Dass Bernhard Kriest ein leidenschaftlicher Kinomensch ist, spürt man sofort. Er erzählt, wie ihn Kinobesuche in den 1950er Jahren fasziniert haben: die besondere Atmosphäre der alten "Lichtspieltheater" und die spannungsvolle Dramaturgie der Vorführung mit den anfänglichen Werbe-Dias, der Wochenschau, dem Kulturfilm - bis endlich der Gong dreimal schlug, das Saallicht erlosch und sich der rote Vorhang für den Hauptfilm teilte. In seiner Begeisterung für Cineastisches hat sich der Rechtspfleger 1957 zum ehrenamtlichen Filmvorführer ausbilden lassen. Kriest hat jetzt ein Buch veröffentlicht, das die Kulmbacher Kinogeschichte nachzeichnet - von der Stummfilmzeit bis zur Gegenwart, kenntnisreich und akribisch recherchiert, reich mit Fotos und illustrierten Filmprogrammen garniert.

Powerfrau mischt auf

Die Geschichte beginnt mit Wanderkinos auf Jahrmärkten, die mit ihren bewegten Bildern die Zuschauer angelockt haben. Im Juni 1900 zum Beispiel führt ein Schausteller auf dem Schützenhausplatz Filmaufnahmen vom Burenkrieg vor. In die Stadt zieht das Kinozeitalter wenig später ein. Für eine Kleinstadt wie Kulmbach sensationell früh, wie Kriest durch Vergleiche herausgefunden hat. Zu verdanken ist das einer Powerfrau, die 1909 von Sangerhausen nach Kulmbach kommt: Selma Weise, eine Witwe mit vier Kindern.

Forsch mietet sie den Saal im Hotel zum "Goldenen Hirschen" (Langgasse 12) an und stellt den Antrag, ein "Kinematographen-Theater" eröffnen zu dürfen. Das genehmigt die Stadt - mit erkennbarer Skepsis gegenüber dem modernen Medium. Selma Weise nennt ihr Kino "Central-Lichtspiele". Ihr 20-jähriger Sohn Albert bringt als "Operateur" die Bilder per Handkurbel zum Laufen. Den Ton, meist quäkend verzerrte Musik, muss er parallel abspielen. Der erste Tonfilm läuft erst 1931 in Kulmbach.

Die ersten Aufnahmen

Anfänglich sind es nur kurze Sequenzen, die aufeinanderfolgen - etwa zwei Züge, die aufeinander zurasen oder Alltagsszenen aus fernen Ländern. Doch Albert ist damit nicht zufrieden. Er richtet die modernste Technik ein: Edisons "Kinetophon", einen Projektor, der über einen großen Schalltrichter den mechanisch aufgezeichneten Ton synchron zum Film abspielt. Zudem experimentiert Weise mit eigenen Filmen. 1910 hat sein erster Streifen Premiere, der in bewegten Bildern die Mechanik der Kulmbacher Spinnerei mit ihren Klopf-, Krempel- und Zwirnmaschinen zeigt. Schon ein Jahr später präsentiert er seine nächste Eigenproduktion: "Rodelsport am Weiherer Berg".

Es folgt ein Zusammenschnitt des Fußballturniers, zu dem die Stadt eingeladen hat. Der Ansturm auf die 350 Plätze ist stets enorm. Oft ist der Saal überfüllt, die Besucher stehen in Gängen, es ist ein Kommen und Gehen.

Es fehlen die Aborte

Ein Problem stellen Kinder und Jugendliche dar: Zwar besteht die Auflage, dass sie nur Einlass mit der Genehmigung der Schulbehörde erhalten sollen, doch bei polizeilichen Kontrollen fallen Verstöße auf.

1912 inserieren die Weises eine sehr gewagte Werbung in der Zeitung: Jugendliche erhalten beim Besuch der witzigen Kurzfilme "Der eifersüchtige Esel" und "In Liebesbanden" freien Eintritt.

Bei der konservativen Bürgerschaft löst dies einen Sturm der Entrüstung aus. Der Stadtrat sieht sich gezwungen einzuschreiten und verhängt, wenn auch nur vorübergehend, ein Kinoverbot für Schulpflichtige.

Bedenken

Die akuten Sicherheits- und Brandschutzbedenken führten dazu, dass Selma Weise ihr Kino 1911 vom "Goldenen Hirschen" in den Neubau nebenan verlegt (Langgasse 14). Die Hirschengasse wird fortan zum "Kinogässchen". So großräumig der gemietete Saal ist, gibt es ein großes Handicap: Aborte fehlen. Nachdem das von den Behörden wiederholt moniert wird, ist der Pächter gezwungen, monatlich 20 Mark an das benachbarte Café Beyerlein zahlen, damit die Kinobesucher die dortigen Toiletten benutzen können. 1926 steigt Selma Weise aus dem Kino aus, Willy Fausack übernimmt, danach Andreas Bauer. Doch Toiletten sind immer noch nicht eingerichtet.

Weil 1941 im Kino "Goldener Hirschen" nach wie vor die Toiletten fehlen, drohen die Behörden endgültig mit Schließung. Die unterbleibt, weil Besitzer Andreas Bauer mittlerweile den Betrieb in ein neues Lichtspieltheater am Kressenstein verlegt hat - in das "Burgtheater".

500 Sitzplätze

Der großzügige Sandsteinbau mit 500 Sitzplätzen ist 1937 von der NS-Reichsfilmkammer genehmigt worden. Mit seiner gediegenen Innenausstattung, roten Sitzbezügen, der Birnbaum-Verkleidung der Wände und einem eleganten Foyer kostete das Kino 150.000 Reichsmark. Den Eingang zierte eine Büste von Fritz Hornschuch, der für den Bau ein Spinnerei-Grundstück zur Verfügung gestellt hatte. Gezeigt wurden bis Kriegsende die üblichen Propaganda- und Durchhaltefilme.

Im Oktober 1946 erlaubten die Amerikaner die Wiedereröffnung des Hauses, allerdings erhält zunächst nicht der alte Besitzer, Andreas Bauer, die Lizenz. Wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft muss er bis 1949 warten. Wie Bernhard Kriest in seinem Buch zeigt, boomt das Kino nach dem Krieg: Das Unterhaltungsbedürfnis ist riesig. Angeschaut wird alles: US-Komödien, Musikfilme, Krimis, Western, Mantel- und Degenfilme. Beliebt sind vor allem Heimatfilme. Viele Streifen bleiben wochenlang im Programm.

Aus heutiger Sicht kann man sich nur wundern, welche Filme vom Publikum als skandalös wahrgenommen wurden: 1951 läuft die "Sünderin" mit Hildegard Knef. Es ist die Geschichte einer Prostituierten mit einer kurzen Nacktszene. Scharen von Zuschauern wollen sich das nicht entgehen lassen. Als 1964 Ingmar Bergmanns "Das Schweigen" gezeigt wird, mit einer angedeuteten Selbstbefriedigung der Hauptdarstellerin, treibt es die Anhänger der "Sauberen Leinwand" auf die Barrikaden. Der Schaukasten vor dem Kino wird eingeschlagen, Leserbriefe und Protestschreiben werden verfasst.

Der "Filmonkel" kommt

Der Kinoboom führt dazu, dass Willi Jainz 1952 ein weiteres Kino an der Hardenbergstraße errichtet, das "Union-Theater" (UT). Die moderne Architektur mit breiter Freitreppe und lichtem Foyer bietet 650 Zuschauern Platz. Die versenkbare Bühne kann auch für Theater- und Musikveranstaltungen genutzt werden. 1959 kommt noch das "Kleine Haus" mit weiteren 160 Sitzen dazu. 1975 ist die UT-Ära vorbei, das Haus wird verkauft und umgebaut.

Das Buch

Bernhard Kriest, Kulmbacher Kinogeschichte, 110 Seiten, DIN-A4-Format. Bestellung beim Verfasser per Brief an 85326 Kulmbach, Windischenhaig 50, per Telefon 09221/6212 oder per E-Mail an b.kriest@web.de. Der Preis beträgt 14, 50 Euro.