Die Not ist groß in den Seniorenwohnheimen der Arbeiterwohlfahrt. Die Mitarbeiter, die nach den Corona-Ausbrüchen Am Rasen und in der Johann-Brenk-Straße versuchen, den Betrieb am Laufen zu halten, seien am Limit. Körperlich wie psychisch, sagt Awo-Geschäftsführerin Margit Vogel, die von einem besorgniserregenden Ausnahmezustand spricht.

Überstunden über Überstunden

Es würden Überstunden über Überstunden geschoben. Aber reicht das? Vogel hat einen Hilferuf gestartet, deutlich gemacht, "dass die Pflege nicht mehr gewährleistet werden kann", wenn kein zusätzliches Fachpersonal die Awo-Belegschaft unterstützt. Vier Kräfte hätten beispielsweise die Diakonie und Caritas schon abgestellt. Doch das sei nicht ausreichend, so Vogel, die es nicht ausschließen kann, dass im schlimmsten Fall Bewohner sogar in Einrichtungen anderer Träger verlegt werden müssen.

Viele Infizierte

Während sich die Lage in der Heiner-Stenglein-Anlage Am Rasen zumindest etwas entspannt habe, spricht Vogel von einer dramatischen Situation in der Karl-Herold-Wohnanlage in der Johann-Brenk-Straße. Einige der 128 Bewohner seien im Krankenhaus, etwa 70 Männer und Frauen, die mit Covid-19 infiziert seien, würden mit den Gesunden in der Wohnanlage betreut. Und das von einer reduzierten Mannschaft. Von 70 Pflegekräften sei die Hälfte infiziert beziehungsweise als Kontaktperson in Quarantäne. Allein 16 Pflegefachkräfte fehlten.

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Die Angst ist groß

Es ist schwer, sich vorzustellen, wie hoch die Belastung ist, wenn man selbst nicht vor Ort war", so Vogel. Die Beschäftigten, die noch im Dienst seien, seien längst an ihre Grenze gekommen. Senioren, die positiv auf das Coronavirus getestet sind, würden unter Beachtung sämtlicher Hygienemaßnahmen gepflegt. Doch die Ungewissheit, sich eventuell selbst angesteckt zu haben, bleibe, da viele Ansteckungen zunächst oft symptomfrei verliefen. Vor und nach dem Dienst würden Schnelltests vorgenommen, einmal pro Woche fänden Reihentestungen statt. Die Zeit, bis das Ergebnis vorliege, sei nervenaufreibend. Viele Mitarbeiter hätten Eltern, Großeltern und Verwandte zuhause, "die zur Risikogruppe zählen und die sie keinesfalls gefährden wollen".

Kaum Zeit zum Trauern

Hinzu komme, dass man die Nachricht von Bewohnern verkraften müsse, die den Kampf gegen das Virus verloren haben. "Menschen, die sie jahrelang betreut haben, deren Geschichten sie kennen, zu denen sie eine Bindung aufgebaut haben, sind plötzlich nicht mehr da." Zeit zum Trauern bleibe kaum, denn so hart es auch sei: "Der Betrieb muss weiterlaufen."

Treffen im Landratsamt

Die Lage sei alarmierend, und so ist Margit Vogel am Dienstag auch der Einladung zu einer Lagebesprechung der Führungsgruppe Katastrophenschutz ins Landratsamt gefolgt. Ein Treffen, bei dem sie erneut auf die prekäre Lage verwiesen und um weitere Hilfe gebeten hat.

Antrag hatte Erfolg

Hilfe, die die Awo ebenso wie das auch stark von Corona betroffene Heim "Pro Seniore" in Wirsberg schon bekommen hat. Und die weiter ausgeweitet wird: Die Führungsgruppe Katastrophenschutz hat gestern einen Hilfeleistungsantrag bei der Bundeswehr gestellt. Das Schreiben, das Landrat Klaus Peter Söllner (FW) unterzeichnet hat, hatte Erfolg. "Zwölf Soldaten werden ab heute in Kulmbach sowie in Wirsberg als ,helfende Hände' im Einsatz sein", teilt Oliver Hempfling mit, der Leiter des Corona-Krisenstabs am Landratsamt ist.

Hempfling macht deutlich, dass die Notlage der Awo und von "Pro Seniore" die Führungsgruppe seit Wochen fordert. "Im Fall der Awo seit dem 19. Dezember, als es Am Rasen nach dem Corona-Ausbruch erstmals personelle Engpässe gegeben hat." Seitdem seien allen voran Maximilan Türk und Yves Wächter nahezu täglich dabei, die Heime sowohl organisatorisch wie auch bei der personellen Ausstattung zu unterstützen. Viele Hilferufe hätten gefruchtet. So seien andere Träger der Bitte des Landrats gefolgt, Fachkräfte für die betroffenen Heime abzustellen. Diakonie, BRK sowie auch Caritas hätten Personal zur Verfügung gestellt.

Viele Freiwillige

Auch der Aufruf, dass sich auf freiwilliger Basis Fachpersonal und "Helfende Hände" zur Unterstützung der Heimmitarbeiter melden sollen, hat den Heimen zusätzliche Kräfte zugespielt. "Unser Team hat am Feiertag 6. Januar alle Freiwilligen abtelefoniert und die Qualifikationen erfragt. Wir haben die Informationen an die Heime weitergegeben. Es ist nun deren Aufgabe, die Leute einzuteilen und einen Dienstplan zu erstellen", teilt Oliver Hempfling mit.

Der Leiter des Corona-Krisenstabs macht deutlich, dass mit dem Heimpersonal auch die Mitglieder der Führungsgruppe Katastrophenschutz Überstunden über Überstunden schieben. "Allein am Montag und Dienstag waren etliche Mitglieder je zehn Stunden nur mit der Situation in den Seniorenheimen befasst." In die Wege geleitet habe man beispielsweise auch, dass das Technische Hilfswerk in der Karl-Herold-Anlage durch bauliche Veränderungen dringend notwendige Isolationsbereiche geschaffen hat.

Die medizinische Versorgung

Sichergestellt wurde laut Hempfling die medizinische Versorgung. Nachdem Heinrich Behrens von der "Siedlerpraxis" über den Jahreswechsel in seinem Urlaub die Heimbewohner betreut habe, sei nun ein Modell entwickelt worden, wie die ärztliche Hilfe bis Ende der kommenden Woche auf mehreren Schultern verteilt werden kann. Sie wird von einigen niedergelassenen Ärzten übernommen.

Es ist ein gewaltiger Kraftakt, den der Corona-Ausbruch in den Seniorenwohnanlagen seit Wochen von vielen einfordert. Ab heute gibt es neue Helfer: zwölf Bundeswehrsoldaten, die ihren Teil dazu beitragen sollen, das Corona-Virus in den Heimen zu bekämpfen.