Was das Publikumsinteresse betrifft, "geht" normalerweise der Klassiker auf der Trebgaster Naturbühne nicht ganz so gut wie die Komödie und das Kinderstück. Das könnte in dieser Saison anders werden. Carlo Goldinis "Diener zweier Herren" ist zwar schon 280 Jahre alt und gilt als Klassiker der Commedia dell‘arte. Das Stück ist aber - ohne besonders tiefgreifende Problematik - genauso unterhaltsam wie einer der beliebten ländlichen Lustspiele - nur etwas anders. Denn unter dem Strich geht es in dem Stück wie bei einem bäuerlichen Schwank darum, dass sich die beiden Liebenden am Ende doch kriegen.

Der Klassiker taugt in diesem Jahr auch für Zuschauer, die lieber Volksstücke mögen. Bevor die Liebenden zusammenkommen, gibt es in dem Stück zuerst aber allerlei Missverständnisse und Verwechslungen. Die produziert der immer hungrige Toni Buitoni (der Familienname nach einer italienischen Nudelsorte ist nicht zufällig) - ganz bezaubern, rasant, sportlich, dümmlich und raffiniert zugleich gespielt von Sigurd Sundby. In weiteren buchstäblich tragenden Rollen: Michael Vogler, der als watschelnde Küchenhilfe x-mal die Hochzeitstorte zwecks Bewunderung seitens der Gäste rein und raus balanciert, und Jakob Kammerer als Musiker und Tenor mit umgeschnallter Gondel sowie als stumme Drehtür zwischen Küche und Gastraum.

Was man zur Freude an dem Stück nicht unbedingt wissen muss: In der Commedia dell'arte geht es darum, dass das Theater dem Schauspieler und dem Ensemble dient und nicht dem Autor oder dem Text, weil es vor allem auf szenische Wirkung ankommt und nicht auf Problemen herumgeritten wird, dass stur Masken und Typen darstellt werden ohne individuelle Entwicklung und dass nicht moralisiert oder gar belehrt wird. Was man aber wissen muss: Das setzt die Inszenierung (Regie Anja Dechant-Sundby und Doris Stein, Bühnenbild Andre Putzmann, Kostüme Wolfram Müller-Broeder) auf dem Wehlitzer Berg einwandfrei um. Allerdings im Crescendo: Es geht erst gesittet auf der Bühne zu, bevor die Schauspieler im Lauf des Stück ihre Rollen mehr und mehr ausspielen, um nicht zu sagen: überdrehen.

Worum geht es? Die Hochzeit von Rosa (Sabrina Schmitt) und Silvio (Rene Stein) steht an, die die Brautmutter Pandolfina (Evelyn Appoldt) mit dem Doktor (Walter Richter) arrangiert und die Feier mit der Wirtin Ursula (Marion Regnet) bespricht. Die bereits erwähnte Torte wird dabei erstmals - wegen ihrer Größe schwankend - aufgetragen, trifft aber noch nicht die Erwartungen. Sie trägt einen falschen Namen, denn ursprünglich war sie für die Hochzeit der Rosa mit Herrn Colombo gedacht, der allerdings nach seinem gewaltsamen Tod als Bräutigam nicht mehr zur Verfügung stehen kann. Das ist aber kein Drama. Der eher einfältigen Rosa geht es ja, wie auch ihrer Zofe Klara (Klaudia Ruminska), nur darum, überhaupt verheiratet zu werden. Deshalb verhandelt die geschäftstüchtige Brautmutter nun ein neues Ehe-Arrangement mit dem weniger bemittelten, aber wenigstens per Titel standesgemäßen Doktor - unabhängig davon, dass dessen Sohn und Ersatzbräutigam bei Aufregung stottert und mit seinen Liebesgesängen nicht unbedingt brillant tönt (wofür er allerdings vom Publikum zum weiteren Ansporn mehrfach Szenenapplaus bekommt).

Fast vereitelt wird das anstehende Familienfest allerdings, als plötzlich der als tot vermeldete Herr Colombo (Henrike Reineke als in Wahrheit dessen Schwester Bianca) dennoch erscheint, dem sich Toni als Diener verdingt. Herr Colombo/Bianca war aber nur ihrem Verehrer nachgereist, der des Mordes an ihrem Bruder bezichtigt wurde. Dieser (Daniel Ganzleben als Leonardo) war nach Venedig geflohen, denn der Mord war eigentlich nur ein Unfall gewesen. Auch er stellt Toni ebenfalls als Diener an. Denn mitten im wohlhabenden Venedig geht es dem einfachen, aber immer gut gelaunten Toni recht schlecht: er ist arbeitslos und immer hungrig. Da trifft es sich gut, dass er als Diener von zwei Herren angeheuert wird, wovon er sich noch mehr Essen verspricht. Was aber kommt, sind zunächst viel Chaos und Verwechslungen, die er anrichtet, und durch die sich am Ende alle Verhältnisse doch aufklären.

Sigurd Sundby dominiert am Wehlitzer Berg nicht nur in der Titelrolle. Er hat das Original etwas umgeschrieben und sich dazu publikumswirksam an die Art der beliebten Volksstücke angelehnt, den einen und anderen fränkischen Schlenkerer eingebaut - aber ohne dabei den Charakter der Commedia dell‘arte ganz zu verlassen, vielmehr sogar die historisch überlieferten und festgelegten Charaktere nur komprimiert. Damit ist der "Diener zweier Herren" als "Klassiker" der diesjährigen Saison ein Stück nicht nur für das "anspruchsvollere" Theaterpublikum, sondern ausgesprochen unterhaltsam.