko (geboren 1940) und Ingelene Koschitzki (geboren 1924) für das Buch ausgewählt, dazu eine Reihe alter Briefe.

Was fasziniert die Projektleiterin an diesen Texten? "Es spiegeln sich darin eine große Wertschätzung für andere Menschen und eine spürbare Ehrfurcht vor der Natur." Sprachlich beeindruckten Andrea Senf vor allem die Gedichte von Friedrich Huther: "Sie haben mich sehr berührt. Das ist eine wunderschöne Sprache, sehr blumig, poetisch und authentisch."

Diese Relikte aus einer vergangenen Zeit seien es unbedingt wert, für kommende Generationen erhalten zu werden. Deshalb schafft der Literaturverein mit seiner "WortSchatzTruhe" ein Archiv der Erinnerungen und Emotionen unserer Region.

Mit ihren Mitstreitern Michael Asad und Klaus Köstner hofft Andrea Senf nun, dass sich das Buch nun auch gut verkauft: "Dann könnten weitere Bände in dieser Reihe folgen."


Das Buch "Vergangenheit küsst Gegenwart" ist zum Preis von 8 Euro in der Unteren Apotheke und in der Buchhandlung Friedrich erhältlich. Es ist in einer Auflage von zunächst 100 Exemplaren im Verlag "Leben in der Sprache" erschienen.

Guter Zweck Der Reinerlös ist für die Sanierung des Grabes des 1793 gestorbenen Arztes Ernst Wilhelm Pühn im Alten Friedhof bestimmt. Französische Kriegsgefangene hatten damals viele ansteckende Krankheiten eingeschleppt, gegen die die ärztliche Kunst machtlos war. Pühn kümmerte sich um die Kranken, infizierte sich und starb mit 32 Jahren. Auf seinem Grabstein, einem niedrigen Obelisken, sind noch die Zeilen zu entziffern: "Pühns Thaten schweigen nicht, er braucht kein Lobgedicht."

Kontakt Wer geeignete Texte besitzt und zur Verfügung stellen möchte, meldet sich bei Andrea Senf, 09221/3911691; Mail: andrea.senf@gmx.de

Literaturverein Die Vereinigung besteht seit 25 Jahren und hat 102 Mitglieder. Der nächste Literaten-Stammtisch findet am 5. Februar, um 20 Uhr im Badhaus statt. Gäste sind dort immer willkommen.