Längst schon wäre es Zeit gewesen, Fräulein Ansorge ein Denkmal zu setzen.

Fräulein Ansorge war meine Lehrerin in der Grundschule. Aus meiner kindlichen Perspektive war sie alterslos, gehörte aber vermutlich jener Generation an, der der Krieg die jungen Männer genommen hatte - und in der Folge vielen jungen Frauen die Chance auf Ehe und Familie. Also stand die kleine, drahtige, energische Frau bis zu ihrer Pensionierung als Fräulein vor ihren Schülern.

Ihre Leidenschaft galt dem Fach Heimatkunde. Sie pflegte eine enge Bekanntschaft mit dem Heimatforscher Hans Edelmann, so dass sich in den meisten Unterrichtsstunden die Begeisterung für die Stadtgeschichte mit einem immensen Wissen verwob. Diese Begeisterung steckte an. Mich jedenfalls. Vieles aus dem Unterricht ist mir immer noch präsent, auch wenn ich in den mehr als fünfzig Jahren seither noch vieles gelesen, gesehen, gehört und dazugelernt habe.

Warum ich das erzähle? Eine Lehrerin, die ihren Schülern vermittelt, dass Geschichte mehr ist als eine Abfolge von Jahreszahlen und Herrschernamen, die bei ihnen eine Neugier weckt, die über Jahrzehnte anhält, die wünsche ich allen Kindern. Und deswegen hat Fräulein Ansorge ein Denkmal, zumindest ein virtuelles, verdient.

An meiner zeitweisen Borniertheit in Sachen Mathematik scheiterte übrigens ihr pädagogisches Talent. Ebenso, wie das ihrer Nachfolger auf dem Gymnasium. Was nicht weiter schlimm ist. Nach der Sage von der Weißen Frau oder dem Konraditag, an dem die Stadt niederbrannte, werde ich öfter einmal gefragt. Danach, wie man eine Tangentengleichung berechnet - nie.