Das Gelände ist riesig: 9500 Quadratmeter mitten in der Kulmbacher Innenstadt. Wo einst der Kaufplatz stand, ist nach dem Abriss reichlich Platz für eine Neugestaltung. Wie die aussehen soll, dazu gibt es schon einige Vorschläge, aber noch keine Entscheidung.

Jetzt meldet sich die Jugend mit Ideen zu Wort. Schüler der 10. Klassen des Caspar-Vischer-Gymnasiums haben sich seit Herbst 2020 intensiv mit dem Thema beschäftigt und im Kunstunterricht mit ihrer Lehrerin Cornelia Morsch nicht nur Ideen entwickelt, sondern auch Pläne gezeichnet. Auf dieser Basis haben sie nun maßstabsgetreue Modelle gebaut, die ihre Visionen sichtbar machen. Die Lehrerin ist zufrieden: "Hier sind sehr gute Konzepte entstanden, die auch ästhetisch ansprechend umgesetzt wurden."

"Wir möchten die Stadt mitgestalten"

Die Ideen sind keine reinen Gedankenspielereien, sondern ernsthafte Vorschläge, die die jungen Leute Oberbürgermeister Ingo Lehmann und der Verwaltung ans Herz legen. "Wir möchten die Stadt mitgestalten", sagt Paula Keßler. "Wir haben uns den Platz genau angeschaut, fotografiert, gemessen, Skizzen gemacht. Wie sieht die Umgebung aus? Was fehlt in Kulmbach? Was wünschen wir uns? Und würde das, was wir möchten, dort hinpassen?"

Im Maßstab 1:500 haben 33 Jugendliche den Platz nach ihren Vorstellungen gestaltet. Vorgabe der Lehrerin für alle war, den Main in die Planung einzubinden und die vorhandene Bebauung zu berücksichtigen, die nach dem Abriss derzeit einen wenig ansprechenden Hinterhofcharakter hat.

Paula Keßler ist das Thema Kultur wichtig: Deshalb hat sie ein offenes Theater mit einer festen Bühne und überdachtem Zuschauerraum geplant. Ergänzt wird die Gestaltung durch offene Pavillons als Treffpunkt für jedermann und einen Wasserspielplatz im Main, der über eine kleine Brück erreichbar ist.

Auch Ofeliya Guliyeva findet Kultur im Zentrum wichtig. Doch neben einer Bühne hat sie auch Raum für Freiland-Schach, Wasserspielplatz und ein großes Trampolin vorgesehen.

Viel Platz für Jung und Alt

Viel Platz für Kinder und Familien, zum Entspannen und für Sport - von der Rollschuhbahn bis zur Volleyballfeld. Diese Ideen finden sich in vielen Variationen in den Entwürfen.

Dazu gibt es Innovatives: Lars Frankmölle möchte Verkehrsprobleme mit Drohnentaxis lösen und auf diese Weise auch bequem Gäste auf die Burg bringen. Der Wartebereich für die Passagiere befindet sich unter einer Glaskuppel. Dazu hat er eine Fahrrad-Ausleihstation und einen E-Scooter-Abstellplatz eingeplant: "Dann muss man nicht unbedingt mit dem Auto in die Stadt fahren."

Viel Grün mit Nützlichem verbinden, so stellt sich Leni Erlmann das neue Kaufplatz-Areal vor: Sie hat eine Anlage mit Gemeinschaftsgärten und einem großen Gewächshaus entworfen. So könnten ganzjährig regional Gemüse und Früchte angebaut werden, ohne lange Transportwege, und der Main könnte als Teil der Bewässerung genutzt werden. "Dieser Vorschlag passt auch gut zum Lebensmittelstandort und dem Campus mit Schwerpunkt Gesundheit und Ernährung."

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Eva Lindner. "Was in Kulmbach fehlt? Ein interkulturelles Zentrum." Mitten in der Stadt wäre ein guter Platz für eine Begegnungsstätte von Menschen aller Kulturen und Glaubensgemeinschaften, meint die 15-Jährige. Daneben findet sich auf ihrem Plan noch ein zweites Gebäude: ein Terrassenhaus mit scheinbar übereinander schwebenden, asymmetrischen Ebenen. "Hier könnten Beratungsstellen für alle Altersgruppen und Lebenslagen Raum finden." Zwischen den Gebäuden wünscht sich die Schülerin viel Natur, Bäume und Büsche und spielt mit mit dem Wasserlauf des Mains.

Die Ideen der jungen Planer sind nicht für die Schublade. Sie wollen mitreden und haben deshalb auch Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD) eingeladen, sich die Entwürfe anzusehen. Der OB kam gern und zeigte sich gleichermaßen beeindruckt wie erleichtert: "Keiner der jungen Leute hat versucht, den Platz zuzubauen.Das gefällt mir. Und es sind viele gute Ansätze dabei."

Viel Platz für unterschiedliche Ideen

Lehmann freut sich, dass die jungen Leute sich in die Diskussion einbringen. "Etwas Besseres kann einer Stadt gar nicht passieren." Das Gelände sei groß genug für verschiedene Nutzungsarten. Viele Begegnungsmöglichkeiten und ein befreiter Weißer Main, der in die Gestaltung einfließt - "das ist gut gedacht", findet der OB. Er bat die Schüler darum, ihre Pläne und kurze Beschreibungen ihrer Ideen dem Bauamt zur Verfügung zu stellen. Ein Vorschlag, dem die Jugendlichen gerne nachkommen.

Wie soll es weitergehen?

Noch gibt es seitens der Politik keine Entscheidung darüber, wie das Gelände gestaltet werden soll. Sicher ist, dass es eine Zwischennutzung für mindestens zwei bis drei Jahre geben wird, sagt OB Ingo Lehmann. Bis Wettbewerbe und Entscheidungsprozesse abgeschlossen sind und die Finanzierung der endgültigen Lösung steht, soll das Areal nicht einfach brach liegen. Rund 70.000 Euro Eigenanteil der Stadt plus Fördermittel sollen für die Zwischenlösung aufgewendet werden. Elemente davon könnten dann auch für die endgültige Gestaltung Verwendung finden.

Kommentar: Schüler diskutieren mit

Da kann sich die Stadt Kulmbach freuen: Ihre Bürger warten nicht einfach darauf, dass im Rathaus oder bei Wettbewerben gute Ideen für die Entwicklung der Innenstadt entstehen. Sie entwickeln eigene Vorschläge.

Auch die Jugend mischt sich ein. Viele Monate haben sich Schüler des Caspar-Vischer-Gymnasiums mit dem Kaufplatz-Areal beschäftigt und zeigen jetzt, wie sie sich die Gestaltung des Platzes vorstellen (siehe Seite 4). Dabei haben die Jugendlichen gezielt versucht, Lücken zu schließen, das zu ergänzen, was ihrer Meinung nach in der Innenstadt fehlt und die Lebensqualität verbessert: für die Menschen, die dort wohnen, bummeln, einkaufen, Freizeit verbringen - für Einheimische und Gäste.

Auffällig ist bei allen Plänen, dass die Schüler dabei zwar auch, aber keineswegs nur an sich selbst denken. Es geht ihnen um Spielmöglichkeiten für Kinder, entspannte Pausen und ein schönes und barrierefreies Ambiente für Schüler, Studenten, Berufstätige und Ältere.

Freilich sind nicht alle Vorschläge gleich realistisch. Der Tag, an dem wir mit einem Drohnentaxi auf die Burg schweben, liegt sicher in ferner Zukunft. Und dass es im Stadtparlament eine Mehrheit für gemeinschaftlich genutzte Gemüsegärten gibt, ist unwahrscheinlich. Aber die Entwürfe zeigen, dass die Jugendlichen Visionen haben, dass sie dabei in alle Richtungen denken und dabei auch Lösungen für aktuelle gesellschaftspolitische Herausforderungen suchen, beispielsweise die Themen Integration und interkulturelle Begegnungen.

Was allen Modellen gemeinsam ist: Sie zeigen, was in Kulmbach fehlt. Da lohnt es sich für den Stadtrat auf jeden Fall, genau hinzuschauen.