Donnerstagvormittag in der Bayreuther Straße: In den drei Filialen von Schuh-Mücke ist es ruhig. Nur hin und wieder einmal kommt ein Kunde in die Verkaufsräume, in denen rote Flatterbänder die Schuhregale von den Ständern mit Kleidung und Accessoires trennen. Noch hat es sich offensichtlich nicht herumgesprochen, dass in Bayern nun auch - trotz Corona - die Schuhgeschäfte wieder öffnen dürfen.

Diese Neuigkeit kam tatsächlich überraschend, auch für manche Händler: Schuhgeschäfte in Bayern dürfen seit Donnerstag auch in Gebieten mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von über 100 öffnen. Das Unternehmen Schuh Mücke hat geklagt und Recht bekommen. Ab sofort gelten für den Schuhverkauf dieselben Regeln wie für den Lebensmittelhandel.

"Unverzichtbar für tägliche Versorgung"

In einem Normenkontrollverfahren hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in seinem Beschluss vom Mittwoch (Az. 20 NE 21.540) festgestellt, dass das Schuhgeschäft als "sonstiges für die tägliche Versorgung unverzichtbares Ladengeschäft" im Sinne der Bayerischen Infektionsschutzmittelverordnung anzusehen ist und daher nicht in den Anwendungsbereich der Betriebsuntersagung fällt. Das 1954 in Kulmbach gegründete Schuhhaus Mücke - heute ein Tochterunternehmen der Mainhausener Handelskooperation ANWR Group eG - hatte die Klage gegen die Zwangsschließung im Februar eingereicht.

Das Gericht hatte abzuwägen: Ist die Versorgung mit Schuhen unverzichtbar? Ergebnis: Wenn der Freistaat als Verordnungsgeber Buchhandlungen und Baumärkte für unverzichtbar erkläre, müsse das selbst bei strenger Auslegung auch für die Versorgung mit (passenden) Schuhen gelten.

Weil die Landesregierung zudem durch die ausdrücklich geregelten Ausnahmen zugunsten von "Babyfachmärkten" und gesundheitsbezogenen Ladengeschäften wie Apotheken, Sanitätshäusern, Drogerien, Optikern und Hörgeräteakustikern selbst signalisiere, dass er kinder- und gesundheitsbezogenen Bedürfnissen besonderes Gewicht zumesse, sei nicht erkennbar, warum ein solches Gewicht nicht auch den Schuhgeschäften zukommen solle, so die Richter.

Aufgrund dieser Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs gelten nun für Schuhgeschäfte lediglich die Schutz- und Hygienebeschränkungen, die auch für den Lebensmittelhandel gelten. Auf Inzidenzwerte kommt es für die Öffnung Schuhgeschäften aufgrund der Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs nicht mehr an.

Verkauft werden dürfen allerdings nur Schuhe. Sonstige Bekleidung, Taschen und Accessoires aus dem Sortiment kann man noch nicht kaufen.

Für Fritz Terbuyken, Warenvorstand der ANWR Group eG, folgt das Gericht dem Grundverständnis seines Unternehmens, dass Schuhe zur Grundversorgung gehören. Er zeigt sich zuversichtlich, dass dieses Urteil Signalwirkung für die anderen Bundesländer haben wird.

Frank Schuffelen, Vorstandssprecher der ANWR Group spricht von einem "wegweisenden Urteil und einem wichtigen Signal zur richtigen Zeit für die vielen Schuhhändler, die von der über sechs Monate andauernden Zwangsschließung gebeutelt sind".

Zur Unternehmensgruppe gehört auch SPORT 2000. Der für diesen Bereich zuständige Vorstand Matthias Grevener kündigte an, nun umgehend die notwendigen Klageschritte zu prüfen, um auch den Sporthandel zügig öffnen zu dürfen.

Dass das endlich passiert, darauf hofft auch Rainer Röhlich, neben Robert Leithner Geschäftsführer von Intersport Leithner in Kulmbach. "Auch wir prüfen die nötigen Schritte für einen Klageweg. Aber es ist uns natürlich auch sehr recht, wenn die Konkurrenz einen Vorstoß macht und damit Erfolg hat. Es ist überlebensnotwendig für unsere Branche, dass endlich etwas passiert. Seit Mitte Dezember ist unser Geschäft eine teure Lagerhalle."Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen."

Auf rund 1000 Quadratmetern sei die Umsetzung eines Hygienekonzepts für einen sicheren Einkauf überhaupt kein Problem. "Wir haben alle Auflagen erfüllt und sind bereit. Es sollte doch möglich sein, auf je 100 Quadratmetern einen Verkäufer mit einem Kunden allein zu lassen. Wir brauchen 50 bis 70 Kunden am Tag, um zu existieren. Es ist für uns schon fünf nach zwölf."

Große Erleichterung ist auch Marianne Sesselmann anzuhören. Das gleichnamige Schuhhaus hatte ebenfalls am Donnerstagmorgen geöffnet. "Wir sind von der Nachricht völlig überrascht worden", sagt die Seniorchefin im Gespräch mit der BR. Ihr Enkel Daniel habe sich erst einmal genau erkundigt. Dann aber habe man sich dazu entschlossen, sofort zu öffnen - auch wenn in manchen Regalen noch Reste der Winterware standen, die schnell umgeräumt werden mussten.

Click & Collect war kein Ersatz

Auch am Eku-Platz ist das Geschäft zunächst ruhig angelaufen. Sie hoffe darauf, dass sich schnell herumspricht, dass man nun wieder einkaufen kann, so Marianne Sesselmann. Zwar habe das Unternehmen seit einiger Zeit schon den Einkauf per Click & Collect angeboten. "Aber das war ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein", kein Ersatz für das Frühjahrsgeschäft, das nun mit ein wenig Verspätung doch noch anlaufen kann.

Weniger erfreut über die richterliche Entscheidung zeigt sich Landrat Klaus Peter Söllner. "Das muss man nicht unbedingt verstehen, aber das ist jetzt so, wie es ist", kommentierte er auf Nachfrage. Angesichts der anhaltend hohen Infektionszahlen "stehen die Zeichen derzeit nicht auf Öffnung". Bei Inzidenzwerten von über 300 im Landkreis Kulmbach wünscht er sich nach wie vor, dass die Bürger vernünftig sind und auf unnötige Kontakte verzichten.

Hoffen auf Entspannung über Ostern

Söllner sieht die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs allerdings auch "nicht als krasses Fehlurteil". Die Begründung sei nachvollziehbar, insbesondere die Vergleichbarkeit mit Baumärkten und Buchhandel. "Ich habe aber großes Verständnis, wenn da bei kleinen Einzelhändlern die Fragezeichen kommen", räumt der Landrat ein.

Er hofft, dass bald weitere Lockerungen möglich sind. "An Öffnungen können wird denken, wenn die Inzidenz sehr deutlich unter 200 liegt. Davon sind wir leider noch relativ weit weg." Söllner hofft, dass sich die Lage über Ostern entspannt.

Die Inzidenzwerte seien als alleiniger Wert auch auch nur bedingt aussagekräftig. "Wir testen sehr viel und fischen dadurch auch viele positive Fälle heraus. Würden wir weniger testen, wären unsere Zahlen niedriger, aber das wäre doch nicht im Sinne des Infektionsschutzes." Es gehe doch nach wie vor darum, Infektionsketten zu unterbrechen, um die Pandemie einzudämmen.