Für ein Unternehmen wie die AOK Bayern, die mit Millionen und Milliarden jongliert, sind 188,80 Euro nicht mehr als ein Wassertropfen im Ozean. Für eine Großmutter, die mit einer kleinen Rente sich und ihren Enkel über die Runden bringen muss, bringt so ein Betrag einen See von Problemen.

Dieser Fall ist nicht fiktiv, sondern Realität. Betroffen: eine alte Frau aus Kulmbach. Wenn sie die genannte Summe begleichen muss, geht fast das halbe Monatseinkommen drauf.

Bei den 188,80 Euro handelt es sich um Taxikosten für eine Heimfahrt in der Neujahrsnacht von Erlangen nach Kulmbach. Ein Krankentransport, den die Krankenkasse nicht bezahlen will.


Rakete ins Auge

Was ist damals passiert? Der Enkel feiert mit Freunden Silvester. Draußen, auf der Straße. Es ist Mitternacht. Feuerwerkskörper werden abgeschossen. Dabei kippt eine Flasche um, die Rakete verändert ihre Flugbahn und trifft den Kopf des 17-Jährigen. "Es ging in mein Auge rein und war ziemlich schmerzhaft", sagt Michael M. (Name von der Redaktion geändert). Er wird mit dem Krankenwagen ins Kulmbacher Klinikum gebracht. Hier ist kein Spezialist greifbar, der sich um den Fremdkörper im Augen kümmern könnte. Man überweist den jungen Mann nach Erlangen.

Dort kommt er um drei Uhr an. In der Augenklinik der Universität wird er gleich behandelt. Die Ärzte entscheiden, dass er nicht stationär aufgenommen werden muss.


Mitten in der Neujahrsnacht

Inzwischen ist es vier Uhr. Die Ärzte wissen, dass Michael M. bei seiner Großmutter lebt, die keinen Führerschein hat. Auch andere Angehörige oder Freude können ihn nicht abholen. Ein klarer Fall für die Ärzte: "Da der Patient minderjährig und unbegleitet war, stellten wir einen Beförderungsschein für eine Taxifahrt nach Hause aus."

Das hat der jetzt 18-Jährige schriftlich. Aber der Fall ist gar nicht klar. Was Michael M. bereits in der Neujahrsnacht ahnt: "Ich musste ziemlich rumtelefonieren, weil viele Taxis die Fahrt ablehnten, als sie hörten, dass sie einen AOK-Patienten transportieren sollen."

Der junge Mann kommt nach Hause. Mit seinem Auge wird alles gut, und er reicht die Taxirechnung bei der Krankenkasse ein. Doch die AOK weigert sich, die Kosten zu übernehmen.

Für die Großmutter eine Katastrophe. Sie hat 300 Euro Rente, dazu das Kindergeld für den Enkel, und auf dem Weg der Grundsicherung bezahlt das Landratsamt die Wohnung. Sie hat den Enkel großgezogen und es geschafft, dass er die Mittlere Reife macht und ab September eine Lehre beginnt. Aber solche Ausgabe sind bei ihrem knappen Budget nicht drin. "Eine Sauerei, was die machen", schimpft Jürgen Göthel aus Unterbrücklein, der Oma und Enkel bei Behördengängen unterstützt und ihnen auch sonst zur Seite steht.


AOK beruft sich aufs Gesetz

Man legt Widerspruch gegen den Bescheid ein, aber die AOK korrigiert ihre Entscheidung nicht. Das sei nach den Vorgaben des Sozialgesetzbuches auch nicht möglich, erklärt Presseprecher Marko Ahrens von der AOK-Direktion Bayreuth-Kulmbach. Er dürfe aus Datenschutzgründen zum speziellen Fall nichts sagen. Aber allgemein gelte, dass Paragraph 60 SGB V enge Grenzen bei Heimfahrten nach einer ambulanten Behandlung setzt. Die Kosten dürften nur in Ausnahmefällen übernommen werden: bei Schwerbehinderten mit Ausweis, bei Dialysepatienten, bei Chemo- oder Strahlentherapie.

Zwei andere große Krankenkassen sehen den Fall etwas anders. "Unter Berücksichtigung der gesetzlichen Vorgaben hat die zuständige Kasse korrekt entschieden", heißt es bei der DAK. Dennoch hätte man den Schüler nicht im Regen stehen lassen. Die DAK hätte die Kosten erstattet und gegenüber dem Krankenhaus geltend gemacht, "da die Verordnung nicht hätte ausgestellt werden dürfen".

Da es sich um eine ärztliche Verordnung handelt, "wäre eine Kostenübernahme im Ausnahmefall möglich", schreibt die Barmer. Grundsätzlich könne der Arzt so eine Krankenfahrt verordnen, wenn der Versicherte aus zwingenden medizinischen Gründen öffentliche Verkehrsmittel oder ein privates Kraftfahrzeug nicht benutzen kann. In so einer Ausnahmesituationen - nachts um vier Uhr - könne über die Kostenübernahme auch im Nachhinein entschieden werden. Ansonsten empfiehlt die Barmer: "Lassen Sie sich immer Krankenfahrten zu ambulanten Behandlungen vorher von ihrer Krankenkasse genehmigen. "


Drei Kassen - drei Meinungen

Drei Kassen - drei Meinungen: Also gibt es doch einen Spielraum. So sieht es auch Alexander Wunderlich vom VdK. Er könne beide Seiten verstehen, erklärt der Experte, der oft mit solchen Fällen zu tun hat. Nach dem Gesetz seien die Voraussetzungen für eine Kostenübernahme nicht erfüllt, sagt er. Aber der Arzt habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Hätte man den Minderjährigen mit dem verletzten Auge einfach in die Erlanger Nacht entlassen sollen? Wie hätte er anders heimkommen sollen? Der Schüler habe dem Arzt vertraut.

Wunderlich spricht von einem Sonderfall und wundert sich, dass die AOK keine Lösung gefunden hat, um beiden Seiten gerecht zu werden. Er versucht, die AOK umzustimmen - vergeblich. Daher rät der Kulmbacher VdK-Kreisgeschäftsführer zur Klage vor dem Sozialgericht: "Hier ist eine Lücke im Gesetz. Das sollte man gerichtlich überprüfen lassen."


Kage gegen Bescheid läuft

Gegen den Taxibescheid der AOK kann Klage beim Sozialgericht erhoben werden - Frist 15. August. Diesen Weg beschreitet der Betroffene jetzt. Er hat - wie vom VdK und vom Sozialamt des Kulmbacher Landratsamts empfohlen - am Freitag beim Sozialgericht in Bayreuth seine Klage eingereicht. Einen Anwalt braucht man dafür nicht, und Gerichtskosten fallen auch nicht an. Dieses Gericht ist mal richtig sozial.



KOMMENTAR:
Der Ehrliche ist der Dumme

Diese Situation muss man sich mal bildlich vorstellen: Da wird ein junger Kerl mitten in der Nacht nach Erlangen in die Uniklinik gebracht. Ein Notfall. Er wird behandelt und ist froh, dass die Verletzung am Auge nicht so schwerwiegend ist.

Natürlich hätte der Kulmbacher Schüler sein Sozialgesetzbuch fünf (SGB V) unterm Arm haben müssen, um den Arzt korrigieren zu können. Um ihm zu sagen, dass vor der Verordnung einer Taxiheimfahrt gefälligst die Krankenkasse zu fragen ist. Wobei das Gesetzbuch freilich nichts darüber aussagt, welcher Mitarbeiter der Krankenkasse in der Neujahrsnacht zu erreichen ist.

Der 17-Jährige - und das hätte wohl jeder Erwachsene auch getan - hat auf den Arzt vertraut, der seinerseits verantwortungsvoll und kostenbewusst gehandelt hat.Denn er hätte, um die jetzigen Schwierigkeiten zu umgehen, den Patienten zur Beobachtung einfach stationär aufnehmen müssen. Bei der Visite um zehn Uhr hätte man festgestellt, dass der Schüler entlassen werden kann. Dann wäre die Heimfahrt bezahlt worden, weil's ja keine ambulante Behandlung war. Aber die AOK - und damit die Solidargemeinschaft der Versicherten - hätte ein Vielfaches der Kosten gehabt. So ist der Ehrliche der Dumme.

Liebe Krankenkasse, denk doch noch mal nach!