Yvonne Rothemund wirft so leicht nichts aus der Bahn. Auch kein Torpfosten, der härter ist als ein Schlüsselbein-Knochen. Den brach sich die Eishockey-Nationalspielerin Ende November in einem Bundesligaspiel mit dem MSC Planegg. "Ich wollte unser Tor umfahren, doch nach einer Berührung mit einer Gegenspielerin bin ich ans Metallgestänge geknallt", erzählt die 28-jährige Neuenmarkterin. "Das ist Pech, das kann mal passieren." Bislang hatte sie aber Glück. Denn es ist die erste schwere Verletzung in ihrer langen Karriere. 21 Jahre bereits spielt sie Eishockey im Verein. Als Vierjährige stand Yvonne zum ersten Mal auf Schlittschuhen, ab sieben lernte sie bei den Schülern des ESV Bayreuth die Kunst des Kufensports.

Die Schulterverletzung setzte Rothemund drei Monate außer Gefecht. Rechtzeitig zur entscheidenden Saisonphase in der Frauen-Bundesliga kehrte sie aufs Eis zurück. Fünf Spiele der Hauptrunde und zwei beim Finalturnier durfte die 28-Jährige noch bestreiten, um dann ihren siebten Deutschen Meistertitel mit dem ESC Planegg/Würmtal zu feiern, für den es der achte in der Vereinsgeschichte und der erste seit 2017 war.

Auf wackligen Füßen

Titel Nummer 7 hatte Yvonne Rothemund schon vor einem Jahr dicht vor Augen. In den Play-offs gegen Memmingen hätte der ESC Planegg im eigenen Stadion den Deckel draufmachen können. Dann kam Corona und der DEB blies die Saison kurz vor dem Ziel ab. Auch die neue Serie stand auf wackligen Füßen. Es ging mit Verspätung los, ehe die zweite Corona-Welle für einen Stopp sorgte. "Es war nicht sicher, ob wir wieder spielen dürfen, da es zwischenzeitlich hieß, dass nur der Profisport weitermachen darf", sagt Rothemund. Schließlich ist Frauen-Eishockey in Deutschland - im Gegensatz zu Kanada und den USA - kein Vollerwerbsberuf. "Die meisten Spielerinnen studieren oder gehen auf die Arbeit." Lediglich die Nationalspielerinnen wie Rothemund können sich voll auf ihren Sport konzentrieren. Denn die 16 A-Kaderathletinnen gehören der Sportfördergruppe der Bundeswehr an. Die Neuenmarkterin ist seit September 2019 dabei.

Erfolgreiche Initiative

"Erst auf die Initiative einer Spielerin hin gab die Politik allen deutschen Top-Ligen grünes Licht für die Saison-Fortsetzung im Lockdown", berichtet Yvonne Rothemund. Spielverschiebungen wegen Corona gab es glücklicherweise kaum, doch mussten die ESC-Frauen zum Training und den Spielen von ihrem angestammten Eisstadion in Grafing bei München nach Miesbach ausweichen. Erst zum Saisonende konnten sie wieder nach Grafing zurück.

Rothemund wohnt seit ein paar Jahren im Landkreis Ebersberg östlich von München. Drei Mal in der Woche ist Mannschaftstraining beim ESC Planegg/Würmtal - aber erst am Abend, wenn die Teamkolleginnen der 28-Jährigen mit der Arbeit fertig sind. Die Fränkin liegt aber tagsüber keineswegs auf der faulen Haut. "Ich kann den Olympiastützpunkt in München nutzen und dort Krafttraining machen. Außerdem gehe ich Laufen und mache meine eigenen Übungen." Da kommt Yvonne Rothemund ihre vielseitige sportliche Grundausbildung zugute, betrieb sie doch früher als Ausgleich zum Eishockey beim UAC Kulmbach Leichtathletik. Auch im Umgang mit Hammer, Diskus, Speer und Kugel hatte die Neuenmarkterin großes Talent. So war sie im Rasenkraftsport Süddeutsche Jugend-Meisterin.

Finalturnier statt Play-offs

Der Deutsche Eishockey-Bund hatte sich in dieser Saison wegen der Corona-Pandemie gegen Play-off-Spiele und für den alten Modus mit einem kompakten Finalturnier an einem Wochenende entschieden. Das fand in Füssen statt. Der ESC Planegg/Würmtal als Hauptrunden-Zweiter traf im Halbfinale auf den Erzrivalen ECDC Memmingen, den Meister der Jahre 2018 und 2019. "Es war ein sehr gutes und enges Spiel, in dem wir unsere Chancen besser genutzt haben", fasst Yvonne Rothemund das Duell (2:1) zusammen.

Im Finale trafen die Münchner Vorstädterinnen auf die Eisbären Berlin, die im zweiten Halbfinale überraschend den Hauptrunden-Ersten und Topfavoriten ERC Ingolstadt ausgeschaltet hatten. Wie schon gegen Memmingen bekam Rothemund von Trainer Marcel Breil viel Eiszeit - trotz ihres Trainingsrückstands nach der Verletzungspause. Die 29-Jährige hat aber nichts dagegen, sich voll zu verausgaben: "Das mag ich, auch wenn man hinterher schon merkt, was man leisten musste." Auch im Endspiel boten die jungen Berlinerinnen dem deutschen Rekordmeister couragiert Paroli. "Es war ein sehr schnelles, gutes Spiel, wirklich Werbung für das Frauen-Eishockey", sagt die Verteidigerin aus Oberfranken. Am Ende setzte sich die größere Erfahrung und Klasse des ESC Planegg/Würmtal durch (4:1).

WM im Mai in Kanada

Die Eishockey-Saison ist für Yvonne Rothemund damit längst nicht beendet, denn es steht ja noch die Weltmeisterschaft vom 6. bis 16. Mai in Kanada auf dem Programm. "Kanada ist mein absolutes Lieblingsland", freute sie sich schon vor einem Jahr auf Nordamerika. Wegen der Pandemie wurde die WM um ein Jahr verschoben. Eine neuerliche Absage wollen die Organisatoren heuer unbedingt vermeiden und haben mit einem strengen Hygienekonzept vorgebaut. "Wir müssen nach der Ankunft in Kanada acht Tage in Quarantäne und befinden uns dort mit allen Mannschaften in einer Blase", sagt Yvonne Rothemund.

Seit gestern Lehrgang in Füssen

In dieser Woche trainiert sie mit dem deutschen Nationalteam in Füssen. Erst nach einem weiteren Lehrgang wird der WM-Kader nominiert. Die 115-fache Nationalspielerin Yvonne Rothemund muss wohl wie noch nie zuvor um ihr Ticket kämpfen. Sie sagt: "Der Konkurrenzkampf ist sehr groß, denn es sind sehr viele junge Spielerinnen nachgekommen, was für das deutsche Frauen-Eishockey natürlich gut ist."

Das Schlüsselbein sollte dabei keine Rolle mehr spielen. "Da merke ich nichts mehr, und Spielpraxis konnte ich zum Glück noch etwas sammeln." Letzlich hofft sie auch darauf, dass die Bundestrainerin Franziska Busch, die Christian Künast nach seinem Aufstieg zum DEB-Interims-Sportdirektor bei der WM vertritt, nicht auf Rothemunds Erfahrung verzichten kann.

Die WM ist für die 28-Jährige aber nur ein Zwischenziel auf dem Weg zu ihrem ganz großen Traum - einer Olympia-Teilnahme im Frühjahr 2022 in Peking. Das Ticket nach China wollen die deutschen Frauen bei einem Olympia-Qualifikationsturnier in Füssen gegen Norwegen, Österreich und einen noch nicht feststehenden Gegner lösen. "Olympia ist natürlich mein großes Ziel. Dafür lohnt es sich, ganz viel Arbeit und Schweiß reinzustecken."