"Es hat fürchterlich gestunken beim Öffnen der Holzkisten aus China", erinnert sich Heinrich Schramm (87) aus Marktleugast. 23 Jahre hat er als Meister in der Rosshaar-Spinnerei in Hohenberg gearbeitet und auch die endgültige Schließung des Betriebs im März 1993 miterlebt. Ein altes Foto zeigt ihn mit den verbliebenen Arbeiterinnen bei der letzten Schicht, bevor das Werkstor endgültig geschlossen wurde.

An der Seite von Heinrich Schramm haben anfänglich 20 Frauen als Haarzieherinnen, Spulerinnen und Zwirnerinnen gearbeitet. Sie mussten das aus China angelieferte, zu armdicken Zöpfen verdrehte Pferdehaar von Mähne und Schweif auspacken und auf zwei langgestreckte Krempelmaschinen legen, die das Material zerfaserten. Danach wurde es verzwirnt.

"Die Verzwirnung des Rosshaars zu einem verwebbaren Faden geht zurück auf eine Erfindung des Ingenieurs Oswald Hänsel. Die Firma Kufner hat das Patent übernommen." erklärt der frühere Werkmeister. "Es waren gebrauchte Maschinen, die in Italien abgebaut und in Hohenberg wieder aufgestellt worden sind". Der Faden wurde aufgespult und auf Lastwagen zur Weiterverarbeitung in die Weberei nach Tannenwirtshaus gebracht.

Was mit dem federnden, sehr elastischen Faden danach passiert ist, weiß er ganz genau: "Er wurde hauptsächlich als Einlagestoff für teure Herrenjacketts verwebt. Die Nachfrage war die ersten Jahre riesig, doch die Jahre danach wurde die Naturfaser immer mehr durch Synthetik-Materialien ersetzt, so dass wir in Hohenberg schließen mussten."

Weberei von Familie Tittus gegründet

1968 beschloss Josef Kufner, der Chef des Münchner Großunternehmens, die Firma um den Standort Oberfranken zu erweitern. Die Industrieansiedlung im Oberland erfolgte aus betriebswirtschaftlichem Kalkül: Wegen der Zonenrandförderung ergaben sich Steuererleichterungen und verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten. Die Arbeitslöhne waren im Frankenwald deutlich niedriger, in der Weberei erfahrene Arbeitskräfte waren reichlich vorhanden.

In Tannenwirtshaus wurde eine große Weberei mit 80 Beschäftigten in Betrieb genommen. Als Zulieferbetrieb sollte die Zwirnerei im Gebäude einer Weberei in Hohenberg dienen, die man von der Marktleugaster Familie Tittus gepachtet und mit Maschinen für die Rosshaar-Verarbeitung ausgestattet hatte. Die mechanische Weberei ist 1928 von Heinrich Tittus nach seiner Rückkehr aus Amerika zusammen mit seinen Söhnen Richard und Henry gegründet worden.

Auffällige Granitsäulen

Der berechtigte Stolz der alteingesessenen Familie über die Gründung des Unternehmens, das bald zum größten Arbeitgeber um Hohenberg wurde, zeigt sich auch beim Eingang zur Weberei: In die beiden seitlichen Granitsäulen ist oben ein auffallendes "T" für "Tittus" eingemeißelt.

Logo: Pferdekopf mit Mähne

Die Familie hat bis heute in der Region einen guten Namen: Heinrichs Bruder, der Lebensmittelhändler Hans Tittus, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Bürgermeister der Marktgemeinde gewählt, 1947 bis 1956 war er Landrat im Altlandkreis Stadtsteinach. In der Flüchtlings- und Vertriebenensiedlung Mannsflur, die er mit auf den Weg gebracht hat, erinnert eine Straße an ihn. 1969 lief die Produktion der Firma Kufner im Oberland voll an. Die Beschäftigten der Betriebe in Tannenwirtshaus und Hohenberg wurden mit Kleinbussen aus den umliegenden Orten an ihre Arbeitsplätze gebracht. Das Markenzeichen der Firma war an allen Fahrzeigen angebracht: ein ins Auge springender pinkfarbene Pferdekopf mit Mähne. Doch auch Kufner konnte sich dem Niedergang der deutschen Textil- und Bekleidungsbranche durch den Strukturwandel nicht entziehen. 2008 musste die Firma endgültig Konkurs anmelden, wurde jedoch als Kufner Holding GmbH neu gegründet. Heute produziert das Unternehmen in vier Werken in Memmingen, Weißkirchen, der Slowakei und in China. Die Firma zählt zu den weltweit führenden Herstellern von Einlagestoffen in Sakkos, Hemden, Blusen und Hosen.

Zu den Abnehmern zählen Topunternehmen wie Armani, Brioni, Calvin Klein und Gerry Weber. Besonders interessant: Das Qualitätsmerkmal der Firma ist heute - wiederum - die Naturfaser, hergestellt aus Ziegen- und Pferdehaaren. Auch das alte Firmenlogo, der pinkfarbene Pferdekopf, hat man wieder zum Leben erweckt. Man kann in ihm das letzte Erinnerungszeichen sehen an die einstige Rosshaar-Fertigung im Oberland.