Bayern hat gestern den Lockdown bis Montag, 9. Mai, verlängert. Damit ist die Chance gleich Null, dass die Fußball-Saison, die sich ja schon fast zwei Jahre hinzieht, noch beendet werden kann. Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) hatte den Abbruch heraufbeschwört, sollten die Vereine nicht bis 3. Mai ins Training zurück dürfen. Vor einer endgültigen Entscheidung des Verbandsvorstands will der BFV aber noch einmal alle Vereine um ihre Meinung fragen, hieß es gestern aus München.

Bei einem vorzeitigen Saisonende wird die erst im August 2020 eingeführte Quotientenregel mit Auf- und Absteigern - aber ohne Relegationsspiele - angewandt. Der neue Paragraf 93 besagt, dass die Tabellen nach dem Quotienten aus Punkten und Spielen berechnet werden. Dies hätte jedoch gravierende Folgen: So müssten einige Klubs absteigen, die jetzt noch über dem Strich stehen. Und nicht jeder aktuelle Tabellenerste dürfte die Meisterschaft und den Aufstieg feiern.

Der für den Raum Bayreuth/Kulmbach zuständige Gruppenspielleiter Gerd Rieß hatte schon vor der neuerlichen Lockdown-Verlängerung wenig Hoffnung, "dass vor Ende Juni noch einmal gespielt werden kann". Dem Weidenberger ist auch klar, dass die neue Quotientenregel "bei einigen Vereinen für Ärger sorgen wird". Der Spielleiter befürchtet sogar Klagen gegen den Verband.

Bereits vor ein paar Tagen haben 50 Klubs aus ganz Bayern auf Initiative des Landesliga-Schlusslichts ASV Rimpar eine Protestnote an den BFV geschickt. Darin fordern sie, den Abstieg auszusetzen. Sie fordern den Verband auf, "in der aktuellen Sondersituation, in der die Vereine schon vor existenziellen Problemen stehen, auch endlich positive Lösungen finden. Auf- und Absteiger zu definieren, als wäre die Saison komplett regulär ausgetragen worden, stellt bei aktueller Sachlage eine äußerst destruktive Lösung dar." Die Unterzeichner halten zudem eine derart "komplexe Ergänzung der Spielordnung während der Saison (...) ohne Anhörung der Vereine" für nicht rechtens.

Spielleiter Gerd Rieß hat Verständnis für die Einwände, sagt aber auch: "Der Paragraf 93 wurde schon im August 2020 eingeführt, damals hat kein Verein Einspruch eingelegt."

Sollte die Quotientenregel gelten, hätte dies auch für viele Kulmbacher Vereine gravierende Folgen.

SSV Kasendorf doppelt im Pech

Gleich doppelt im Pech ist wohl der SSV Kasendorf. Der Bezirksliga-Mannschaft bliebe trotz Vizemeisterschaft die Chance auf die Landesliga verwehrt. Noch bitterer käme es für die 2. Mannschaft. Sie führt zwar derzeit mit zwei Punkten Vorsprung die Tabelle der Kreisklasse Kulmbach an. Doch der Verfolger SG Kupferberg/Ludwigschorgast hat zwei Spiele weniger ausgetragen und wäre nach der Quotientenregel Meister und Kreisliga-Aufsteiger.

Der Fußball-Abteilungsleiter des SSV Kasendorf, Patrick Drechsel, versteht, dass der Verband "in so einer Ausnahmesituation irgendeine Regelung finden muss". Aber besonders für die 2. Mannschaft wäre ein Abbruch "sehr unglücklich, denn so gut wie zuletzt war sie noch nie". Und man wäre schon gerne in erstmals in die Kreisliga aufgestiegen. Drechsel regt deshalb an, auch die Zweiten rauf zu lassen: "Für den abgebrochenen Ligapokal wären ja auch Aufstiegsplätze da gewesen." Zwei knapp verpasste Aufstiege seien natürlich ärgerlich - aber schlimmer sei es für Vereine, die absteigen müssten, weiß Drechsel.

Keine große Freude bei der SG

So richtig freuen kann sich Alexander Weber über die sehr wahrscheinliche Meisterschaft nicht. Der Trainer der SG Kupferberg/Ludwigschorgast sagt: "Auch wenn wir von der Quotientenregel profitieren sollten, ist es zweifelhaft, ob sie gerecht ist." So habe man nach Wiederaufnahme der Saison gerade mal zwei Spiele (4:0 gegen Mainleus, 5:1 in Marktschorgast) bestritten und eines (gegen Schlusslicht FC Neuenmarkt II) kampflos gewonnen. Dass im Verein Feierstimmung wie bei einer "normalen Meisterschaft" aufkommen werde, kann sich Weber derzeit nicht vorstellen. "Das ist schon schade."

ATS im Glück

In der Kreisliga Bayreuth/Kulmbach hätte der ATS Kulmbach Glück. Denn das Team des scheidenden Spielertrainers Florian Hohla hätte zwar nach Rundung auf zwei Stellen hinter dem Komma den gleichen Quotienten (1,04 Punkte) wie der ASV Nemmersdorf und TSV Engelmannsreuth. Doch im direkten Vergleich ist der ATS der lachende Dritte, der ASV und TSV stiegen ab. Hohla hat Mitgefühl mit den Konkurrenten: "Die Quotientenregel ist unfair, auch wenn wir profitieren. Ich würde die Ersten rauf lassen, aber keinen absteigen lassen."

Kommentar von Christian Schuberth: Verband produziert Verlierer

Die Pandemie erzeugt viele Verlierer. Auch die Fußballer gehören dazu, vor allem die kickenden Kinder, die ihren Spieldrang seit Monaten nicht ausleben dürfen. Doch ausgerechnet der Fußball-Verband will noch weitere Verlierer produzieren - sollte es wie zu erwarten zum Saisonabbruch kommen. Nach einer Salami-Saison über zwei Jahre hinweg will der BFV tatsächlich Vereine absteigen lassen. Am Ende gar Klubs, die sich auf dem grünen Rasen noch hätten retten können, weil sie vielleicht im Gegensatz zum direkten Konkurrenten noch gar nicht gegen die Punktelieferanten oder Schießbuden der Liga angetreten sind. Das ist unfair und erzeugt zusätzlichen Frust, den in diesen Zeiten kein Mensch braucht.

Die meisten anderen Sportverbände haben das erkannt und Auf- und Abstieg ausgesetzt. Sie kämpfen um ihre Mitglieder - beim BFV verprellt man sie noch.

Der Aufschrei der Vereine gegen die erst im August 2020 vom BFV-Präsidium beschlossene Regelung kommt zwar reichlich spät, aber hoffentlich noch nicht zu spät. Der BFV muss jetzt endlich einsehen, dass es bei einem Abbruch keinen Absteiger geben darf. Besser noch, überhaupt keine Rechenspielchen, sondern eine komplette Annullierung der Corona-Chaos-Saison.