Für die Interessensgemeinschaft Samelstein war die Rückführung des aus dem elften oder zwölften Jahrhundert stammenden Originals aus dem Landschaftsmuseum Obermain auf die Kirchleuser Platte ein klarer Sieg. Zehn Jahre ist das nun her.

Der historisch wertvolle Stein ist ein beliebter Ausflugsort. Als er selbst in jüngster Vergangenheit mit Bleistift beschmiert und die Konturen nachgezeichnet wurden, war das kaum mehr die Rede wert. Inzwischen sind die Striche wieder verblasst.

Also alles gut? - Nein - nichts ist gut, sind sich Kastellan Harald Stark und die Leiterin des Landschaftsmuseums Obermain, Nina Schipkowski, einig, als sie dem Stein zum zehnjährigen Außen-Jubiläum einen Besuch abstatten. Sie bezeichnen die Rückführung des Originals als "grandiose Fehlentscheidung" und zeigen vor Ort auch, wo das Problem liegt. Denn obwohl der Samelstein mit einem Dach geschützt ist, setzen ihm Witterungseinflüsse und die Luftverschmutzung merklich zu.

Der Sandstein reibt sich ab - nicht nur durch Berührungen, sondern auch durch Wind und Wetter. Wie stark die Beeinträchtigungen sind, macht ein Foto, das Hans Edelmann im Jahr 1932 aufgenommen hat, deutlich: Damals war "der Gerüstete im mittelalterlichen Rock" noch deutlich zu erkennen, inzwischen ist das Relief merklich flacher geworden. Und der Zahn der Zeit scheint immer schneller an dem historisch wertvollen Stein zu nagen.

Stein war konserviert

Als der Samelstein vor zehn Jahren wieder auf die Kirchleuser Platte gestellt wurde, war er vorher konserviert worden: Die Freunde der Plassenburg hatten die Maßnahme finanziert. Kleine Rillen wurden verfüllt, so dass Abplatzungen verhindert werden sollten. Doch diese Füllmasse ist längst wieder weg. Wasser kann ins Innere des Sandsteins eindringen und zu Absprengungen führen.

Gerade jetzt, wo die kalte Jahreszeit bevorsteht, ein echtes Problem. Der Sandstein ist porös, hat kleine Löcher. "Man muss sich um den Stein kümmern", sagt Schipkowski. Und auch Kastellan Harald Stark regt an, dass ein Restaurator regelmäßig den Stein begutachten müsse, um schlimmere Schäden zu verhindern. Die Möglichkeit, den Stein wieder ins Museum zu holen, möchten beide gar nicht artikulieren, um einem erneuten Shitstorm zu entgehen.

Doch wer könnte eine erneute Sanierung bezahlen? Die Interessensgemeinschaft Samelstein ist alles andere als reich, erklärt Reiner Schwarz aus Schimmendorf auf Nachfrage. "Als die Tafel ausgetauscht wurde, hat dies der Markt Mainleus bezahlt", sagt Schwarz und weist darauf hin, dass die Interessensgemeinschaft nur 24 Förderer habe. Jedes Jahr am 1. Mai gab es ein Samelsteinfest - Corona hat das aber inzwischen unmöglich gemacht.

Also, wer soll zahlen? Die Freunde der Plassenburg hatten den Stein 1993 unter der Bedingung restaurieren lassen, dass er anschließend im Landschaftsmuseum Obermain auf der Plassenburg bleiben solle. Für den Orginalstandort wurde eine Kopie angefertigt, die Ende 1993 auch auf der Kirchleuser Platte aufgestellt worden ist.

Die Kopie sah täuschend echt aus und hat damals 12 845 Mark gekostet. Doch ständig regte sich der Unmut der Kirchleuser und Schimmendorfer. Es hagelte Beschwerden, Leserbriefe, Proteste. Im Januar wurde der Abguss gestohlen - und wenige Monate erreichte der Lokalkrimi seinen Höhepunkt. Im Juli 1994 wurde die Kopie von Unbekannten zerschlagen.

"Das ganze Thema war politisch sehr umstritten. Auch innerhalb unserer Gruppierung gab es verschiedene Meinungen. Aber wenn an das Anliegen, dass am Samelstein etwas gemacht werden muss, offiziell an uns herangetragen wird, werden wir uns natürlich damit befassen", erklärt der Vorsitzende der Freunde der Plassenburg, Peter Weith. Im Dezember haben die Freunde der Plassenburg die nächste Vorstandssitzung.

Auch seitens des Marktes Mainleus ist man offen. Sobald Hinweise kommen, wird das Thema auf die Agenda gehoben, teilt die Verwaltung mit.

"Stadt nicht in der Verantwortung"

Genau so sieht es Kulmbachs Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD): "Unabhängig davon, wie und durch wen der Samelstein vor einigen Jahren wieder auf die Kirchleuser Platte gelangte, ist es wichtig, dieses Flurdenkmal zu sichern und vor Umwelteinflüssen zu schützen. Sachlich betrachtet käme nur eine aufwendige Einhausung in Frage, die Licht, Temperaturen und Feuchtigkeit vom Stein abhält - oder man bringt das Original wieder zurück ins Landschaftsmuseum Obermain. Es muss sich allerdings jemand finden, der die Verantwortung trägt und sich der Sache annimmt. Die Stadt Kulmbach sehe ich hier zunächst nicht in der Verantwortung, da wir mit dem bisherigen Prozess nahezu nichts zu tun hatten", kommentiert Lehmann die Sachlage.

Wie die Geschichte des Samelsteins weitergeht, ist ungewiss. Möglicherweise beginnt die Diskussion, ob das Original wirklich auf der Kirchleuser Platte stehen soll oder doch besser im Museum aufgehoben wäre, wieder von Neuem. "Wer heute die originellen Skulpturen von Ferdinand Titz aus dem Schlossgarten in Veitshöchheim oder die mittelalterlichen Figuren vom Fürstenportal und der Adamspforte des Bamberger Doms im Original bewundern möchte, muss auch in die Mainfränkischen Museen", sagt Harald Stark und hofft, dass doch noch die richtige Entscheidung zum dauerhaften Erhalt des Kulturdenkmals getroffen wird. Auch wenn ein Flurdenkmal grundsätzlich in die Flur gehöre, sei es doch Ziel Nummer 1, das historisch einzigartige Denkmal zu erhalten.

Der Samelstein

Der Samelstein oder Schamelstein markierte die sich kreuzenden Herrschafts- und Gerichtsgrenzen - nach der Reformation auch Glaubensgrenzen. Er steht außerdem an der Kreuzung alter Fernhandelswege. Der Samelstein wir auf das elfte oder zwölfte Jahrhundert datiert.

Der Stein zeigt die bildliche Darstellung eines Mannes im kurzen Rock, der zur Abwehr beide Arme hebt. Eine Sage erzählt, dass an der Stelle ein Händler - namens Samuel - erschlagen worden sein soll. Der Mörder musste zur Sühne den Stein setzen lassen.