Merlin Hummel tauscht seinen Wurfhammer gegen eine Axt. Ein paar kräftige Schläge ins Eis der Kulmbacher Kieswäsch - und schon ist wenige Meter vom Ufer entfernt ein kleines Loch entstanden. "Jetzt ist mir schon etwas warm", sagt Hummel einige Minuten später. Da kommt die Abkühlung gelegen. Bis auf die Unterhose zieht er sich aus. Die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt, als der 19-jährige Hammerwerfer vom UAC Kulmbach vorsichtig ins Wasser steigt. Er verzieht keine Miene, für ihn ist das längst Routine geworden.

Eisbaden geht der deutsche Vizemeister im Hammerwerfen in der kalten Jahreszeit regelmäßig. Mit im Gepäck hat er seinen Kumpel Alexander Eframov, der ihn vor etwa eineinhalb Jahren zum Eisbaden gebracht hat. "Es gab schon Wochen in diesem Winter, in denen wir jeden Tag gegangen sind", sagt Hummel. "Meistens gehen wir aber zwei bis drei Mal. Das reicht dann auch."

Hummels Lieblingsort ist die Kieswäsch im Naherholungsgebiet Mainaue. "Da fahre ich nur drei Minuten hin, das ist schon praktisch." Seltener sucht das größte deutsche Hammerwurf-Talent den Goldberg- und den Fichtelsee auf. Doch dortige Besuche könnten sich in den nächsten Tagen wieder häufen. "Wenn es jetzt wieder wärmer wird und das Eis in der Kieswäsch taut, ist es am Goldberg- und Fichtelsee noch gefroren", erklärt Hummel.

Der Kulmbacher ist mittlerweile seit knapp fünf Minuten im Wasser. Eine Familie läuft vorbei. Die Frau fragt, ob sie ein Foto machen darf. "Na klar, gerne", sagt Hummel. Er ist entspannt. Die Kälte lässt ihn kalt. Frieren? Fehlanzeige. "Vier Minuten bleibe ich mindestens im Wasser", sagt Hummel, der Eisbaden einerseits zur Abhärtung, zur Stärkung des Immunsystems, andererseits zur Regeneration nutzt: "Am Sinnvollsten ist es für mich nach einem anstrengenden Kraft- oder Ausdauertraining." Durch die Kälte verengen sich zunächst die Blutgefäße. Wenn sich der Körper daran gewöhnt hat, entspannen sich die Muskeln, die Gefäße weiten sich. Dann wird das überschüssige Laktat schneller abgebaut. Hummel kann früher wieder seine Leistung bringen.

Schluss mit kalten Füßen

Fünfmal in der Woche trainiert Hummel derzeit auf der Stadtsteinacher Wurfanlage, die er als Kaderathlet auch in Lockdown-Zeiten nutzen darf. Dabei hat der 19-Jährige einen weiteren positiven Effekt des Eisbadens festgestellt. "Im Winter werden die Füße beim Training ganz schön strapaziert", erklärt Hummel. "Früher sind sie mir auch immer abgefroren, aber mittlerweile merke ich das nicht mehr. So kann ich mich besser auf das Training fokussieren."

Acht Minuten sind vergangen. Hummel hat für heute genug. Langsam steigt er aus dem Wasser. Sein Körper ist rot, doch kalt ist ihm nicht. "Alles Gewöhnungssache", sagt der 19-Jährige und lacht. Als Hummel mit dem Eisbaden begann, hatte er Respekt. "Am Anfang hatte ich Bedenken, dass ich mich zum Beispiel überschätze und das Bewusstsein verliere", sagt er "Man weiß ja nie, was passieren kann." Auch deswegen hat Hummel immer einen Kumpel dabei, gerade bei Tauwetter und brüchigem Eis.

Großereignisse im Blick

Sicherer wird es wieder, wenn das Eis ganz verschwunden ist. "Dafür muss ich dann länger im Wasser bleiben, weil es ja wärmer ist", sagt Hummel. Vielleicht weiß der 19-Jährige bis dahin auch, wann er seinen ersten Wettkampf im Jahr 2021 absolvieren wird. "Normalerweise hätte ich jetzt schon meine ersten Winterwettkämpfe bestritten", sagt er. Doch Wettkampfpraxis gibt es derzeit nicht. "Natürlich kann man im Training mal das Wettkampfgerät herausholen und auf volle Leistung werfen, aber es ist nicht das selbe." So war Hummels bislang letzter Wettkampf die bayerische Meisterschaft Ende September. Dort schleuderte er den Hammer auf 76,28 Meter.

In fünf Monaten steht die Europameisterschaft der U20 im estnischen Tallin an. Einen Monat später ist die Weltmeisterschaft im kenianischen Nairobi geplant. Bis dahin will Hummel in Topform sein. "Ich trainiere gezielt auf die beiden Wettkämpfe hin", sagt der Kulmbacher. Sorgen wegen der Vorbereitung mache er sich nicht: "Es ist natürlich eine neue Herausforderung. Man muss sich den Gegebenheiten anpassen. Ich habe da vollstes Vertrauen in meinen Trainer Martin Ständner. Er hat immer einen guten Plan."