Schaut der Zeuge zu viele Actionfilme aus der Kategorie "Good cop, bad cop" (Guter Bulle, böser Bulle)? Oder sagt er die Wahrheit über den Ablauf seiner Vernehmung bei der Polizei? Jedenfalls erklärte der 18-jährige Zeuge gestern vor der Jugendkammer des Landgerichts Hof, dass er von der Polizei damals unter Druck gesetzt worden sei. Aus Angst habe er seinen Kumpel belastet, der jetzt unter Mordanklage steht. Dem jungen Kerl - bei der Tat selbst erst 20 Jahre alt - wird vorgeworfen, nach einem verbotenen Autorennen einen Kulmbacher Berufsschüler (19) in Selb über den Haufen gefahren und getötet zu haben.

Junger Kulmbacher starb

Bei dem Prozess sollen die Umstände geklärt werden, die zum Tod des jungen Kulmbachers führten. Laut Staatsanwaltschaft fand am Abend des 6. Februar ein illegales Autorennen statt. Mit dabei der Angeklagte, in dessen schwarzem Audi noch ein Beifahrer saß, und der 18-jährige Zeuge mit seinem dunkelblauen BMW. Bei zwei Stadtrunden mit überhöhter Geschwindigkeit sei den Rasern die elfköpfige Gruppe aufgefallen, die in der Wittelsbacherstraße lief. Schließlich habe sich der BMW-Fahrer ausgeklinkt und - wie verabredet - per Warnblinker verabschiedet.

Der Audi-Fahrer kehrte noch einmal zu der Personengruppe zurück. Er kam, wie Zeugen schilderten, rasend schnell über die dortige Kuppe. Er habe fast "abgehoben" und dann den Fußgänger "abgeschossen", der die Straße überquerte.

Autonarr und Schnellfahrer?

Zu dem, was in der Wittelsbacherstraße passiert ist, konnte der Zeuge nichts sagen. Da befand er sich bereits auf dem Heimweg. Aber er hatte den Angeklagten, mit dem er seit der Schule befreundet ist, bei der Polizei als Autonarr und Schnellfahrer beschrieben. "Auf der Autobahn gibt er schon gerne mal Gas", so seine protokollierte Einlassung. Auf der Autobahn habe dieser sich auch mal kleine Rennen mit Unbekannten geliefert, er brauche das Adrenalin beim Schnellfahren. Und: "Ich habe mir schon immer gedacht, dass etwas passiert, wenn er mit seinem Fahrstil weitermacht."

Gestern rückte der Zeuge, gegen den wegen Teilnahme an einem verbotenen Autorennen ermittelt wird, von der belastenden Aussage gegen seinen Freund ab. Er machte von seinem Zeugnisverweigerungsrecht keinen Gebrauch. Er wollte reden.

Aus Angst unterschrieben

Das Verhör bei der Polizei am Tag nach dem Unfall habe ihn sehr belastet. Ein Polizist habe ständig auf ihn eingeredet und ihm nicht geglaubt. Es war sehr laut, "ich wurde angeschrien." Ihm sei erklärt worden, der Staatsanwalt lache sich über seine Aussage kaputt. Außerdem sei ihm gedroht worden, dass man den Staatsanwalt fragen werde, ob er festgenommen und ins Gefängnis gebracht wird. Aus Angst habe er dann das gesagt, was die Polizisten hören wollten. "Ich wollte einfach raus." Als er das Protokoll unterschrieben habe, so der 18-Jährige, hieß es, er dürfe seinen Führerschein behalten, weil er kooperiert habe.

Außerdem sei ihm das Handy abgenommen worden. Bei einer späteren Hausdurchsuchung habe ihm die Polizei keinen richterlichen Beschluss vorgezeigt, dafür aber ein zweites Handy, einen Laptop und die Playstation mitgenommen. Nach Aufforderung habe er alle Passwörter rausgegeben.

Wiederholt versicherte der Zeuge, dass es vor dem Unfall kein Autorennen gegeben habe. "Nein, so was würde ich nicht machen, weil ich mich und andere in Gefahr bringe", sagt er. Man habe lediglich vereinbart, eine Stadtrunde zu drehen, "um zu sehen, wer so unterwegs ist". Er sei vorausgefahren und habe die Strecke spontan rausgesucht: "Wir sind ganz normal gefahren." Die anderen seien hinter ihm gewesen, mal weiter weg, mal näher dran. Er sei auch nicht gerast, höchsten "zügig" gefahren. Maximal 60 bis 65 Stundenkilometer.

Viele Fragen

Der Prozess wird nächste Woche fortgesetzt. Neben dem Gerichtsmediziner wird die Kammer den Kfz-Sachverständigen hören. Sein Gutachten dürfte entscheidend sein für den weiteren Verlauf des Verfahrens. Wie bereits bekannt ist, soll der Angeklagte sein Auto, als er die Wittelsbacherstraße hinunterfuhr, auf etwa 100 Stundenkilometer beschleunigt haben. Weitere Fragen stellen sich: Hat der Audi-Fahrer gebremst? Wann konnte er den Fußgänger sehen? Hätte er noch reagieren können?