Waldau
Landwirtschaft

In Waldau zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit

Klimawandel und Tierschutz stellen Politik und Landwirtschaft vor Herausforderungen. Auflagen bedeuten für viele Betriebe enorme Kosten. Junge Kulmbacher Landwirte erklären ihre Betriebskonzepte und sagen, warum sich die heimische Lebensmittelerzeugung auch künftig lohnen wird.
 
Wer wie Johannes Dörfler auf einem Bauernhof aufgewachsen ist,  sieht es so: Tiere sind Lebewesen und sie liefern Nahrungsmittel.Adriane Lochner
Wer wie Johannes Dörfler auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, sieht es so: Tiere sind Lebewesen und sie liefern Nahrungsmittel.Adriane Lochner

Der 27-jährige Landwirt Johannes Dörfler aus Heidelmühle bei Waldau hält im Familienbetrieb Zuchtsauen, deren Ferkel er an Mastbetriebe in der Region verkauft. Der Landwirt erklärt, warum Politiker und Verbraucher in Sachen Tierwohl klare Entscheidungen treffen müssen.

Bevor man heutzutage einen Schweinestall betritt, muss man durch eine Hygieneschleuse. Getragene Kleidung und Schuhe müssen abgelegt werden, man muss duschen und betriebseigene Kleidung und Schuhwerk anziehen. "Hygiene ist wichtig, damit man keine Erreger zu den Schweinen bringt", erklärt Landwirt Johannes Dörfler (27) aus Heidelmühle bei Waldau.

Schweinezucht: Mehr Vorgaben für Nutztierhalter

Auf diese Weise könne man den Einsatz von Medikamenten vermeiden und die Gesundheit der Tiere sicherstellen. Drinnen leben Ferkel und Zuchtsauen jeweils in hellen, sauberen und gut durchlüfteten Laufställen. Überall hängen Strohraufen, an denen sowohl große als auch kleine Schweine gerne zupfen. "Das Stroh dient nicht zum Füttern, sondern zur Beschäftigung", erklärt Dörfler. Zu fressen bekommen die Ferkel vor allem Getreide aus eigenem Anbau: "Wir wollen, dass es den Tieren gut geht, dass sie gesund und vital sind."

Die abwechslungsreiche Arbeit sei einer der Gründe gewesen, warum er sich dazu entschieden habe, eine Ausbildung zum Landwirt zu machen und seine Meisterprüfung abzulegen. Johannes Dörfler zufolge kann, wer auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, beides verinnerlichen: Tiere sind Lebewesen und sie liefern Lebensmittel.

Schweinefleisch wird gebraucht. Im Durchschnitt etwa 60 Kilogramm Fleisch isst jeder Deutsche pro Jahr, die Hälfte davon ist Schweinefleisch. Allein die fränkische Esskultur wäre ohne Bratwurst, Schäufele oder Presssack nur schwer vorstellbar. Doch die Zahl der Sauenhalter in Deutschland ist seit Jahren rückläufig, nicht zuletzt weil viele mit den vom Gesetzgeber stetig veränderten Auflagen nicht Schritt halten können.

Laut einer Pressemitteilung des "Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)" vom Freitag (3. Juli 2020) will Bundesministerin Julia Klöckner, "dass auch die kleineren und mittleren Betriebe weiter tragfähig die Sauenhaltung betreiben und den Tierschutz steigern können". Erreicht werden soll das mit einem 300-Millionen-Euro-Förderprogramm für Stallumbau.

Es soll Änderungen in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung geben. Dabei berücksichtigt werden müsse "auch die Wettbewerbssituation mit anderen Mitgliedstaaten, in denen teilweise lediglich die Mindeststandards der EU umgesetzt sind", teilt eine Pressesprecherin des "BMEL" mit.

Mit kleinen Zugeständnissen versuche das "BMEL", einen Spagat zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit zu schaffen, erreiche damit aber genau das Gegenteil. So lautet die Kritik der Landwirte.

Tierschutz oder Tierquälerei?

Beispielsweise wurden Muttersauen bisher während und nach der Geburt in einem sogenannten Ferkelschutzkorb gehalten, damit sie sich nicht versehentlich auf ihren Nachwuchs legen. Künftig sollen sie maximal fünf Tage im Schutzkorb bleiben. Ob das Tierschutz sei, hält Johannes Dörfler für fraglich, denn für die Ferkel sei das gefährlich. Es werde mehr "Erdrückungsverluste" geben.

Fachtierarzt Stefan Gedecke aus Wonsees sieht auch die Arbeitssicherheit gefährdet, denn die aktuellen Schweinezuchtlinien verstehen keinen Spaß, wenn man sich dem Nachwuchs nähert.

Gedecke zufolge sollte man bei solchen Gesetzesänderungen viel weiter ausholen. Er sagt: "Zuchtentscheidungen müssten künftig auch nach Verträglichkeit getroffen werden und nicht in erster Linie nach der Ferkelanzahl." Dem Tierarzt zufolge müssten Politiker und Verbraucher klar definieren, was sie unter Tierwohl verstehen.

Alle Schweine auf der Weide zu halten, sei von der Fläche her nicht machbar. Es sei denn, Verbraucher wären bereit, rund zehn Euro für ein paar Bratwürste zu bezahlen, so Gedecke. Denkbar wäre es, für alle Schweine, auch für Mastschweine, die Buchten zu vergrößern und zu strukturieren in Ruhe- und Bewegungszonen.

Mehr Bildung notwendig

Dass sich Verbraucher heute mehr denn je für die Herkunft ihrer Lebensmittel und die Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere interessieren, hält Johannes Vater Manfred Dörfler (64) für eine gute Entwicklung. Seiner Meinung nach bedürfe es allerdings viel mehr Bildungsarbeit. "Wie Lebensmittel produziert werden, sollte man schon in der Schule viel besser erklären", sagt er.

Mit etwas mehr Vorarbeit würde vielleicht die ein oder andere politische Entscheidung praktikabler ausfallen. "Politiker sagen, sie wollen kleinbäuerliche Strukturen erhalten, machen aber genau das Gegenteil", betont Manfred Dörfler. Man müsse investieren, um neue, sehr große Ställe zu bauen, habe aber weder wirtschaftlichen Zugewinn noch Planungssicherheit. Sollten in einigen Jahren wieder Investitionen fällig werden, stünden kleine und mittlere Betriebe vor dem Bankrott, nur Großbetriebe könnten sich halten.

Johannes Dörfler betont, dass man wirklich alles daran setze, sich an die neuen Regeln zu halten. Für die Kastration männlicher Ferkel sei sogar die Anschaffung eines 12 000 Euro teuren Narkosegeräts geplant. Alternative Haltungsmethoden mit nur etwa der Hälfte der Tiere seien durchaus machbar, so Johannes Dörfler. "Aber das müsste man eben auch bezahlt bekommen."

Serienthemen Fortsetzung In der nächsten Folge erklärt Clemens Hilpert (22) aus Windischenhaig, warum er versucht, das Unkraut auf seinen Feldern mechanisch zu bekämpfen.