Am Abend ist noch alles in Ordnung, in der Nacht plötzlich Fieber, Übelkeit oder Zahnweh ... Krankheiten und Schmerzen richten sich nicht nach Terminkalendern oder Ladenschlusszeiten. Doch auch spät nachts und an Feiertagen bekommen wir in diesen Situationen schnell Medikamente.

Ein ausgeklügeltes System

Dass das klappt, ist einem ausgeklügelten Notdienst-System der Apotheken zu verdanken. 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr, erreichen wir einen Apotheker, der uns mit dem Benötigten versorgt und kompetent beraten kann, wenn wir nicht zuerst zum Arzt gehen.

Wie ist dieser Notdienst bei uns organisiert? Welche Probleme müssen gemeistert werden? Über diese Fragen haben wir mit dem Sprecher der Kulmbacher Apotheker, Hans-Peter Hubmann, gesprochen, der auch Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbands ist. Wer organisiert die Apotheken-Notdienste? Zuständig für die Organisation und Einteilung der 3200 bayerischen Apotheken in 180 Notdienstkreise ist die Landesapothekerkammer. Im Stadtgebiet Kulmbach teilen sich zehn Apotheken diese Aufgabe. Die Landkreisgemeinden sind weiteren drei Notdienstkreisen zugeteilt.

Wie weit ist die nächste Notdienst-Apotheke maximal entfernt? Wer nachts oder an Feiertagen die Dienste einer Apotheke braucht, soll nicht mehr als maximal 15 Kilometer Wegstrecke zur nächsten diensthabenden Apotheke zurücklegen müssen. Bis vor etwa sechs Jahren betrug die maximal Entfernung zur nächsten Apotheke noch zehn Kilometer, sagt Hans-Peter Hubmann. Das sei heute nicht mehr machbar. Der Grund: Es gibt weniger Apotheken als früher. Was wird nachts und an Feiertagen am häufigsten nachgefragt? Viele Patienten kommen in der Nacht mit einem ärztlichen Rezept aus einer Notfallpraxis. Doch mehr als jeder zweite Kunde klingelt am Dienstschalter, ohne zuvor beim Arzt gewesen zu sein. "Da geht es am häufigsten um Fiebermedikamente für Kinder, um Mittel gegen Magen-Darm-Infektionen und Zahnschmerzen, so Hubmann. Gerade am Wochenende öfter nachgefragt wird auch "die Pille danach" bei Verhütungspannen. Das Präparat ist frei verkäuflich, "aber wir geben es nicht kommentarlos ab", betont Hubmann. "Wir fragen genau nach. Gerade da ist Beratung wichtig. Außerdem übergeben wir diese Pille nicht an einen Boten, sondern nur an die betroffene Frau direkt."

Gibt es auch mal schwierige Situationen? "Im Grunde sind wir auf fast alles vorbereitet. Problematisch kann es allerdings werden, wenn ein Arzneimittel, beispielsweise ein Antibiotikum, in einer Nacht vielfach verordnet wird. Unsere Vorräte sind begrenzt." Kritisch ist auch, wenn ein Arzneimittel auf dem Rezept steht, das beim Lieferanten ausverkauft oder gar nicht mehr auf dem Markt ist. "In diesen Fällen würde ich mir eine direkte Telefonnummer in die Bereitschaftspraxis wünschen, damit ich mit dem verordnenden Arzt direkt Rücksprache halten kann, welche Alternative die beste ist. Leider haben wir Apotheker diese Möglichkeit bislang nicht, obwohl wir das schon oft beantragt haben. Wir müssen wie die Patienten auch die allgemeine ärztliche Notrufnummer 116117 wählen. Das kostet unnötig viel Zeit." Wie sieht eine Notdienst-Nacht aus? "Wer Dienst hat, übernachtet in der Apotheke . Dafür gibt es ein Notdienstzimmer mit einem Bett", sagt Hans-Peter Hubmann. Lange dauern die Ruhepausen allerdings in der Regel nicht. Zwischen 10 und 30 Mal wird der oder die Diensthabende beispielsweise in seiner "Apotheke im Fritz" im Lauf einer Nacht aus dem Bett geklingelt.

Bedient wird in der Regel über einen Notdienstschalter: "Das ist nicht zuletzt eine Frage der Sicherheit: Man weiß nie, wer vor der Tür steht." Wie findet man die nächstgelegene dienstbereite Apotheke? An jeder Apotheke finden sich die aktuellen Dienstpläne. Die Bayerische Rundschau veröffentlicht täglich auf ihrer Serviceseite die diensthabenden Apotheken in ihrem Verbreitungsgebiet.

Kommentar: Nicht selbstverständlich

Früher oder später trifft es jeden mal: Wir stehen nachts am Schalter der Notdienstapotheke - mit einem mehr oder minder dringenden Anliegen, auf jeden Fall aber froh, dass dort jemand für uns da ist.

Wenn der persönliche Leidensdruck gerade nicht so hoch ist, wird die Apotheke vor Ort aber gerne mal vergessen. Zu groß ist die Verlockung, bei nicht-rezeptpflichtigen Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten durch die Bestellung bei einer Online-Apotheke ein paar Euro zu sparen. Der Anteil des Online-Handels am Gesamtumsatz der Apotheken wächst.

Dadurch wird es mancherorts schwieriger, eine Apotheke wirtschaftlich zu betreiben. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Weniger Apotheken, weitere Wege. Online-Apotheken machen keinen Notdienst.

Und auch wenn uns der Rund-um-die-Uhr-Service selbstverständlich erscheint - er ist es nicht. Es ist im Grunde genau wie im Einzelhandel: Wenn wir eine Vor-Ort-Struktur haben wollen, müssen wir sie auch kontinuierlich unterstützen.

Nachgefragt: Ist direkter Draht zum Arzt machbar?

Nachts schnell mal den behandelnden Arzt in der Bereitschaftspraxis anrufen, wenn es Fragen zum Rezept gibt? Bislang ist das nicht möglich, sehr zum Bedauern von Apotheker-Sprecher Hans-Peter Hubmann. Gerade nachts und an Feiertagen gebe es öfter Bedarf für eine kurze Rücksprache

Ist ein direkter Draht künftig machbar? Diese Frage haben wir an die Kassenärztliche Vereinigung Oberfranken und den Vorsitzenden des Ärztlichen Kreisverbands Kulmbach, den Mainleuser Arzt Thomas Koch gerichtet.

"Aktuell ist tatsächlich eine Kontaktaufnahme mit einem diensthabenden Arzt in einer Bereitschaftspraxis ausschließlich über die Servicestelle 116 117 möglich", so Axel Heise, stellvertretender Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. "Bisher hatten wir auch noch keine Anfrage, daran etwas zu ändern. Sollte es dafür einen größeren Bedarf geben, könnten wir von Seiten unserer zuständigen Fachabteilung prüfen lassen, inwiefern und mit welchem technischen Aufwand sich eine solche Kontaktmöglichkeit einrichten lässt."

Auf örtlicher Ebene scheint das Problem dann doch einfacher zu lösen zu sein. "Das können wir ohne Weiteres beheben, sagt Thomas Koch. "Es gibt eine direkte Nummer, die wir für diesen Zweck gerne weitergeben."

Voll des Lobes ist der Mainleuser Mediziner hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern: "Das läuft hervorragend. Ich bin seit fast 34 Jahren niedergelassen und habe noch nie Probleme gehabt", betont er. Das gelte nicht nur für ihn persönlich mit seiner Mainleuser Praxis, sondern auch für seine Kollegen im Kreisverband.

Übersicht: Die Apothekenversorgung in Stadt und Landkreis

Notdienstkreise Die Städte und Gemeinden im Landkreis gehören vier von bayernweit 180 Notdienstkreisen an.

Stadt Kulmbach Die Notdienste teilen sich folgende zehn Apotheken: Apotheke am Holzmarkt, Apotheke im Fritz, Blaicher Apotheke, Kranich-Apotheke, Obere Apotheke, Sonnen-Apotheke, Sonnenstern-Apotheke, Stern-Apotheke, Zentralplatz-Apotheke

Südlicher Landkreis Die Apotheken in Hollfeld, Waischenfeld, Ahorntal, Glashütten, Thurnau, Kasendorf und Neudrossenfeld leisten abwechselnd Notdienstet.

Nördlicher Landkreis Die Apotheken in den Gemeinden Bad Berneck, Gefrees, Goldkronach, Himmelkron, Neuenmarkt, Stadtsteinach, Untersteinach und Wirsberg bilden eine Notdienst-Gruppe.

Obermaintal Die Apotheke Mainleus gehört ebenso wie die Apotheken in Altenkunstadt, Burgkunstadt, und Weismain zum Notdienstkreis, der Teile der Landkreise Lichtenfels, Kronach und Coburg abdeckt.