Wenn Pater Anselm Grün einen Auftritt hat, macht er keine Show daraus. Er braucht nur ein Rednerpult und ein Glas Wasser - mehr nicht. Dem Benediktiner-Pater liegt jegliches Aufhebens um seine Person fern, dabei ist er der wohl bekannteste Mönch Deutschlands.


Schlichten schwarze Benediktinerkutte


Auch in Kulmbach tritt er einfach in seiner schlichten schwarzen Benediktinerkutte auf und fängt an zu reden, den Blick nach vorne gerichtet. Deshalb erklärte er auch nicht, was er schon alles geleistet hat.

Anselm Grün stammt aus dem fränkischen Junkershausen. Er ist in München aufgewachsen, hat als Junge im elterlichen Elektrogeschäft Taschenlampen und Glühbirnen verkauft. Schon mit 19 Jahren trat Anselm Grün in die Benediktinerabtei Münsterschwarzach ein.



"Versäume nicht dein Leben"


Der heute 71-Jährige studierte Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaftslehre und lernte die Lehre von Benedikt von Nursia kennen. Schon immer reizte es Anselm Grün, Antworten auf die wichtigen Fragen der Menschen zu finden. Er hielt Seminare, lud zu Vorträgen ein. Und als Leiter der Abtei Münsterschwarzach war er zudem für 300 Mitarbeiter in 20 klostereigenen Betrieben verantwortlich.

Inzwischen hat Pater Anselm Grün 300 Bücher verfasst. Alle sind Welterfolge. Mehr als 14 Millionen Bücher hat Anselm Grün bereits verkauft, seine Lebensweisheiten sind in 30 verschiedenen Sprachen erhältlich. Und doch ist dem Pater der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen. Bei seinem Auftritt in Kulmbach referierte er über das Thema "Versäume nicht dein Leben". Grün analysierte ohne viel Vorworte die verschiedenen Arten, die dazu führen können, sein Leben zu verschwenden. Denn nicht immer seien Stress und Hektik oder äußere Lebensumstände schuld, oft liege der Grund für die Versäumnisse auch im Inneren der Menschen selbst.

So gibt es diejenigen, die bestens ausgebildet sind, die sich ständig weiterbilden. "Aber vor lauter Input kommen sie nicht zum Output und verpassen es, das Leben anzupacken", erklärte Grün.


Brücken zur Bibel


Anselm Grün schlug bei seinen Ausführungen immer wieder die Brücke zu Geschichten aus der Bibel. Er erzählte das Gleichnis vom Mann mit der verkrüppelten Hand und schaffte es, die alten Erzählungen en mit modernen Worten ins Heute zu transferieren. "Wer einen Sinn sieht, der kann das Leben auch meistern", so Grün.

Der Sinn könne darin liegen, schöpferische Werte zu schaffen. Wichtig sei es immer, aktiv auf die Herausforderungen zu reagieren. Es gebe Menschen, die "gelebt werden", so der Benediktinerpater und erzählte von einer 82 Jahre alten Frau, die sich in einem seiner Seminare darüber beklagte, immer nur für andere dagewesen zu sein. "Man muss versuchen, das, was einem vom außen widerfährt, zu verwandeln", so der Pater. Das bedeute natürlich nicht, dass die 82-Jährige versuchen sollte, alles nachzuholen. Dies würde wieder zu einem "verkehrten" und "versäumten" Leben zu führen. Stattdessen sollte sie die Versäumnisse erkennen und sich selbst Wünsche erfüllen.


Flucht ist keine Lösung


Offen schnitt Pater Anselm Grün die Flucht in Spiritualität an. Auch dies sei keine Lösung. Auch dies könne dazu führen, dass man Liebe versäume und einseitig lebe. Und eine klare Absage erteilte der Benediktinerpater "Lebensratgebern", die darauf abzielten, den Menschen zu verändern.

"Manchmal lebt man in der ersten Lebenshälfte einseitig, aber das darf man nicht verdrängen, das muss man würdigen. Man muss Versäumnisse erkennen, nicht einholen wollen", so Grün.


Angst gehört zum Leben


In seinem Vortrag ging er auch auf Ängste und Vorbehalte ein. Auch die könnten dazu führen, dass das Leben versäumt wird. Und sogar Psychopharmaka thematisierte der Pater.

Medikamente könnten helfen, psychische Krankheiten in den Griff zu bekommen, doch oft würden sie dazu eingesetzt, um schnell wieder funktionieren zu können. "Schwellenängste gehören zum Leben", machte der Pater deutlich.

Vor allem eine Lösung predigte der Pater: Hoffnung. Denn die Hoffnung, dass alles gut werden kann, sei der Motor für ein nicht-versäumtes Leben. Hoffnung helfe, das Leben anzupacken, auf Schicksalsschläge zu reagieren. Und dann gelinge auch ein Leben in Freiheit, in Lebendigkeit, in Frieden und in Liebe.

Mit der Beantwortung persönlicher Fragen beschloss Pater Anselm Grün den Abend. Viele Kulmbacher nutzten die Gelegenheit, um auch im Foyer noch einige Worte mit dem Pater zu wechseln und sich Bücher signieren zu lassen.