Da trauten etliche Kulmbacher Ende vergangener Woche ihre Augen nicht: Wo sind die großen Amphoren hingekommen, die seit Jahrzehnten auf dem Spinnereigelände standen? Bei genauerem Hinsehen wurde klar: Sie sind kaputt, zerstört bei Bauarbeiten im Rahmen der Sanierung des Spinnerei-Gebäudes, das einmal das "Grüne Zentrum" werden soll. Ein Baggerfahrer zertrümmerte die Gefäße mit der Schaufel seiner Maschine und beförderte die Scherben in einen Container.

Historische Fässer aus der Färberei

Nun handelt es sich bei den Tongefäßen nicht um irgendwelchen alten Kram, der vergessen herumstand und niemanden interessierte. Die Amphoren gehörten einst zur Spinnerei, wurden wohl in der Färberei zur Lagerung von Farben und Laugen verwendet.

Wie alt sie genau sind, lässt sich nicht mehr genau sagen, aber sie dürften in den vierziger, spätestens in den fünfziger Jahren gefertigt sein, vermutet Stadtarchivar Erich Olbrich. Später habe man für die Lagerung in der Regel kostengünstigere Kunststoff-Fässer genutzt. Die Ton-Fässer waren also ein Stück Kulmbacher Kulturgeschichte, das zwar nicht unter Denkmalschutz stand, aber dennoch wertvoll war.

Das Grundstück, auf dem die Amphoren standen, gehört der Stadt Kulmbach. Auch die Gefäße sind ihr Eigentum. Doch seitens der Bauherren wurde nicht nachgefragt, ob die Stadt die Amphoren erhalten und sie eventuell selbst entfernen möchte. Das wäre zwar nicht mühelos gewesen, aber machbar. Die Amphoren waren nämlich in einen Sockel einbetoniert. Behutsam und mit Sachkenntnis hätte man die Gefäße in Sicherheit bringen und später wieder an geeigneter Stelle platzieren können. Stattdessen wurden einfach Tatsachen geschaffen.

Dementsprechend ungehalten ist man im Rathaus. "Es ist sehr ärgerlich, dass im Zuge der Baumaßnahmen am Gebäudekomplex A1/A6 der Alten Spinnerei nun diese historischen Kulturgüter zerstört wurden", sagt Pressesprecher Jonas Gleich. "Wir haben bereits Kontakt mit dem verantwortlichen Investor aufgenommen und ihn um Stellungnahme gebeten."

Die Originale sind zwar unwiederbringlich verloren, aber die Sache auf sich beruhen lassen, wird man seitens der Stadt nicht. Jonas Gleich: "Wir möchten darauf hinwirken, dass die Amphoren durch baugleiche Repliken ersetzt werden - natürlich auf Kosten des Investors. Die Alte Spinnerei ist fest mit der Identität der Stadt Kulmbach verknüpft. Daher sind einzelne Sehenswürdigkeiten, wie beispielsweise die Turbine oder auch die Amphoren umso erhaltenswerter, da sie als Erinnerungsgüter auf die Geschichte unserer Stadt hinweisen sollen."

Der Gebäudekomplex, an dem derzeit gearbeitet wird, ist der denkmalgeschützte Spinnereitrakt aus dem Jahr 1928, dessen Front zur Heinrich-von-Stephan-Straße weist. Dort soll nach bisherigem Planungsstand schon Ende 2022 das Grüne Zentrum seine Arbeit aufnehmen: mit der Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV), dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) und dem Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn).

Die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Investor, der das Gebäude für 1,2 Millionen Euro von der Stadt Kulmbach gekauft hat, hat sich bisher als alles andere als unkompliziert erwiesen. So hatte er sich nicht nur mit der Zahlung des Kaufpreises Zeit gelassen. Es hatte auch immer wieder Abstimmungsprobleme in strittigen Fragen gegeben.

Wie er sich nun hinsichtlich der Regulierung des bei den Arbeiten entstandenen Schadens verhalten wird, bleibt abzuwarten.