Die Classic-Kegler aus Zerbst sind aber nicht die Einzigen, die ihre Liga nach Belieben dominieren. In der Disziplin Schere holten die Kegelfreunde Oberthal zwischen 2002 und 2014 13 Titel in Folge. Und bei den Bohle-Keglern legten die Rivalen Hannover (1993 bis 2003) und Phönix Kiel (2011 bis 2019) ähnliche Siegesserien auf die Bahn. Für Hoffmann sind solch dominante Vereine im Kegeln nicht ungewöhnlich. "Es haben sich Hochburgen gebildet, die aufgrund ihrer Erfolge Vorteile gegenüber anderen Standorten haben."
Eine dieser Hochburgen ist Bamberg. Der SKC Victoria zählt zu den erfolgreichsten Vereinen Deutschlands. Die Bamberger Frauen sind ähnlich dominant wie die Zerbster Männer. Seit 2005 holten die Bambergerinnen 15 deutsche Meisterschaften in Folge. Eine, die bei allen Erfolgen der Victoria dabei war, ist Daniela Kicker.
Langeweile? Fehlanzeige!
Langweilig, sagt Kicker, sei die Bundesliga trotz der Dominanz der Victoria aber nicht. "Das wäre zu provokant formuliert. Jede Spielerin hängt sich voll rein und opfert ihre Freizeit, um den größtmöglichen Erfolg zu haben." Trotz 15 Meisterschaften in Folge sei jede Saison eine neue Herausforderung. "Wir gehen nie in eine Spielzeit und denken, dass wir schon Meister sind", sagt Kicker. Die seit 1996 für Bamberg kegelnde Kicker zieht die aktuelle Saison als Beispiel heran: Die Victoria musste um ihre Vormachtstellung kämpfen.
"In der Hinrunde lagen wir nur auf Platz 3. Wir hatten verletzungsbedingt Ausfälle und Spielerinnen, die wegen Schwangerschaft fehlten." Zwei Spieltage vor Schluss liegen die Bambergerinnen aber wieder auf dem ersten Platz und können vom 16. Titel in Serie träumen. Weil die beiden abschließenden Spieltage aufgrund der Coronavirus-Krise ausgesetzt sind, ist noch offen, wie es mit der Saison weitergeht.
"Es gibt aktuell wichtigere Dinge"
"Sollte die Spielzeit annulliert werden und es keinen Meister geben, wäre das zwar schade, aber auch nicht dramatisch. In der aktuellen Lage gibt es wichtigere Dinge", betont Kicker. Das Bamberger Urgestein begründet die Dominanz mit der Attraktivität der Victoria und der Konstanz im Kader. "Der Erfolg macht es einfacher, gute Spielerinnen zu bekommen", sagt Kicker, "aber der Hauptgrund ist für mich, dass die meisten Spielerinnen schon seit vielen Jahren in Bamberg spielen." In der gewachsenen Mannschaft herrschten eine gute Stimmung und ein großer Zusammenhalt. "Neid gibt es bei uns nicht, bei anderen Vereinen aber schon."
Ein weiterer Erfolgsfaktor: Bambergs Unterbau. Die zweite Mannschaft spiele in der 2. Liga eine gute Rolle und die überwiegend jungen Spielerinnen wollen sich für die "Erste" empfehlen. Der sportliche Dauer-Erfolg hat aber eine Kehrseite: Immer weniger Zuschauer sind bei Heimspielen dabei. "Die Region ist satt", sagt Kicker und schiebt mit einem Schmunzeln hinterher: "Vielleicht sollten wir wieder einen Durchmarsch aus der Kreisliga starten." 1994 begann mit dem Kreisliga-Titel der Siegeszug an die nationale Spitze.
Das sagt die Zerbster Konkurrenz
Den höchsten Etat, die besten Strukturen, den Bundestrainer in den eigenen Reihen: Die Vormachtstellung von Rot-Weiß Zerbst scheint zementiert. Selbst die Konkurrenz glaubt nicht an eine zeitnahe Wachablösung."Man soll niemals nie sagen. Aber Zerbst hat schon deutliche Vorteile, und wenn es normal läuft, werden sie auch in den nächsten Jahren Meister", sagt Torsten Reiser, Kapitän des Vizemeisters SKC Staffelstein.
Reiser spielte selbst zehn Jahre in Zerbst und ist seit fünf Jahren für Staffelstein aktiv. Der SKC ist, wenn man so will, der erste "Verfolger" und auch in diesem Jahr auf Kurs Vizemeisterschaft - sofern die Saison ob der Corona-Krise beendet wird. Um einmal den großen Wurf zu schaffen, müsste sich einiges ändern. Der Staffelsteiner Spielführer meint damit nicht unbedingt die Finanzen.
Geld nicht ausschlaggebend
Zwar hat Zerbst nach Angaben der Zeitung "Volksstimme" einen Etat von rund 160 000 Euro, der alleinige Erfolgsfaktor sei das aber nicht. "Sie haben ganz andere Strukturen", sagt Reiser. In Zerbst gibt es einen Teamchef, der sich um sämtliche organisatorische Dinge kümmert. Die Spieler könnten sich voll aufs Kegeln konzentrieren. "In anderen Vereinen bleibt vieles an ein, zwei Personen hängen. Die müssen dann nicht nur kegeln, sondern auch die Organisation übernehmen."
Hinzu komme, dass mit Timo Hoffmann der Bundestrainer in Zerbst tätig ist. "Warum sollte ein junger Spieler woanders spielen, wenn er in Zerbst die besten Voraussetzungen hat und auch noch unter dem Nationaltrainer spielen kann?", fragt Reiser. Für den Staffelsteiner sind die Rollen auch in den nächsten Jahren klar verteilt. Trotzdem sagt Reiser: "Sollte Zerbst schwächeln, müssen die anderen da sein."