Pascal Schramm (16), Moritz Eckert (13) und Julian Heinz (12) klettern jedes Jahr kurz vor Ostern auf den Dachboden im Stadtsteinacher Kirchturm. Dort oben werden hinter verschlossenen Türen die Ratschen gelagert, die sie bei ihrem Marsch an Karfreitag durch die Stadt brauchen. Denn nach dem Gloria der Gründonnerstagsmesse, wenn die Glocken der Legende nach Rom geflogen sind, um sich den Segen abzuholen, wollen sie auf diese Weise auf die Gebetszeiten und Gottesdienste hinweisen.

Die kleinen Handratschen sind mit Namen bekritzelt. "Früher haben sich die Ministranten auf ihren Ratschen verewigt", erklärt Pascal Schramm. Gemeinsam mit Moritz und Julian hat er sich fest vorgenommen, die morgentlichen Termine nicht zu verpassen. "Nur am Samstag kann ich nicht, weil meine Oma Geburtstag hat", sagt Julian Heinz (12).


Ohrenbetäubender Lärm


"Man muss die Handratschen vielleicht noch ein bisschen saubermachen, sonst braucht es keine Vorbereitung", erklärt Moritz Eckert und dreht auch schon mal zur Probe - ein ohrenbetäubendes Geräusch ertönt.

In den meisten katholischen Regionen ist die Ratschen- oder Rumpel-Tradition längst eingeschlafen. In Stadtsteinach nicht. "Das Ratschen ist ein sehr alter Brauch, es ist sehr schön, dass er auch heute noch gepflegt wird und so lebendig ist", sagt Pfarrer Wolfgang Eßel. Natürlich schließt er den begeisterten Jugendlichen gerne auf.
"Schon Kinder aus der dritten Klasse sind mit Begeisterung dabei. Was mich besonders freut, ist die Tatsache, dass auch das frühe Aufstehen die Jungen und Mädchen nicht davon abhalten kann, diese alte Tradition am Leben zu erhalten", so Eßel.


Familientradition wird fortgesetzt


Das Ratschen beginnt am Gründonnerstag nach dem Gloria. "Da gehen wir aber nur bis zum Marktplatz. So richtig los geht es erst am Karfreitag und am Karsamstag", erklärt Pascal Schramm. Der 16-Jährige ist heuer schon zum siebten Mal beim Ratschen dabei. Dass er schon bald mit der Schule fertig ist, stört ihn nicht. "Mein Bruder macht schließlich auch mit. Der studiert, macht seinen Bachelor zum Vermessungstechniker. Wenn er vor Ostern nach Hause kommt, ratscht er - so ist das immer, das gehört dazu", sagt Pascal. Er wolle auf jeden Fall die Familientradition weiterführen.

Das Ratschen ersetzte einst das Glockenläuten und mahnte die Gemeinde zum Beten. In Stadtsteinach ziehen die jungen Leute erstmals um 6 Uhr durch den Ort, danach alle drei Stunden, letztmals um 18 Uhr durch den Ort. Und das am Karfreitag und am Karsamstag.


"Englischer Gruß"


Ihr Spruch laute "Wir singen euch den Englischen Gruß (Engelsgruß), den jeder Christ kennen muss: Ave Maria - gratia plena", erklärt Moritz Eckert. Er besucht die achte Klasse am MGF-Gymnasium. Mit den lateinischen Worten hat er keine Probleme, im Gegenteil. Es freut ihn, wenn er sein Wissen auch einmal in der Praxis anwenden kann. "Wenn es langsam anstrengend wird, die Ratschen zu drehen, dann rufen wir den Gruß", sagt er.

"Es ist einfach die Gemeinschaft, die etwas Besonderes ist. Es macht Spaß, dabei zu sein. Wie viele in diesem Jahr genau mitmachen, wird man sehen", sagt Pascal Schramm. Die jungen Leute ziehen mit ihren Lärminstrumenten übrigens in kleinen Gruppen durch Stadtsteinach. Am Ende ihres Dienstes sammeln sie. Früher durften nur Jungen beim Ratschen mit von der Partie sein. Diese Regel gibt es heute nicht mehr. Denn schließlich ministrieren auch Mädchen.


Früher gab es Eier als "Rumpellohn"


Außerdem bekamen die Kinder einst einen "Rumpellohn" - früher nur in Form von Eiern. Auch das hat sich geändert.

"Die meisten Leute finden es gut, dass wir durch die Straßen ziehen. Aber manche haben auch schon geschimpft, weil wir sie früh geweckt haben. Richtig böse ist allerdings noch nie jemand geworden", erzählt Schramm.

Die Verse sind übrigens regional sehr unterschiedlich. Jede katholische Gemeinde hat ihren eigenen Spruch, der von Generation zu Generation weitergegeben wird.