Es war ein Tag im Januar 2019. "Temperaturen unter null", erinnerte sich die Polizeibeamtin. Ihr und einem Kollegen fiel ein Autofahrer in der Blaich auf. "Er war dünn bekleidet, durchgeschwitzt und kreidebleich." Für die Zivilstreife ein Hinweis auf Betäubungsmittel. Bei der Kontrolle des Fahrzeugs fand man etliche Kuverts mit Geldscheinen "in drogentypischer Stückelung": kleine Scheine wie Fünfer, Zehner, Zwanziger. Und in seinem Geldbeutel befand sich ein fremder Führerschein, den der Mann gefunden haben wollte.

Die Polizisten hatten Verdacht geschöpft. Auf ihre Frage erklärte sich der Autofahrer einverstanden mit der Durchsuchung seiner Wohnung. Dabei kamen "schwarze Tütchen" zum Vorschein mit sogenannten Legal Highs oder Kräutermischungen, die psychoaktive Substanzen enthalten. Die Auswertung seines Handys ergab, dass er vor allem im Raum Kronach und Lichtenfels Drogen verkauft hatte.

Damit saß der 27-Jährige im Schlamassel. Die Polizei ermittelte, und es kam eine Anklage heraus wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis in elf Fällen und gewerbsmäßigen Handels mit psychoaktiven Stoffen. Laut Staatsanwalt Eik Launert ging es vor allem um Fahrten nach Kronach sowie um den Verkauf von insgesamt 450 Gramm Kräutermischungen, die synthetisches Cannabinoid enthielten, an sieben Abnehmer. Der Mann habe die Stoffe im Internet für acht Euro pro Gramm erworben und für zehn Euro weiterverkauft.

Vor dem Schöffengericht Kulmbach legte der Angeklagte gleich ein Geständnis ab. Verteidiger Ralph Pittroff erklärte, dass sein Mandant damals erhebliche Mengen Kräutermischungen konsumiert habe. Mit dem Verkauf habe er seinen eigenen Verbrauch finanziert. Zweck der Schwarzfahrten war es, so der Kulmbacher Rechtsanwalt, "zu seinem Arbeitsplatz zu kommen", denn die Verbindung nach Kronach mit öffentlichen Verkehrsmitteln sei schlecht.

Bei der Befragung durch Richterin Nicole Allstadt präsentierte sich auf der Anklagebank ein psychisch labiler Mensch, der nach der Geburt von seiner Mutter weggegeben wurde, in einer Pflegefamilie aufwuchs und nach der Hauptschule eine Lehre abbrach. Im fraglichen Zeitraum vor drei Jahren habe ihm jeglicher Halt gefehlt: "Ich hab‘ keinen Sinn in meinem Leben gesehen, es war mir alles egal. Es ging nur um den Kick durch die Drogen."

Reichlich Drogenerfahrung

Der Mann räumte ein, noch nie einen Führerschein besessen zu haben. Bei den Kräutermischungen habe er nicht genau gewusst, "was drin ist". Aber er habe auf die Werbung der Onlinehändler vertraut, die die Substanzen als legal anpreisen. "Ich dachte, dass es eine Grauzone ist", sagte er und gab an, dass das Zeug "ganz schön reingeknallt" habe: "Man raucht's, und dann weiß man nichts mehr."

Sein Eigenverbrauch habe bei "locker 30 Gramm im Monat" gelegen, räumte der Mann ein, der auch schon Erfahrungen mit anderen Drogen wie Amphetamine, Crystal, Ecstasy und Haschisch hat. Seine Kunden habe er in einschlägigen Kreisen getroffen, "die haben mich einfach angesprochen".

Seit damals, so der Angeklagte, habe sich sein Leben grundlegend geändert. Er habe seit letztem Jahr keine Drogen mehr genommen, versicherte er: "Ich bin noch nicht clean, der Kampf beginnt jeden Tag neu." Aber es lohne sich jetzt zu kämpfen. Er sei verlobt, habe erstmals seine Mutter getroffen und einen Arbeitsplatz gefunden "mit dem besten Chef der Welt, der an mich glaubt". Er wolle dies alles nun nicht verlieren. "Es ist schön, einfach normal zu leben", sagte er.

Somit stellte sich die Frage: Gefängnis oder Bewährung? Nicht ganz einfach, denn der Angeklagte hat schon Bewährung. Im Sommer 2019 war er in Kulmbach wegen Unterschlagung und Beihilfe zur Verletzung des Postgeheimnisses zu einer Freiheitsstrafe von drei Monaten verurteilt worden und vor vier Monaten in Lichtenfels wegen Diebstahls zu einer Gesamtstrafe von einem Jahr.

Aus Teufelskreis gelöst

Eine positive Sozialprognose stellte ihm seine Bewährungshelferin. Der Mann erfülle alle Auflagen und Weisungen, habe sich aus dem Teufelskreis von Rauschgift und Schulden gelöst, in dem er sich befand, und sei von selbst von den Drogen losgekommen. "Das Bewährungsverfahren läuft gut", sagte sie.

Rechtsanwalt Pittroff erklärte: "Aus meiner Sicht ist er komplett weg von den Drogen - das war erst mal wichtig. Und durch die Arbeitsstelle hat er eine Tagesstruktur. Er hat sich komplett geändert." Der Verteidiger plädierte auf eine Strafe von einem Jahr und zwei Monaten.

"Froh über jeden, der es schafft"

Auch der Staatsanwalt und das Gericht meinten es gut mit dem Angeklagten. Launert brachte einen minder schweren Fall mit einer Strafrahmenverschiebung auf drei Monate bis fünf Jahre ins Spiel. Er ging von bedingtem Vorsatz aus und forderte ein Jahr und sechs Monate. Der Staatsanwalt rechnete es dem Angeklagten hoch an, dass er jetzt schon einen längeren Zeitraum drogenfrei lebt: "Ich bin froh über jeden, der es schafft."

Die Vorsitzende verkündete den erwarteten Schuldspruch. "Aber Sie bekommen noch mal Bewährung", sagte Allstadt zum Angeklagten. Das Gericht ging von einem minder schweren Fall aus. Die Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten wurde auf vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Dazu kommen 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit, die Weisung, sich jeglichen Drogenkonsums zu enthalten, und fünfmal im Jahr beim Gesundheitsamt zum Drogenscreening zu erscheinen.

Strafe als Unterstützung

Laut Allstadt hat der Angeklagte auch gute Chancen, dass bei einer Gesamtstrafenbildung aus den drei Urteilen von Kulmbach und Lichtenfels "nicht mehr als zwei Jahre herauskommen" - dass auch dann auf Bewährung erkannt wird. "Sie sehen, dass wir Ihnen alle wohlgesonnen sind", sagte die Richterin. "Sie haben einiges dafür getan, ins Leben zurückzufinden." Die Strafe und die Weisungen seien eine Unterstützung, "dass es Ihnen gelingt, auf diesem Pfad zu bleiben".

Das Urteil ist rechtskräftig. Angeklagter, Verteidiger und Staatsanwalt erklärten, dass sie auf Rechtsmittel verzichten.