Der Kabarettist Christian Springer machte sich im Mönchshof Gedanken über "unsere Werte". Der Münchner nahm sich vor seinem Auftritt Zeit für ein Interview für die geplante Zeitung der "Schreibwerkstatt Grenzenlos".
Ein ganz Großer der bayerischen Kabarettszene gastierte am Samstag in Kulmbach: Christian Springer, der schon als Kind im elterlichen Obst- und Gemüseladen das Reden gelernt hat, hat seine Fertigkeiten im Schülerkabarett an einem Münchner Gymnasium verfeiert. Er studierte semitische Sprachen, erkannte dann aber das Kabarett als seine Berufung. Gut so, und so fanden sich am Samstag 140 Besucher im ausverkauften Veranstaltungssaal "unterm Dach der Museen im Kulmbacher Möhnchshof" ein.
Mit spitzer Zunge
Der sympathische Münchner mit der spitzen Zunge stand auf der Bühne, trank Tee und machte sich Gedanken über unsere Werte. "Überall begegne ich CSU-Wahlplakaten, auf denen erklärt wird, wer zu uns kommt, muss sich unseren Werten anpassen", sagte er. "Doch was sind unsere Werte?" Springer hat gegoogelt und ist auf etwa 2000 solcher Werte gekommen. "Wir haben so viele Werte, man muss sie uns nicht vorkauen, wir sind doch net blöd", stellte er fest. Der Blutdruckwert sei der wichtigste im Land, gefolgt vom Cholesterinwert und dem Abgaswert.
"Es fehlt an Herz und Hirn"
Es fehle an Herz und Hirn, wobei man Letzteres trainieren könne, auch wenn es manchmal Zweifel am Erfolg gebe. "Man betrachte allein unseren Bildungshaushalt", gab der Kabarettist zu bedenken. Umgerechnet würden wir 4,30 Euro pro Person und Tag für Bildung ausgeben. Das ergebe mit 80 Millionen multipliziert eine Riesensumme. "Und dennoch rangieren wir als reichstes Land der EU bei den Bildungsausgaben auf Rang 23 von 28 Mitgliedsländern."
"Wir haben doch einen kompletten Vogel"
Darüber hinaus würden in Deutschland die Familien nicht geschützt, sondern ausgesaugt. Man rühme sich einer starken Wirtschaft und geringer Arbeitslosigkeit, verschweige aber gleichzeitig die vielen Ein-Euro-Jobs oder Umschulungsmaßnahmen. Das Credo laute: Hauptsache raus aus der Statistik. "Wenn jemand von außen auf unser Land schaut, muss man sich eingestehen: Wir haben doch einen kompletten Vogel!"
Politiker "bemühen sich"
Doch Politiker seien nicht Deppen per se, "sie bemühen sich", sagte er. Und es sei wichtig, sich eines zu bewahren: Man sollte trotz unterschiedlicher politischer Ansichten an einem gemeinsamen, humanitären Strang ziehen. Das macht er selbst unter anderem über seinen Verein "Orienthelfer e.V.", der sich der Syrienhilfe widmet. "Im Libanon leben 1,5 Millionen Syrer", erklärte Springer. Hochgerechnet auf die Landesbevölkerung entspräche das 30 Millionen Flüchtlingen in Deutschland. "Und die meisten wollen wieder heim, dürfen es aber nicht, weil Assad sie nicht mehr zurücknehmen will." Von 50 000 Syrern, die derzeit ohne Papiere im Libanon lebten, hätten bislang 68 Personen die Erlaubnis zur Rückkehr erhalten. "Es ist eine humanitäre Katastrophe."
Der bayerischen Staatsregierung dankte Springer für die Unterstützung eines Ausbildungsprojekts, "auch wenn ich meinen Dank bei der Wahl anders zeigen werde".
Im Vorfeld seines Auftritts hatte er sich bereiterklärt, sich von der "Schreibwerkstatt Grenzenlos", einem Kulmbacher Projekt zur Verbesserung des schriftlichen Spracherwerbs von Geflüchteten und Asylbewerbern, interviewen zu lassen. "Ich glaube nicht an eine Leitkultur", sagte er. Auf die Frage eines jungen Geflüchteten aus dem Irak hielt er es für äußerst kurzsichtig und dumm zu behaupten, dass Flüchtlinge Unfrieden brächten. Da gebe es nur eine Möglichkeit: "Lasst sie arbeiten!" Nur so könne auch der seelische Druck bei vielen jungen Männern abgebaut werden.