In der Kleinstadt ist man nicht anonym

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Archiv/Henning Kaiser, dpa
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In der Kleinstadt ist Anonymität manchmal nicht möglich. Ist das befremdlich?

Ich jedenfalls genieße es sehr, in einer Kleinstadt zu wohnen. Alle paar Wochen trifft man an frequentierten Orten die gleichen Leute wieder.

Man kennt sich, obwohl man nicht einmal den Vornamen des anderen weiß, geschweige denn jemals dessen Stimme gehört hat. Und auch in den anliegenden Geschäften, nicht weit von der eigenen Haustür entfernt, wird man mit der Zeit bekannt, inklusive der eigenen Vorlieben.

So stand ich am Wochenende in einem winzigen, bis an die Decke vollgestapelten Antiquariat, das gebrauchte Bücher verkauft. Hereingelockt hatte mich die Lust zu bummeln bei Frühlingswetter, mehr aber noch der Blick auf ein bekanntes Buch in der Auslage vor dem Geschäft.

"Soll ich es Ihnen das nächste Mal zurücklegen, wenn wir ein neues Buch von Martin Suter reinbekommen?", fragte mich die freundliche Inhaberin, als ich ihr drei Euro aus dem Münzfach des Geldbeutels fischte.

Zwar komme ich tatsächlich öfter in den Laden und habe schon das ein oder andere Buch des Autors erworben, so war ich doch trotzdem erstaunt, dass sie sich gemerkt hatte, was genau ich bei ihr kaufe. Mit dem Gefühl, verstanden zu werden, trudelte ich nach Hause. Ja, Kleinstadt heißt auch, in seinem Konsumverhalten gekannt zu werden.

Ich sollte mir wohl nur Gedanken machen, wenn die Bedienung in der Stammkneipe mir schon das dunkle Bier einschenkt, bevor ich bestellt habe. Denn auch das ist mir neulich passiert.