1912 inserieren die Weises eine sehr gewagte Werbung in der Zeitung: Jugendliche erhalten beim Besuch der witzigen Kurzfilme "Der eifersüchtige Esel" und "In Liebesbanden" freien Eintritt.
Bei der konservativen Bürgerschaft löst dies einen Sturm der Entrüstung aus. Der Stadtrat sieht sich gezwungen einzuschreiten und verhängt, wenn auch nur vorübergehend, ein Kinoverbot für Schulpflichtige.
Bedenken
Die akuten Sicherheits- und Brandschutzbedenken führten dazu, dass Selma Weise ihr Kino 1911 vom "Goldenen Hirschen" in den Neubau nebenan verlegt (Langgasse 14). Die Hirschengasse wird fortan zum "Kinogässchen". So großräumig der gemietete Saal ist, gibt es ein großes Handicap: Aborte fehlen. Nachdem das von den Behörden wiederholt moniert wird, ist der Pächter gezwungen, monatlich 20 Mark an das benachbarte Café Beyerlein zahlen, damit die Kinobesucher die dortigen Toiletten benutzen können. 1926 steigt Selma Weise aus dem Kino aus, Willy Fausack übernimmt, danach Andreas Bauer. Doch Toiletten sind immer noch nicht eingerichtet.
Weil 1941 im Kino "Goldener Hirschen" nach wie vor die Toiletten fehlen, drohen die Behörden endgültig mit Schließung. Die unterbleibt, weil Besitzer Andreas Bauer mittlerweile den Betrieb in ein neues Lichtspieltheater am Kressenstein verlegt hat - in das "Burgtheater".
500 Sitzplätze
Der großzügige Sandsteinbau mit 500 Sitzplätzen ist 1937 von der NS-Reichsfilmkammer genehmigt worden. Mit seiner gediegenen Innenausstattung, roten Sitzbezügen, der Birnbaum-Verkleidung der Wände und einem eleganten Foyer kostete das Kino 150.000 Reichsmark. Den Eingang zierte eine Büste von Fritz Hornschuch, der für den Bau ein Spinnerei-Grundstück zur Verfügung gestellt hatte. Gezeigt wurden bis Kriegsende die üblichen Propaganda- und Durchhaltefilme.
Im Oktober 1946 erlaubten die Amerikaner die Wiedereröffnung des Hauses, allerdings erhält zunächst nicht der alte Besitzer, Andreas Bauer, die Lizenz. Wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft muss er bis 1949 warten. Wie Bernhard Kriest in seinem Buch zeigt, boomt das Kino nach dem Krieg: Das Unterhaltungsbedürfnis ist riesig. Angeschaut wird alles: US-Komödien, Musikfilme, Krimis, Western, Mantel- und Degenfilme. Beliebt sind vor allem Heimatfilme. Viele Streifen bleiben wochenlang im Programm.
Aus heutiger Sicht kann man sich nur wundern, welche Filme vom Publikum als skandalös wahrgenommen wurden: 1951 läuft die "Sünderin" mit Hildegard Knef. Es ist die Geschichte einer Prostituierten mit einer kurzen Nacktszene. Scharen von Zuschauern wollen sich das nicht entgehen lassen. Als 1964 Ingmar Bergmanns "Das Schweigen" gezeigt wird, mit einer angedeuteten Selbstbefriedigung der Hauptdarstellerin, treibt es die Anhänger der "Sauberen Leinwand" auf die Barrikaden. Der Schaukasten vor dem Kino wird eingeschlagen, Leserbriefe und Protestschreiben werden verfasst.
Der "Filmonkel" kommt
Der Kinoboom führt dazu, dass Willi Jainz 1952 ein weiteres Kino an der Hardenbergstraße errichtet, das "Union-Theater" (UT). Die moderne Architektur mit breiter Freitreppe und lichtem Foyer bietet 650 Zuschauern Platz. Die versenkbare Bühne kann auch für Theater- und Musikveranstaltungen genutzt werden. 1959 kommt noch das "Kleine Haus" mit weiteren 160 Sitzen dazu. 1975 ist die UT-Ära vorbei, das Haus wird verkauft und umgebaut.
Das Buch
Bernhard Kriest, Kulmbacher Kinogeschichte, 110 Seiten, DIN-A4-Format. Bestellung beim Verfasser per Brief an 85326 Kulmbach, Windischenhaig 50, per Telefon 09221/6212 oder per E-Mail an b.kriest@web.de. Der Preis beträgt 14, 50 Euro.