Der Abschied geht Schulrat Jürgen Vonbrunn nahe. Das merkt man immer dann, wenn das Gespräch kommt auf die engsten Mitarbeiter in seinem Büro, auf die Zusammenarbeit mit den Lehrern - und die Schüler, gerade die vermeintlich schwächeren. Dann verdrückt der 65-Jährige eine Träne hinter der Brille mit den roten Bügeln, die so etwas wie sein Markenzeichen ist. Am Montag wird der Pädagoge aus Leidenschaft offiziell im Neudrossenfelder "Bräuwerck" verabschiedet.

Wie ist die Gefühlslage so kurz vor dem Ende der Amtszeit?
Jürgen Vonbrunn: Ich habe Zeit gehabt, um zu prüfen, ob der Schritt richtig war. Ich gehe ein paar Monate früher, als ich gemusst hätte. In dieser Zeit ist das Grinsen immer breiter geworden - bis vor einigen Tagen. Da merkte ich: Es wird was fehlen. Mir fehlen garantiert die herrlichen zwischenmenschlichen Begegnungen, sowohl schulischer wie privater Natur. Es waren viele spannende Begegnungen, bisweilen auch spannungsgeladene. Ich brauche das. Fehlen werden mir der Austausch mit den Lehrerkollegen, auch in der Prüfungszeit. Natürlich der Kontakt zu den Schulkindern - und meinen beiden Damen im Vorzimmer. Wann wird mich jemand morgens, wenn ich die Tür aufmache, schon mit "Guten Morgen, Chef" begrüßen? Das hat immer gut getan. Ich habe meine Frau gefragt, ob sie das übernimmt - und sie hat lächelnd ,Nein' gesagt. (lacht)

Von Ihnen weiß man, dass Sie bei aller Harmonie auch streitbar sein können, ein Mensch mit Ecken und Kanten sind. In der Rückschau: Wo haben Sie was bewegt?
Die Gedanken des Selbstlobes mache ich mir weniger. Ich habe vor allem eines bewegt: immer wieder Schüler, die verloren schienen, auf die Füße zu stellen. Darum bin ich Lehrer geworden, um jungen Menschen in Krisensituationen beizustehen. Ich habe mir immer den rausgesucht, der bei anderen schon als hoffnungslos gegolten hat. Ich erinnere mich an einen Schüler in Lichtenfels, den ich aufgrund seines schlechten Verhaltens immer wieder nachsitzen lassen musste. Und weil am Nachmittag kein Bus mehr fuhr, habe ich ihn nach Hause gebracht. Dabei sind wir an einer Bratwurstbude vorbeikommen, auf die er sehnsüchtig geschaut hat. Ich habe ihn gefragt, ob er Hunger hat. Es stellte sich heraus: Der arme Kerl hat daheim nichts zu essen bekommen. Solche Erlebnisse haben sich bei mir eingebrannt. Ich habe gottseidank auch andere Schulleiter gefunden, die manchmal Dinge mitgemacht haben, die so nicht im Gesetzbuch stehen. Wir haben versucht, eine Lücke für den Schwachen zu finden. Nicht immer mit Erfolg - aber wenn wir nur einen retten, ist es gut.

Wie haben Sie das mit Ihren amtlichen Vorgaben in Einklang bringen können?
Wann immer Anordnungen kamen von oben runter, habe ich die überprüft auf ihre Menschlichkeit. Und wo ich konnte, habe ich die, sagen wir mal, so menschlich hingebogen - nicht verborgen -, dass es den Kollegen nicht allzu wehgetan hat. Ich bin immer allergisch geworden, wenn das System im Mittelpunkt stand und nicht der Mensch, um den es ja geht.

Haben Sie sich von den Verantwortlichen vor Ort immer genug unterstützt gefühlt?
Das habe ich. Kulmbach war für mich Neuland. Der einzige, den ich kannte, war Klaus Peter Söllner, mit dem ich Tennis gespielt habe. Ich habe verloren - was sich als gut herausgestellt hat, weil er so nicht von vornherein einen Brass auf mich gehabt hat, schließlich ist er da ehrgeizig (lacht). Ich habe die Verantwortlichen hier kennengelernt und muss sagen: Kulmbach ist ein unglaublich gut vernetzter Bereich, sehr gut aufgestellt in der Kinder- und Jugendbetreuung. Der Landrat, der Kreistag und die Vertreter der Gemeinden - sie diskutieren nicht lange herum, wenn es um Schule geht. Hut ab daher vor Kulmbach! Es waren immer kurze Wege.

Kulmbach ist das Eine, aber die oberste Direktiven schickt München. Wie groß ist die Schwierigkeit, die Sie mit Bürokratie haben?
Ein Bürokrat ist garantiert kein angenehmer Mensch. Also ist Bürokratie meiner Meinung nach auch kein angenehmes Geschäft. Es muss sicher in manchen Zügen sein, aber es darf nie im Vordergrund stehen. Leider ist Bürokratie manchmal zum Selbstzweck geworden.

Aus Ihrer langjährigen Erfahrung auch als Ausbilder: Können Sie jemandem heute noch guten Gewissens empfehlen, Lehrer zu werden?
Ich kann aus Überzeugung heraus sagen, auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein war: Lehrer sein ist - die Berufung dazu vorausgesetzt - der schönste Beruf, den man sich vorstellen kann. Man bekommt täglich Feedback, hautnah und direkt, im Guten wie im Schlechten. Sie haben unmittelbaren Einfluss auf die nächste Generation und damit ein nahezu unerschöpfliches Reservoir, die Gesellschaft von morgen positiv zu formen. Leider genießen Lehrer oft nicht die Wertschätzung, die sie verdienen, gerade in der Ausbildung. Wenn selbst Politiker von "faulen Säcken" reden, dann regt mich das wahnsinnig auf.

Haben Sie den Wechsel in die Verwaltung bereut?
Ich dachte, als Schulrat kann ich noch mehr bewegen als beispielsweise als Rektor. In der Rückschau habe ich mich da getäuscht. Als Schulrat ist man nur mittelbar dran, aber nie direkt am Ort des Geschehens.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger, der ja noch nicht feststeht?
Ich wünsche, dass er die gleiche herzliche Aufnahme erfährt wie ich, und ein glückliches Händchen bei seinen Entscheidungen.

Ihr jüngster Enkel kam Anfang Mai auf die Welt. Welche Schule wünschen Sie ihm?
Eine, in die er saugerne geht und die ihm keine Angst einjagt. Schulangst ist das Schlimmste für jedes Kind.

Das Gespräch führte Jochen Nützel


Jürgen Vonbrunn, geboren am 2. Mai 1952, ist seit 1976 Lehrer. Seine erste Anstellung hatte er an der Grundschule in Staffelstein, später wechselte er ans Kronacher Schulzentrum. 1990 wurde er Konrektor in Lichtenfels, 2002 Rektor in Lichtenfels. 2008 kam er als Schulamtsleiter nach Kulmbach.