Kaum sinnbefreites Feuerwerk erhellte die Stimmung, herzlich wenig "gute" Vorsätze schalmeiten durchs Land und schon gar kein inflationär gerülpstes "Prost 2021!" aus 1000 Kehlen. Nein, ich sage es diesem Dämon gegenüber frei heraus: Bleib mir gestohlen, Fremder!

Jahreswechsel: Ein ohnehin überkommener Ritus, der sich so unschön wiederholt wie der Termin für die Darmspiegelung. Warum lassen wir das nicht mit diesem kalendarisch verordneten Hosianna? Dieser säuerlich überwürzten Erwartungsplörre? Womöglich garniert mit grundlosem Optimismus, wo doch alle wissen: Zuversicht ist nur ein Mangel an Information. Also reines Punschdenken.

Schon Goethe schrieb über den Datumssprung: "Das neue Jahr schob sich wie ein dicker Malaie in die Tür." Man möchte zurückraunen: Geh mir aus der Sonne, Fettwanst! Und nimm deinen unsäglichen Vorgänger gleich mit!

Wobei: Wir hätten ja etwas mitnehmen können aus 2020. Ein wenig Demut beispielsweise. Dass wir weder unsterblich sind noch unantastbar in diesem zerbrechlichen Erdengeflecht, zu dem wir als Homo sapiens gehören wie jede andere Spezies. Diesmal geht es eben der Krone der Schröpfung just an den Kragen, den sie sonst nicht voll genug bekommt. Aber das wird nicht lange anhalten, dann fährt der Dudelreaktor wieder Volllast. Die Menschheit steht global schon in den Startlöchern, sie hat angeblich einiges nachzuholen.

Mir fällt dazu nix mehr ein. Höchstens das Sonett "Menschliches Elende". Es beginnt so:

Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen. / Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit./ Ein Schauplatz herber Angst besetzt mit scharfem Leid. / Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen. / Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen."

Das schrieb Andreas Gryphius während des 30-jährigen Krieges im Pestjahr 1637. Möge sich jeder seinen eigenen Reim drauf machen.