Ein Dialog auf WhatsApp: "Hallo ***, magst Du Dir nebenbei was verdienen? Ich würde mich freuen, wenn Du mir privat die Haare machen könntest. LG ***" - "Ne das darf ich leider nicht. Da komme ich in Teufels Küche. Ich mache mich strafbar." - Man schreibt ein bisschen hin und her. Dann: "Wenn Du mir sagt, Du machst Dich strafbar, wenn Du mir privat die Haare machst.... dann machst du totales Misstrauen mir gegenüber deutlich!!!! Als wenn ich Dich ,verpetzen' würde.... kannst mich gerne aus Deiner Stammkunden-Liste löschen!!!"

So etwas kann sich keiner ausdenken. "So etwas passiert immer wieder", sagt Frank Walther, Friseurmeister und Obermeister der Kulmbacher Friseur-Innung. Aufforderung zur Schwarzarbeit? Im Lockdown beinahe an der Tagesordnung.

Seit Mittwoch letzter Woche gilt die 11. Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (11. BayIfSMV). Im § 12, Absatz 2 , heißt es: "Dienstleistungen, bei denen eine körperliche Nähe zum Kunden unabdingbar ist, wie zum Beispiel

Friseure, Kosmetikstudios, Massagepraxen, Tattoo-Studios oder ähnliche Betriebe sind untersagt."

Videobotschaft

Wie viele seiner Berufskollegen hat auch Frank Walther seinen Salon schließen müssen. In einer Videobotschaft auf Facebook und Instagram wandte Walther sich an seine Kunden: Natürlich sei es nicht leicht, wenn man sein Geschäft schließen müsse, sagt er. Aber man trage gerne dazu bei, die Pandemie einzudämmen.

Manche der Kunden sehen das wohl etwas anders. Er und seine Mitarbeiterinnen seien, so sagt Frank Walther, schon mehrfach angesprochen worden, ob man das mit dem Haarschnitt nicht ganz privat, daheim bei einer Tasse Kaffee, regeln könne. Das seien dann ja auch nur zwei Haushalte - und das sei ja erlaubt.

"Kaffeetrinken"

Auch bei seinen Kollegen in Kulmbach und anderswo gebe es immer wieder solche Anfragen, weiß der Obermeister. So schildert eine Kollegin in einem Internet-Forum: "Ich wurde auch schon gefragt, ob man zum ,Kaffeetrinken' kommen könnte und mit kürzeren Haaren wieder gehen könnte... NEIN... könnte man nicht!"

Auch in Kulmbach ist die Antwort auf solche Anfragen kurz und eindeutig: Nein!

"Erstens sind seit einer Woche alle Dienstleistungen untersagt, bei denen man sich dem Kunden mehr als 1,50 Meter nähern muss. Und zweitens wäre das Schwarzarbeit. Und die ist auch verboten."

So müssen nicht nur die Friseure immer wieder agieren. Aus Physiotherapie-Praxen und Kosmetik-Studios ist ähnliches zu hören. Erstere dürfen zwar auf ärztliche Verordnung behandeln, aber nicht anbieten, was eher als "Wellness" gilt und privat gezahlt wird. Letztere müssen, wie Friseursalons auch, ganz geschlossen bleiben.

5000 Euro Bußgeld

Verstöße gegen diese Vorschrift können teuer werden. Seit dem 16. Dezember gilt nicht nur die neue Verordnung, sondern auch ein neuer Bußgeld-Katalog "Corona-Pandemie", erfahren wir von Heinrich Rauh, Sachgebietsleiter für öffentliche Sicherheit, Verbraucherschutz und Gewerbewesen im Kulmbacher Landratsamt.

Hier ist festgelegt, dass bei einem Verstoß gegen das bereits zitierte Verbot von Dienstleistungen, bei denen eine körperliche Nähe zum Kunden unabdingbar ist, also zum Beispiel das Haareschneiden, ein Regelsatz (Geldbuße) von 5000 Euro gilt. Adressat des Bußgeldbescheides ist der Verantwortliche des Dienstleistungsbetriebes, also in der Regel der Betriebsinhaber.

Der Kunde kann, so Rauh, nicht mit einem Bußgeld belegt werden.

Freilich gibt es schwarze Schafe, die sich selbst von drastischen Strafen nicht schrecken lassen. "Auch in Kulmbach", mutmaßt Friseurmeister Frank Walther, und erinnert sich an einen Kollegen ("nicht Mitglied der Innung"), der auch die eine oder andere Dienstleistung so nebenbei erbracht hatte: "Dem habe ich in einem Gespräch erklärt, was Sache ist. Man will ja niemanden gleich anzeigen."

Frank Walther appelliert an das Verständnis der Kunden. "Wir müssen alle zusammenhalten", sagt er in dem erwähnten Video.

Dass zumindest bei manchen Kunden die Argumente fruchten, zeigt ein weiterer WhatsApp-Dialog, so wie der erste auch in einem Fachforum für Friseure nachzulesen: "Moin, sach mal... Du bist ja jetzt quasi arbeitslos. Hast du Bock nächste Woche mich und meine 2 Jungs zu schneiden?!?" - "... ich muss leider ablehnen. Ich bin zwar ohne Arbeit aber in einem bestehenden Arbeitsverhältnis. Freue mich nach dem Lockdown dich ... wiederzubegrüßen." - "Du darfst also nicht nebenbei Haare schneiden?!?" - "... Das fällt halt unter Schwarzarbeit. Und das kann mich 15 000 Euro, meinen Job und meinen Gesellenbrief kosten. " - "Hmm ok... dann schneid' ich sie mir wieder selbst."

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar:

Auf der Suche nach dem Schlupfloch

Um einen falschen Eindruck gar nicht erst entstehen zu lassen: Ich weiß sehr genau um die Sorgen der Gastronomen und Künstler, Taxifahrer, Friseure oder Einzelhändler. Die Corona-Pandemie bringt sie in große wirtschaftliche Nöte, manche auch in existenzielle Schwierigkeiten.

Ich kenne aus eigenem Erleben die unschönen Begleiterscheinungen des Corona-Alltags: Das Maskentragen, die Kontaktbeschränkungen, die ständig neuen Regeln, die zumindest für Laien nicht immer ganz durchschaubar sind.

Aber ich bin fest davon überzeugt: Es geht nicht anders. Nur, wenn wir uns alle für einige Zeit sehr zurücknehmen und unsere Kontakte beschränken, haben wir eine Chance, die Zahl der Neuinfektionen auf einem Stand zu halten, der von unserem Gesundheitssystem noch bewältigt werden kann. Solange, bis es eine Impfung für alle oder eine wirksame Therapie gibt.

Deswegen schüttle ich nicht nur den Kopf, sondern ärgere mich ganz gewaltig, wenn immer wieder versucht wird, Regeln zu ignorieren, zu unterlaufen oder zumindest sehr eigenwillig zu interpretieren.

Die Kreativität bei der Schlupflochsuche kennt offensichtlich keine Grenzen. Da wird, wie oben zu lesen, Schwarzarbeit mit Missachtung des Abstandsgebots allen Ernstes in Erwägung gezogen. Da werden Geburtstagsfeiern "gestreckt": Die Gäste - gerade einmal so viel wie erlaubt - bleiben nur ein Stündchen, um den Nachfolgern für die nächste Stunde die Klinke in die Hand zu geben. Da wird im Partykeller gefeiert und auf der Terrasse in fröhlicher Runde gegrillt. Maskenfrei. Und unter der Hand werden Tipps gehandelt, wer einen kennt, der einen kennt, der einen durch die Hintertür in einen Laden führt, der eigentlich geschlossen ist.

Ganz Clevere legen nicht genehmigungsfähigen Veranstaltungen ein neues Mäntelchen um - und plötzlich geht es. So wurde neulich ein Konzert in Kulmbach abgesagt, tauchte aber wenige Tage später wieder im Veranstaltungskalender auf. Verlegt in eine Dorfkirche, garniert mit ein paar geistlichen Elementen. Schon war's ein Gottesdienst! Kritik? Ist unerwünscht. Da wird dann schon mal die Grundrechts-Keule geschwungen und zumindest innerlich trotzig und bockig mit dem Fuß aufgestampft. ABER! ICH! WILL!

Noch weiß niemand so genau, wie wir der durch das Corona-Virus verursachten globalen Krise beikommen können. Aber ich weiß zumindest eins: So nicht!