Wenn Frank-Markus Barwasser sein orangefarbenes Karo-Hemd und seinen Trachtenjanker anzieht, der mit einer kleinen Kette geschlossen wird, seine Herren-Handtasche ums Handgelenk hängt und sein "Cord-Hütli" aufsetzt, verwandelt sich der Journalist und Kabarettist in einen anderen Menschen: in Erwin Pelzig. Und mit dieser Kunstfigur sucht Barwasser geradezu die Fettnäpfchen, springt mit Anlauf hinein. "Der wunde Punkt" lautete der Titel des Kabarett-Programms, das er zum Auftakt des Plassenburg-Open-Air-Programms gezeigt hat. Pelzig traf mit seiner unaufgeregten Plauderei ins Schwarze. Nicht nur einmal, sondern immer. Unverblümt nahm er aktuelle Ereignisse und die Politik aufs Korn.

Die Geschichte der Kränkungen

Im Mittelpunkt des Programmes stand Barwassers Erkenntnis, dass die Geschichte der Menschheit im Grunde eine Geschichte der Kränkungen ist. "Der Mensch ist weder die Krone der Schöpfung noch der Mittelpunkt des Universums. Und der Homo Sapiens ist im Grunde auch nur ein triebgesteuerter Trigema-Affe", erklärte der Kabarettist. Bei seinen Gags setzte Frank-Markus Barwasser auf Esprit und nicht auf lauten, flachen Humor. Er zitierte den bekannten Philosophen, Stoiker und Naturforscher Seneca, ging auf die kosmologische Kränkung - begründet durch Kopernikus - und auf die evolutionsgeschichtliche-biologische Kränkung der Menschheit, begründet in Darwins Erkenntnissen, ein. Mit Sigmund Freud lässt sich seinen Worten zufolge die dritte Stufe der Menschheitskränkung erklären: Der geistige Horizont der Menschheit spiele sich auch nur unterhalb der Gürtellinie ab, so Erwin Pelzig. Und mit der künstlichen Intelligenz werde ein neuer Schritt der Kränkung eingeleitet.

Pelzig als Corona-Virus

Natürlich waren auch Corona und der Lockdown ein Thema. Barwasser schlüpfte zu sphärischer Musik in die Rolle der Viren. "Ich mache dasselbe wie ihr. Bei euch heißt es Wachstum, bei mir Ansteckung. Wir beide zerstören das, was uns ernährt: ihr die Erde, ich die Zerstörer", säuselte Pelzig als Corona-Virus.

Ein Höhepunkt

Ein absoluter Höhepunkt war Barwassers altbekanntes Rollenspiel: Gleichzeitig schlüpfte er in die Rollen des legendären Erwin Pelzig, des einfach gestrickten Hartmuts und des konservativen Dr. Göbel und lieferte sich detailreiche Unterhaltungen.

Auch über Kulmbacher Gesprächsthemen hat sich Barwasser informiert. Frotzelnd sprach er die ausufernden Feiern in der Oberen Stadt an. "Jugendliche müssen feiern. Da fallen halt mal ein paar Flaschen runter", so der Kabarettist. Am Ende warb Barwasser für mehr Freundlichkeit. "Freundlichkeit heißt, der Kröte noch eine gute Reise zu wünschen, ehe man sie runterschluckt", machte er deutlich und scherzte über üble Beschimpfungen und Drohungen, die Glossen und Satire manchmal mit sich bringen: "Das Ausrufezeichen ist die Kalaschnikow des kleinen Mannes", erklärte er. Denn immer würden die wüsten Missfallensbekundungen mit einem Heer an Ausrufezeichen versehen.

Frank-Markus Barwasser überzeugte zum Auftakt der Open-Air-Veranstaltung und hatte das Potenzial, Lust an der Kultur zurückzuholen. Obwohl das Wetter kühl war, heizte Barwasser dem Publikum mit seinen anspruchsvollen und hintersinnigen Pointen ein.

Nur wenige Besucher

Der Besuch bei der Auftaktveranstaltung war allerdings noch verhalten. Viele der 500 zur Verfügung stehenden Plätze blieben leer.