Warum wird der Ausbildungspreis verliehen? Welche Anforderungen müssen junge Schulabgänger erfüllen, um in der Berufswelt Fuß zu fassen? Gibt es den vielbeschworenen Fachkräftemangel auch bei uns? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gibt Clemens Dereschkewitz, der als Geschäftsführer der ait Deutschland nicht nur der Chef von 450 Mitarbeitern am Standort Kasendorf ist, sondern seit 2012 als einer der beiden Vorsitzenden des Arbeitskreises Schule-Wirtschaft sich auch intensiv mit dem Nachwuchs beschäftigt.

Wie stellt sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt für junge Leute dar?
Vor zehn Jahren war es das Problem, dass es zu viele Schulabgänger gab und zu wenig Lehrstellen. Der Arbeitskreis Schule-Wirtschaft wurde ja gegründet, um Ideen zu finden und Unternehmen zu animieren, den Überschuss an Schulabgängern in der Industrie unterzubringen. Heute hat sich die Situation komplett geändert: Es gibt genug Lehrstellen, aber nicht genug Schulabgänger. Dazu kommt, dass Oberfranken zwar die größte Mittelstandsdichte in Europa hat, aber keine Großkonzerne. Die jungen Leute kennen aber nur die großen Unternehmen. Es gab einmal eine Umfrage unter Kulmbacher Gymnasiasten, welche Firmen sie hier kennen. Nach der Brauerei und den Arbeitsplätzen ihrer Eltern wurde es schon dünn. Sie kannten nicht mal die großen Handwerksbetriebe in der Region. Das ist erschreckend.

Was kann man dagegen machen?
Eine der Aufgaben des Arbeitskreises Schule-Wirtschaft ist es, den Unternehmen eine Plattform zu geben, sich vorstellen: bei der Ausbildungsmesse, bei der Abitura. Die Firmen müssen hausieren gehen. Da tun sich manche Unternehmen noch schwer, das zu begreifen. Aber wenn wir das nicht machen, dann gehen die Schüler nach München, wo die Konzerne sind, und wir haben den Nachwuchs für immer verloren. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass die Ansprüche der Firmen höher geworden sind. Wer nicht in seine schulische Ausbildung investiert, wird es trotz des Angebots schwer haben. Ein gewisses Bildungsniveau ist nötig.

Welche Voraussetzungen sollten denn erfüllt werden?
Bei uns ist es für eine kaufmännische Ausbildung ein guter Realschulabschluss, für eine Ausbildung zum Mechatroniker ein guter Hauptschulabschluss. Durch diese Anforderungen verknappt sich das Angebot natürlich weiter.

Was empfehlen Sie: Studium oder Ausbildung?
Beides: Ausbildung und Hochschule dual - das ist ein Studium mit hohem Praxis-Anteil. Der Bachelor ist ein guter Abschluss, Unternehmen im Mittelstand haben nicht Unmengen an Dr.-Stellen zu bieten.

Warum sollten Firmen am Ausbildungspreis teilnehmen?
Das ist die beste Chance zu zeigen, was das Unternehmen macht. Klappern gehört zum Geschäft. Die Lehrlinge reden darüber, sie sagen, warum es toll ist, in dem Betrieb zu arbeiten. Man muss investieren und langfristig denken, um auch morgen noch Auszubildende zu haben. Das ist ein integraler Bestandteil eines Unternehmens - unabhängig von seiner Größe. Im Arbeitskreis Schule-Wirtschaft kann übrigens jeder mitmachen - das kostet kein Geld.

Was macht denn Ihre Firma in dieser Hinsicht?
Unsere Lehrlinge haben eine eigene Facebook-Seite. Mit Prospekten kriegt man nur noch die Eltern. Wir beziehen die jungen Leute in möglichst viele Bereiche mit ein, es gibt Aktionen wie "Azubis werben Azubis". Praktikanten sind bei uns ausdrücklich erwünscht. Wir machen mit beim Girls'Day, arbeiten sogar mit Kindergärten zusammen beim ait-Kids-Day am Buß- und Bettag, an dem die Lehrlinge die Betreuung der Kleinen übernehmen. Die meisten Ideen, die wir auf dem Gebiet promoten, egal ob Gewinnspiele oder Praktika, kommen von unseren Auszubildenden.

Es wird viel diskutiert über die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Wie sehen Sie das?
Das wird künftig sehr wichtig sein. Die derzeit gültigen Gesetze stammen noch aus einer Zeit, in der Deutschland nicht genug Arbeitsplätze hatte. Jetzt geht es der Wirtschaft gut. Deshalb müsste das Asylrecht reformiert werden, damit die Leute in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt integriert werden können, sobald ihre Anerkennung als Flüchtlinge unstrittig ist. Dazu gehört auch die Anerkennung ihrer Schul- und Studienabschlüsse.

Da gibt es aber doch noch oft Sprachbarrieren.
Das stimmt. Dagegen müsste aber von staatlicher Seite etwas getan werden, weil das von den Betrieben nicht zusätzlich zu leisten ist.


Infos zum Ausbildungspreis


Wettbewerb Wie in den Vorjahren vergibt der Arbeitskreis Schule-Wirtschaft Kulmbach zusammen mit der Bayerischen Rundschau auch 2015 wieder den Ausbildungspreis an zwei Unternehmen.

Betriebe Es gibt zwei Kategorien: Unternehmen mit bis zu 30 Mitarbeitern und ab 30 Mitarbeitern.

Motto Das Motto 2015: "Mein Ausbildungsbetrieb ist der beste in der Region, weil ..." Auszubildende sind dazu aufgerufen, mit ihrem kreativen, außergewöhnlichen Projekt auf ihr Unternehmen aufmerksam zu machen und zu zeigen: "Eine Ausbildung bei uns ist richtig cool!". Dabei ist keine Idee zu klein oder zu ausgefallen!

Präsentation Am Freitag, 16. Oktober, dürfen alle nominierten Unternehmen dem Publikum ihre Projekte präsentieren. Im Anschluss werden dann die beiden Gewinner im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung bekannt gegeben.

Einsendeschluss Montag, 28. September.

Bewerbung Das Bewerbungsformular kann auf der Seite des Arbeitskreises Schule-Wirtschaft (www.schulewirtschaft-kulmbach.de) heruntergeladen werden. Die Anmeldung erfolgt bei der Bayerischen Rundschau, E.-C.-Baumann-Straße 5, 95326 Kulmbach (oder per Fax unter der Nummer 09221/949-378). Auch formlose Bewerbungen sind möglich.

Gewinner 2014 Letztjährige Gewinner waren die Firma Saum & Viebahn sowie das Landratsamt.

Serie Etwa alle 14 Tage stellen wir bis zum Herbst junge Leute vor, die in der Region Karriere machen. red