Als sie vor fünfeinhalb Jahren nach Kulmbach kam, war Mezkin Hussein auf der Flucht vor dem Krieg in Syrien. Sie fand nicht nur Sicherheit und ein Dach über dem Kopf, sondern auch nette Menschen, die sie herzlich aufnahmen und die Freunde wurden. Für diese Erfahrung ist sie bis heute dankbar, nicht nur in Worten, sondern auch in Taten: Die Syrerin engagiert sich ehrenamtlich als Integrationsbegleiterin für diejenigen die heute Hilfe brauchen, zum Beispiel für eine Mutter mit Kindern, die gerade aus der Ukraine nach Kulmbach gekommen ist. Wer könnte besser verstehen, was diese Menschen gerade durchmachen?

Für die Ukrainer ist es in Deutschland viel einfacher, Wohnung und Arbeit zu bekommen als es das für Mezkin und Hunderttausende ihrer Landsleute in der großen Flüchtlingswelle ab 2015 war. Ist das ungerecht? Das haben wir sie und drei weitere Frauen aus Syrien gefragt - und überraschende Antworten bekommen.

Mezkin Hussein sieht das pragmatisch. "Es war schwieriger für uns, aber es ist nicht ungerecht. Deutschland hat in den letzten Jahren viel dazugelernt, was man besser machen muss. Und das hilft jetzt."

Es sei ganz natürlich, dass Europäer sich anderen Europäern enger verbunden fühlen. "Das sind doch eure Nachbarn!", sagt Feryala Mustafa. "Viele Ukrainer sprechen gut Englisch und kommen ohne Dolmetscher klar, sie haben ähnliche Ausbildungen, ein europäisches Aussehen." Feryala arbeitet heute in der Mittagsbetreuung im ökumenischen Kinderhort, ist beliebt bei den Kindern, und das nicht nur, weil sie für leckeres Essen sorgt.

"Unser Krieg in Syrien ist weiter weg von euch, die Ukraine ist nah." Darin sieht auch Fatima Mansour Drak einen wichtigen Unterschied. Sie kam nicht als Flüchtling, sondern schon 2014 mit ihrer Familie nach Kulmbach, als ihr Mann eine Stelle als Arzt am Klinikum annahm. Sie unterstützte arabische Geflüchtete, unter anderem als Dolmetscherin: "Wir müssen uns alle gegenseitig helfen, egal, wo wir herkommen. Und wir tun das von Herzen gerne."

Sana Mustafa, Mutter von sechs Kindern und nebenbei engagiert in verschiedenen Schulprojekten, weiß die Hilfe zu schätzen, die sie in Deutschland bekommen hat. "Ich habe eine Schwester, die damals in den Libanon geflohen ist, weil das ein arabisches Land ist. Aber der Libanon ist auch ein armes Land. Da gibt es nichts. Und die arabischen Länder, die reich sind, nehmen keine Flüchtlinge auf. Sie könnten, aber sie wollen nicht." Deutschland dagegen habe so vielen geholfen und tue das immer noch.

Flüchtlinge erster und zweiter Klasse? Diesen Gedanken lassen die vier Frauen gar nicht an sich heran. "Das hilft doch niemandem", sagt Mezkin Hussein. "Es geht darum, dass alle Hilfe bekommen, die so Schreckliches durchmachen müssen. Und jeder von uns kann ein bisschen mithelfen."

Die vier Syrerinnen gehören zu einer arabischen Frauengruppe, die regelmäßig im Familientreff in der Negeleinstraße zusammenkommt. Thema in der Gruppe waren auch die Äußerungen von Gudrun Brendel-Fischer, der Integrationsbeauftragen der Bayerischen Staatsregierung, die kürzlich geäußert hatte, ukrainischen Geflüchteten müsse "nicht erklärt werden, wie eine Waschmaschine funktioniert, oder dass auf dem Zimmerboden nicht gekocht werden darf". Ein böser Fauxpas, finden die Frauen. In dieser Position müsse man sehr genau auf seine Wortwahl achten. Beleidigt fühlen sie sich trotzdem nicht: "Das war sicher nicht rassistisch gemeint. Jeder sagt mal was Dummes", sagt Mezkin, die anderen stimmen ihr zu.

"Man reicht sich die Hand"

"Ich hoffe, dass die Politik in Deutschland immer weiter dazulernt und dass das der Grund für die unterschiedlichen Bedingungen für die Geflüchteten ist", sagt Souzan Nicholson, Integrationslotsin des Landkreises Kulmbach. Sie ist beeindruckt, dass auch die Geflüchteten aus der Welle ab 2015 das so sehen und sie die Unterstützung, die sie damals bekommen haben, jetzt an die nächsten weitergeben, die sie brauchen. "So schließt sich der Kreis. Man reicht sich die Hand."

Was die Geflüchteten betrifft, die im Landkreis unterkommen, ist Nicholson überzeugt, das alle hauptamtlich Verantwortlichen jeden Geflüchteten gleich behandeln, egal woher er oder sie kommt. "Es müssen natürlich immer die gesetzlichen Vorgaben einhalten werden, und die sind jetzt anders als 2015. Voll des Lobes ist die Integrationslotsin über den ehrenamtliche Einsatz: Rund 300 Menschen engagieren sich für Geflüchtete, vom Fahrdienst bis zur Behördenbegleitung, als Dolmetscher und Wegweiser im Alltag.