Oft scheint ihm Brüssel näher als Bayern, jedenfalls entnimmt man das seinen Aussagen im Dialog mit Emmi Zeulner, mit der er am Dienstagabend in der Stadthalle gemeinsam Wahlwerbung für die CSU macht. Kein Wunder, hat der heute 75-jährige Edmund Stoiber doch sieben Jahre lang als Mitglied einer EU-Arbeitsgruppe das Bürokratie-Dickicht zu lichten versucht. Angeblich hat er Unternehmen dabei Einsparpotenziale in Höhe von mehr als 30 Milliarden Euro aufgezeigt. So jedenfalls lautet seine persönliche Erfolgsbilanz, wohlgemerkt außerhalb Bayerns.

Doch der ehemalige Ministerpräsident des Freistaats, der er 14 lange Jahre war, kehrt nun zurück in die heiße Phase des Wahlkampfes, nicht zuletzt um Direktkandidaten wie Emmi Zeulner Geleitschutz zu geben. Rund 300 Zuhörer sind zugegen, als sich die beiden im Gespräch mit Bayernkurier-Chefredakteur Marc Sauber durch die gefühlt drängendsten Probleme wühlen. Allen voran: die Herausforderung der Integration von Flüchtlingen. Stoiber konstatiert: Die Obergrenze, wie sie die CSU fordert, sei "logische Konsequenz aus der Entwicklung seit 2015", auch wenn das nicht jeder gerne hören mag. Integration, die den Namen verdient, sei nur möglich, wenn die Zahl derer, die noch kommen, im überschaubaren Rahmen bleibe. "Und von denen, die schon da sind, müssen wir natürlich genau wissen, wer das ist."

Dafür gibt es Applaus im Saal. Und auch dafür, als Stoiber vehement für eine weitere CSU-Hauptvokabel streitet: die Leitkultur. "Es ist richtig, dass Horst Seehofer diese Debatte führt. Wir können nun mal nicht leugnen, dass unsere Geschichte geprägt ist von Humanismus, aber eben auch von der Christianisierung, also dem christlichen Weltbild. Deswegen gebe ich auch dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulf nicht Recht: Die Muslime, die hier leben und sich in unsere Gesellschaft einfügen, die gehören natürlich zu Deutschland. Der Islam als solcher aber nicht."

In diesen Momenten läuft Stoiber zur Hochform auf. Minutenlange Statements und ein Satzbau, der nicht immer direkt zum Punkt führt, sondern Umwege nimmt, sich manchmal auch im Nirgendwo verliert. Das oft belächelte "Äh" früherer Reden ist aus seinem Duktus verschwunden. Legendär seine Versprecher wie etwa der von der "hingerichteten Blume" im Garten und natürlich die Transrapid-Rede mit der epochalen Zehn-Minuten-Theorie Hauptbahnhof/Flughafen. In der Stadthalle verhaspelt er sich einmal und äußert, in Anlehnung an das Wahlmotto Donald Trumps: "Make America first again". Eigentlich hatte er damit bekunden wollen, dass Europa sich angesichts eines unsicheren Kandidaten im Weißen Haus mehr auf sich und seine Stärken besinnen sollte.

Verbaler Fauxpas hin oder her: Stoiber ist ein ausgemacht kluger Kopf, der bisweilen zu viel Information in eine Antwort packen will - was nicht zuletzt seinem als bewundernswert geltenden Detailwissen geschuldet ist. Stoiber galt stets als Aktenfresser, der sich an Themen und Zusammenhängen regelrecht festbeißen konnte. Dass sein Besuch nicht, wie eine Woche zuvor der des gestrauchelten Karl-Theodor zu Guttenberg (im Gegensatz zu ihm hat Stoiber seinen Doktortitel der Rechtswissenschaften nach wie vor), eine Massenhysterie auslösen würde in Kulmbach, war klar. "Ich kann nicht wie KT die außenpolitischen Zusammenhänge so forsch erklären", sagt er bescheiden.

Und doch hat der Elder Statesman der Politik mit den wachen Augen hinter der randlosen Brille etwas zu sagen. Fast väterlich legt er Emmi Zeulner die Hand auf den Arm und bekundet: "Nicht zuletzt dafür, junge Menschen wie sie auf dem politischen Spielfeld zu unterstützen, bringe ich mich gerne ein in den nächsten Wochen." Laut Angaben der CSU sind 25 Auftritte Stoibers geplant - fünf davon sind solche Dialoge.

Die 30-Jährige nutzt die Gunst der Stunde. Sie analysiert mit ihrem Gast das TV-Duell zwischen Martin Schulz und Angela Merkel ("mehr Duett als Duell"), streift die Besorgnis erregende Erfolgsstory der AfD (für Stoiber "nach Lucke eine klar rechtsextremistisch ausgerichtete Partei") und landet schließlich bei der Steuerpolitik für die kommende Legislaturperiode. Für die Abgeordnete eine Frage der politischen Glaubwürdigkeit. "Ich stehe nach wie vor dafür, dass diese angekündigte Entlastung für die Bürger kommt. Sie ist kein leeres Versprechen, sondern absolut realistisch. Genauso verhält es sich mit dem Solidaritätszuschlag, den wir schrittweise abschaffen wollen. Das ist alles ganz seriös durchgerechnet." Ungelöst hingegen seien Fragen, wie es etwa mit der Herausforderung Digitalisierung weitergeht.

Digitalisierung - war da nicht mal was? Die Älteren erinnern sich an Stoibers Wahlkämpfe Ende der 1990er Jahre, als er mit "Laptop und Lederhose" die Koexistenz von Tradition und Moderne verschlagwortete (der Ursprung des geflügelten Ausspruchs geht übrigens auf Alt-Bundespräsident Roman Herzog zurück). Der Ausbau der Netze - für den ehemaligen Landesvater mit dem besten aller Landtagswahlergebnisse in der BRD (2003 erreichte seine CSU 60,7 Prozent) ebenso ein europaweit gewichtiges Thema wie der Ausbau einer länderübergreifenden Zusammenarbeit der Behörden bei der Bekämpfung der Kriminalität sowie die Kooperation der EU-Mitglieder bei der Verteidigung.

Mit Verve in der Stimme und der geballten Faust als gestische Unterstreichung des Gesagten: Stoiber streitet in allem für ein Mit- statt Gegeneinander. "Wir brauchen mehr Europa in diesen wichtigen Fragen - und nicht in einer Scheindebatte, ob die Pizza Napoletana einen Mindestdurchmesser von 29 Zentimetern haben muss." Dass es freilich just diese Diskussionen um Normen und Vorschriften wie das Verbot der Glühbirne sind, die bei den Bürgern in Deutschland ein verzerrtes Bild von der EU entstehen lassen, ist auch dem Grandseigneur der Politik nicht verborgen geblieben. "Da gilt es, einiges anders nach außen zu vertreten." Ein Satz, in dem leise Selbstkritik mitschwingt.

Dann wieder zeigt der Ehrenvorsitzende der CSU klare Kante: beim Thema Türkei nämlich. "Was sind wir als CSU angefeindet worden, weil wir immer gesagt haben, dass wir eine privilegierte Partnerschaft, aber keinen EU-Beitritt wollen." Aber auch hier gilt: Ein Alleingang Deutschlands ist nicht die Lösung, sagt er. "Europa muss mit einer Stimme sprechen." Kritik, einmal mehr, am Vorpreschen Einzelner, auch wenn er das Nein zur Türkei, das plötzlich unisono von der Schwesterpartei CDU sowie der SPD postuliert wird, natürlich richtig findet.

Auf seinem Parforceritt durch die große Politik macht er schließlich kurz bei US-Präsident Trump Halt ("ein bizarrer Mensch"), kanzelt EZB-Chef Mario Draghi für dessen Nullzinsfanatismus ab ("das ist keine Währungsstabilisierungspolitik mehr, das ist lupenreine Staatenfinanzierung") und endet - nach einem Zuruf aus dem Publikum - bei der Landwirtschaft. "Ganz klar: Die CSU wäre eine andere Partei, würde sie nicht die Interessen der Bauern vertreten und die Landwirte hinter sich wissen." Emmi Zeulner greift den Ball auf und meint: "Vielleicht kommen Sie ja als Landwirtschaftsminister zurück?"

Das würde auch OB Henry Schramm freuen, der sich freimütig als "Stoiberianer" bekannte. "Das war ein Attribut, das ich immer als Ehre empfunden habe. Zu meiner Zeit als Landtagsabgeordneter war Edmund mein Ministerpräsident." Und Stoiber hat sich auch äußerlich kaum verändert, nur die helle Haarpracht ist ein wenig lichter geworden. Wegen ihr und der markigen Rhetorik zu Zeiten als Generalsekretär an der Seite von Franz-Josef Strauß war er nicht bloß in linken Kreisen "das blonde Fallbeil". Noch heute steht in seinem Büro eine Büste des CSU-Übervaters. Die Worte sind aber - vielleicht der Altersmilde geschuldet - weniger aggressiv. Vielleicht kann er auch anders argumentieren, weil er nicht mehr für seine Person in den politischen Kampf ziehen muss. Mit Emmi Zeulner jedenfalls sieht er den Wahlkreis Kulmbach in besten Händen. "Sie hat sich ihren eigenen Stellenwert in Berlin erarbeitet. Das ist gerade für einen so jungen Newcomer beachtlich."