Die Grundmühle bei Marktschorgast kennt man heute als Wasserschutzgebiet mit einer Trinkwasseraufbereitungsanlage für Kulmbach, aus der die Stadt mit 2,2 Millionen Kubikmeter im Jahr den Großteil ihres Wassers bezieht. Ein paar Meter weiter, bei der Einmündung des Perlenbachs, neben riesigen Häufen von Holzschnitzeln, stehen zwei verfallende Wohnblöcke - die letzten Erinnerungen an eine Firma, die hier ein Weltprodukt hergestellt hat. Über 50 Jahre haben die Benda-Werke Blattgold und Bronzefarben hergestellt, die unter dem Produktnamen "Bendalin" in viele Länder exportiert wurden. Doch mit dem Erstarken der Nazis naht das Ende des Betriebs. 1938 wird die jüdische Firma "arisiert", sprich enteignet.

Der Marktschorgaster Peter Munk kennt die Firmengeschichte wie kein anderer. Er hat im Gemeindearchiv die reichlich vorhandenen Geschäftsunterlagen durchgesehen. Vor allem aber sammelt und ersteigert er ziemlich alles, was an Relikten zur Firma im Internet angeboten wird. Entstanden ist über die Jahre im Dachgeschoss seines Hauses ein kleines Privatmuseum. Dicke Ordner sind mit Werbeplakaten, Prospekten und Geschäftspapieren gefüllt. In Glasvitrinen aneinandergereiht findet sich die ganze Produktpalette der Firma Benda: Pulverisierte Bronzefarben für Ofenrohre, Badewannen, Armaturen, Bilderrahmen, Möbel und den Buchdruck, Blattgold mit Lösungsmittel und Pinsel in einem Set. Natürlich fehlt auch das von dem bekannten Grafiker Ludwig Hohlwein entworfene Firmenlogo nicht: "Bendalin - die beste Bronze zur Vergoldung aller möglichen Gegenstände."

Die Benda-Werke kommen 1887 in die Grundmühle, doch ihre Gründung durch Georg Benda (1787-1844) erfolgt schon Jahrzehnte vorher, 1824, in Fürth. Die Stadt gilt als das "fränkische Jerusalem" - durch die im 17. Jahrhundert angesiedelte Talmud-Lehrstätte. Im 19. Jahrhundert tragen jüdische Unternehmen maßgeblich zur wirtschaftlichen Blüte Fürths bei. Als Benda in den Wettbewerb einsteigt, hat Fürth 13 000 Einwohner, davon 2400 Juden. Die Bendas sind eine alteingesessene Familie, deren Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückgehen.

Dass die Firma zu einer Größe wird, ist einer bahnbrechenden Erfindung Georg Bendas zu verdanken: 1826 konstruiert er eine wasserbetriebene Reibemühle, die dünne Bronzefolien zu feinem Metallpulver zerstampfen kann. Damit sind die technischen Voraussetzungen geschaffen für das Vergolden und Versilbern von Gegenständen. Der bayerische König Ludwig I. besichtigt die Fabrik und zeichnet Benda mit dem ersten Patent in Fürth aus. Unter dem Namen "Bendalin" gehen die Bronzefarben in den Handel und werden zu einem Erfolgsprodukt in ganz Europa. Die Firma prosperiert, doch für die Arbeiter ist die Herstellung gesundheitsschädigend: der feine Metallstaub, der in den Werkshallen umherwirbelt, schlägt ihnen auf die Lunge, obwohl sie sich durch ein Gesichtstuch mit eingebundenem Schwamm schützen. Auch für die Anlieger in der dicht bewohnten Innenstadt ist das dumpfe Pochen der Hämmer von frühmorgens bis spät am Abend eine Plage, sodass wiederholt vor Gericht geklagt wird.

Wegen des zunehmenden Widerstands denken Georg Bendas Nachfolger Georg Neubauer und Leopold Kirschbaum an eine Verlegung des Stammwerks. Bei der Suche wird man in der Grundmühle fündig. Als neuer Standort ist sie ideal: Sie ist abseits gelegen, Wasser und Holz sind reichlich vorhanden, zum Bahnanschluss in Marktschorgast ist es nur ein Katzensprung, billige Arbeitskräfte stehen zur Verfügung. Die Firma erwirbt die alte baufällige Mühle von Johann Schmelz am Perlenbach und errichtet an ihrer Stelle eine Bronzefabrik mit zwei Kesselhäusern, daneben zwei Wohnblöcke für die Beschäftigten. Der Sitz der Firma bleibt in Fürth, doch Miteigentümer Leopold Kirschbaum zieht nach Marktschorgast. Rasch wächst er in die Bürgerschaft hinein, er ist Mitglied bei der Feuerwehr und der Schützengesellschaft. Die Firma wird im Ort als großer Arbeitgeber für über 100 Beschäftigte (vor dem Ersten Weltkrieg) sehr geschätzt.

Nach 1933 beginnt die schrittweise "Arisierung", oft auch "Entjudung" genannt. Die Eigentümer von Betrieben werden gezwungen zu verkaufen, meist weit unter Wert. Im März 1938 übernimmt die Carl Schlenk AG in Barnsdorf bei Roth/Bayern, ein Metallpulver-Hersteller, 46 Prozent der Aktien gegen 395 000 Reichsmarkt, ein Jahr später die restlichen für 460 000 RM. Die traditionsreiche Firma Benda hört auf zu bestehen.

Im Benda-Wohnhaus geboren

Einer, der das Werk von Kindesbeinen an erlebt hat, ist Josef Kofer. Der Altbürgermeister von Marktschorgast wird 1939 im firmeneignen Wohnhaus geboren. "40 Leute haben darin gewohnt, unten war Pferdestall, oben Büroräume", erzählt er. Sein Vater Hans hat in der Fabrikation gearbeitet. "Wenn er zurückgekommen ist, war er kaum zu erkennen, so bronziert war sein Gesicht mit Staub." Auch sein Großvater Georg hat in den Benda-Werken gearbeitet - als Kutscher. "Mit seinem Pferdegespann hat er das Rohmaterial, dünne Bronze-Platten, am Bahnhof von Marktschorgast abgeholt und jeweils Hunderte von Farb-Packungen ,Bendalin' dorthin gebracht." Was er als Bub nur am Rand mitbekommen hat, ist die Umstellung der Firma auf Rüstungsproduktion.

Schon 1941 wird im Auftrag der Kriegsmarine ein Teil der Maschinen nach Pfaffenhofen abgezogen. Ab März 1943 werden in den Werkshallen "kriegswichtige Arbeiten" ausgeführt, wie der Marktschorgaster Bürgermeister Fritz Feulner in einem Schreiben an das Landratsamt mitteilt. Was produziert worden ist, verraten die Aufzeichnungen des Schulleiters Nikolaus Brückner: Sprengstoff, abgefüllt in Fässern, vermutlich für Schiffsminen und Granaten bestimmt.