Die neue Transparenz im Kulmbacher Rathaus ist anstrengend. "Ich hätte es mir leichter machen können", sagte Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD). Dann wäre das Bauvorhaben am Pörbitscher Platz 6 in der Stadtratssitzung am 1. Juli behandelt worden. Doch er wolle bewusst die Bürger frühzeitig informieren und anhören, bevor der Stadtrat entscheidet. Lehmann: "Wir machen nichts hintenrum."

So gab es am Montagabend in der Stadthalle eine kontroverse Diskussion über das große "Z": über die Pläne der Baugesellschaft GBI aus Erlangen, die - wie berichtet - auf dem 4500 Quadratmeter großen Grundstück der früheren Gastwirtschaft "Bayerischer Hof" und des ehemaligen Minigolfplatzes einen Z-förmigen Neubaukomplex mit 63 geförderten Wohnungen errichten will. "Wir brauchen Wohnungen - auch für diejenigen, die auf den Euro schauen müssen", stellte Lehmann fest.

"Erhebliche Aufwertung"

"Wir befinden uns ganz am Anfang des Verfahrens. Es wurde Antrag auf Vorbescheid gestellt, und es ist noch nichts in Stein gemeißelt", erklärte der Oberbürgermeister vor zirka 50 Zuhörern - etwa die Hälfte davon Nachbarn aus der Pörbitsch und der Blaich. Alle Fraktionen des Stadtrats, so Lehmann, hätten sich für die Innenentwicklung der Stadt ausgesprochen, bevor neue Baugebiete ausgewiesen und Flächen versiegelt werden. Deshalb sei die Bebauung der Brachfläche sinnvoll und wünschenswert. Er bezeichnete das Projekt - auch im Namen seines Stellvertreters Frank Wilzok (CSU) - als "erhebliche Aufwertung für die Blaich und für die ganze Stadt Kulmbach".

Der Vertreter des Investors GBI, Matthias Bauer, stellte die Planung vor. Demnach sind beim Mittelbau vier Vollgeschosse vorgesehen und drei bei den seitlichen Baukörpern. Das Flachdach werde begrünt, ebenso die Fassade. Für jede Wohnung gebe es einen Stellplatz, davon 37 in der Tiefgarage. Angestrebter Baubeginn sei April 2022, Fertigstellung im September 2023.

Lebensqualität geht verloren

In der Nachbarschaft sieht man das Projekt offenbar kritisch. Mehrere Redner bezeichneten den Bau als überdimensioniert. Der Verkehr werde stark zunehmen und damit die Lautstärke sowie die Probleme, im Viertel einen Parkplatz zu finden. Außerdem wurde bezweifelt, ob der Wasserdruck in der Blaich überhaupt ausreichend sei.

"Ein Irrsinn", meinte Rainer Röhlich. "Wir sind erschlagen durch diesen Bauklotz, den man uns da reinsetzen will." Die bisherige Lebensqualität in dem von Einfamilienhäusern geprägten Umfeld sei dann beim Teufel.

Volker Posel wies darauf hin, dass es jetzt schon zu viel Verkehr in der Blaich ("absoluter Wahnsinn") gebe. Er frage sich, wo die Besucher der Mieter oder deren Zweitwagen stehen sollen. Aufgrund der schwierigen Verkehrssituation forderte er ein absolutes Halteverbot im Bereich des Pörbitscher Platzes. Auch Posel kritisierte den "Riesenklotz".

Dem hielt Stefan Schelter vom Stadtbauamt entgegen, dass es keinen Bebauungsplan gebe. Deshalb müsse man sich an der Umgebung mit zweigeschossigen Einfamilienhäusern, aber auch Geschosswohnungsbau mit drei oder vier Stockwerken orientieren. Folglich sei das neue Gebäude zulässig.

Winkler bringt Schärfe rein

Schärfe in die Debatte brachte Peter Winkler, dem in Kulmbach eine Vielzahl von Immobilien gehört, der aber nicht in der Blaich wohnt. Neben dem Bauvolumen störte ihn, wer dort "in bester citynaher Wohnlage" einziehen soll. "Das ist ein Mieterklientel, das man nicht in seiner Nähe wünscht", sagte Winkler. Es fiel das Wort "Wanzensiedlung".

Hier widersprach Marion Resch-Heckel, die viele Jahre die Bauabteilung bei der Regierung von Oberfranken leitete. Die Behörde sorge für eine "gute soziale Durchmischung", sagte sie und versicherte: "Die Befürchtung, dass nur Sozialfälle hinkommen, muss man nicht haben." Obwohl sie die Lückenbebauung und das Konzept des geförderten Wohnungsbaus lobte, kritisierte die Architektin "die massive Bauweise, die eher großstädtisch wirkt". Sie sprach sich für eine aufgelockerte Bebauung aus.

Wer kann hier einziehen? Dass der ganz normale Mittelstand in dem Neubau wohnen werde, unterstrich auch GBI-Sprecher Bauer. Nach seinen Worten kämen 60 Prozent der Bevölkerung als Mieter in Frage. Einziehen könne, wer staatlich festgelegte Einkommensgrenzen nicht überschreitet. Für Kulmbach sei eine höchstzulässige Miete von neun Euro pro Quadratmeter festgesetzt worden. Bei geförderten Objekten bezahlen die Mieter aber nur fünf, sechs oder sieben Euro - je nach Einkommensgruppe. Die Differenz werde durch einen staatlichen Mietzuschuss ausgeglichen. Dazu nannte Bauer einige Zahlenbeispiele und Verdienstgrenzen: 21 000 Euro Jahresbrutto bei einer Einzelperson in der Höchstförderung, 41 300 Euro bei zwei Personen in der mittleren Förderung oder 81 700 Euro bei einer vierköpfigen Familie in der geringsten Förderstufe.

"Ich nehme mit, dass es grundsätzlich keine Einwände gegen die Bebauung gibt, aber es sollte nicht so massiv sein", sagte OB Lehmann. Es gehe nun darum, zusammen mit dem Investor "eine vernünftige und tragfähige Lösung auf die Beine zu stellen".

Kommentar: Seltsam, seltsam

Ein Sturm der Entrüstung war es nicht. Aber der Protest der Nachbarschaft gegen das Bauvorhaben am Pörbitscher Platz - etwa 25 Anwohner kamen am Montagabend in die Stadthalle - ist legitim. Wer sich in der Pörbitsch sein Traumhaus gebaut hat, muss nicht begeistert sein, wenn dort künftig der Verkehr zunimmt, mehr Autos einen Parkplatz suchen und der Neubau vielleicht den Burgblick verstellt. Alles nachvollziehbar.

Leider klatschen die Nachbarn jedoch auch Beifall beim seltsamen Auftritt von Peter Winkler. Der Kulmbacher Immobilienmagnat - angeblich "vollkommen interessenfrei", wie er sagt - diskriminiert locker-flockig alle Mieter, die in eine geförderte Wohnung einziehen. Gesindel, das man nicht um sich haben will. Er bedient Vorurteile - gegen soziale Schwache, gegen Hartz-IV-Empfänger, gegen Alleinerziehende mit geringem Einkommen. Bei seinem Rundumschlag interessiert ihn eine differenzierte Betrachtung nicht. Einkommensgrenzen für Mieter? Völlig wurscht! So sehr ereifert er sich, dass er Tatsachen ausblendet. Denn 60 Prozent der Bevölkerung könnten in dem Neubau am Pörbitscher Platz einziehen: die Verkäuferin, die ihm seine Brötchen einpackt, der Automechaniker, der seinen Jaguar repariert, oder der Lehrer, der seine Kinder unterrichtet hat.

Und die Krönung: Ausgerechnet Herr Winkler beruft sich aufs Stadtbild und meint, der "Riesenbrocken" passe nicht in die Blaich. Fürs Stadtbild hat er sonst wenig übrig. Einige seiner Immobilien im geschützten Ensemble der Altstadt lässt er vergammeln. Unter anderem ein ehemals prächtiges Haus im Gasfabrikgässchen 1, gegenüber der Lobinger-Villa. Dort sind Löcher im Dach, es regnet rein. Mahnungen der Stadt vor einem Jahr, den Schaden zu beheben, ignoriert der Stadtbildretter.