Sie halten sich für einen erfahrenen Autofahrer? Sie kennen die neu ausgebaute B 85 zwischen Höferänger und Lösau? Sie glauben, dass an der Abzweigung nach Grafendobrach eigentlich nichts passieren dürfte? Vergessen Sie alles, was Sie als motorisierter Laie über die Sicherheit im Straßenverkehr zu wissen glauben.

Hier ist Psychologie gefragt. "Die Erfahrung zeigt: je besser die Sicht, desto nachlässiger werden die Autofahrer", betont Michael Kofer, Verkehrsexperte der Kulmbacher Polizei. Damit versucht er das Phänomen zu enträtseln, dass sich die Kreuzung bei der Holzmühle nach dem Ausbau der B  85 zu einem Unfallschwerpunkt entwickelt hat. Kofer: "Wir haben in letzter Zeit alle sechs, acht Wochen einen Unfall."

Was ist geschehen? Im Zuge des Straßenbaus ist auch die Einmündung der Kreisstraße KU 9 in die B 85 erneuert worden.
Der Autofahrer, der von Grafen dobrach kommt, nähert sich einer übersichtlichen Kreuzung: Nach beiden Seiten besteht freie Sicht, man kann jeweils 250 bis 300 Meter einsehen. Dennoch kommt es an der vermeintlich so sicheren Kreuzung vermehrt zu Unfällen. "Immer sind es Vorfahrtsverletzungen", weiß Kofer - und immer sind es Linksabbieger in Richtung Kulmbach, die unaufmerksam sind.

Ein Toter im September

So auch am 9. September: Damals übersieht ein 41-Jähriger Coburger, der von der KU 9 nach links in die B 85 einbiegen will, ein von Kulmbach kommendes Auto. Durch den heftigen Aufprall kippt der Kleintransporter des Unfallverursachers um. Der Mann stirbt an der Unfallstelle.

Am Wochenende hat's wieder gekracht. Gleiche Situation, gleicher Fahrfehler - nur, dass es am Samstag keinen Toten gegeben hat, sondern "nur" eine Schwerverletzte und zwei Leichtverletzte (die BR berichtete gestern).
Aufgrund der Unfallhäufung hat sich bereits die Unfallkommission, in der Polizei, Staat liches Bauamt Bayreuth und Verkehrsbehörde der Stadt vertreten sind, an Ort und Stelle umgesehen. Sie hat festgestellt, dass alles übersichtlich ist und dass auf der B 85 nicht gerast wird. Und sie hat veranlasst, dass ein Hinweisschild von der Verkehrsinsel entfernt und gegenüber aufgestellt worden ist. "Damit ist die Sicht für die Linksabbieger noch besser geworden", so Kofer.

Anhalten und genau schauen

Den Unfall am Samstag kann die Maßnahme nicht verhindern. Deshalb glaubt der Verkehrssachbearbeiter der Kulmbacher Polizei, "dass die Autofahrer, die abbiegen, zu nachlässig sind". Bedingt durch die übersichtliche Situation "fahren die Leute umso sorgloser". Kofer berichtet von Erkenntnissen, dass solche Kreuzungen sicherer geworden sind ("Dafür gibt's genügend Beispiele in Bayern") durch eine Sichtwegnahme. Will heißen: Durch Zäune oder andere Sichteinschränkungen in Verbindung mit einem Stoppschild soll der Autofahrer gezwungen werden, anzuhalten und genauer hinzuschauen.

Wie der Polizeiexperte hält es auch der Leiter des Staatlichen Bauamts Bayreuth, Kurt Schnabel, für notwendig, dass die Unfallkommission gezielt schauen sollte, "mit welchen Maßnahmen man den Knotenpunkt optimieren kann". Nach seiner Ansicht muss der "Unfallfaktor Mensch" dahingehend hinterfragt werden, wie man mit verkehrsrechtlichen Maßnahmen gegensteuern kann. Überprüft werden müsse ferner, ob klar erkennbar ist, dass die Kreisstraße untergeordnet ist.

Ziel: keine Ampel

Schnabel plädiert dafür, eine verträgliche Lösung ohne Ampel zu finden. Von der Idee, die Sicht zu verschlechtern, hält er nichts. Doch auch den Bayreuther Behördenchef macht die Unfallhäufung einigermaßen ratlos. "Man kann's zunächst nicht nachvollziehen, weil die Einmündung mit großem Aufwand baulich verbessert worden ist", meint er.