Müsste Justin Rosenstein seine Erfindung mit einem der sechs Facebook-Emojis bewerten, würde er sich wohl für das vor Wut rot angelaufene Gesicht entscheiden. Jedenfalls dann, wenn er diese noch benutzen würde. Vor zehn Jahren war der inzwischen 35-jährige US-Amerikaner Teil einer Gruppe von Ingenieuren, die jenen kleinen Daumen entwickelte, mit dem Nutzer Beiträge auf Facebook versehen können - und zu dem sich längst fünf weitere Reaktionen gesellt haben.

Doch nicht nur diese als Emojis bekannten Knöpfe, auch den kleinen digitalen Daumen scheut Rosenstein inzwischen so sehr wie sein ehemaliger Arbeitgeber, Amazon oder Apple Steuerzahlungen. Mehr noch, er bereut seine Erfindung. Weshalb, erzählte er der britischen Tageszeitung The Guardian: Inzwischen mache er sich Sorgen, um die psychologischen Auswirkungen seiner Erfindung, denn das ständige Bewerten mache hochgradig abhängig.

Kampf gegen Fake News

;

"Man achtet beim Posten eines Beitrags mittlerweile nur noch darauf, was anderen gefallen könnte, um so Likes zu erhalten, aber man ist nicht mehr man selbst." Den Satz könnte zwar ohne weiteres auch Rosenstein geäußert haben, stammt aber aus dem Mund eines anderen Programmierers. Dem von Tobias Mesch.

Der 24-Jährige aus dem Mitwitzer Ortsteil Schwärzdorf betrachtet das kalifornische Unternehmen mit dem kleinen weißen "f" im Logo schon seit Jahren zunehmend kritisch. Nicht nur wegen des Like-Buttons. Vor allem aufgrund der Flut an Beleidigungen in den Kommentarspalten und Links zu Artikeln, deren Wahrheitsgehalt so hoch ist, wie die Menge an Milch in der Milchschnitte. "Ich finde es wirklich gefährlich, dass Facebook als Propagandamittel genutzt wird", ärgert sich Mesch.

Doch während gewiss nicht geringe Mengen an Nutzern, die eine ähnliche Ansicht vertreten, sich von Facebook und Co abwenden, möchte Mesch - kariertes Hemd, kurze braune Haare, opulente Brille - auf den Austausch im Netz und die Vorteile, die solche Seiten bieten, nicht missen. Seine Lösung: ein eigenes soziales Netzwerk.

"Eine Spur Wahnsinn"

;

Universify heißt sein Angebot, mit dem er sich nun in eines der gefährlichsten digitalen Haifischbecken stürzt (siehe Interview unten). Drei Jahre arbeitete der 24-Jährige an dem Projekt, das bisher nur seine Freundin und eine Handvoll Freunde und Bekannte testeten.

"Eine Spur Wahnsinn" sei schon dabei, räumt er ein, schließlich müsse er versuchen, mit so gut wie keinem Etat Facebook Konkurrenz zu machen. Wenn man so will, tummelt er sich als Kaulquappe im Haifischbecken. "Bei denen sitzen Top-Leute und ich mache das alleine. Und es muss ja konkurrenzfähig sein!" Ob Universify dies ist, werden die kommenden Wochen zeigen. "Meines Wissens gibt es kein Netzwerk, das nach deutschem Recht betrieben wird. Die sitzen ja alle in Irland oder den USA", sagt er. "Entweder, man verkauft dort seine Daten oder man lässt es sein." Bei Universify sollen Nutzer im Besitz ihrer Daten bleiben.

Algorithmus gegen Beleidigungen

;

Erste Anlaufstelle seines Angebots ist ein Terminkalender mit einer Art Timeline. Anders als auf Facebook erscheinen dort allerdings keine von Privatpersonen oder Unternehmen erstellte Posts, sondern Einträge von Blogs oder Nachrichtenseiten. Von welchen, entscheidet der Nutzer. "Das basiert auf Newsfeeds, mit denen man sich ja schon seit vielen Jahren die neuesten Postings anzeigen lassen kann", erklärt Mesch.

Kommentiert werden können die Einträge, ein Algorithmus bestraft allerdings Beleidigungen und zieht sogenannte Karma-Punkte ab. "Wer davon zu viele verliert, darf unter reichweitenstarken Artikeln eine Zeitlang nicht mehr diskutieren", betont der junge Programmierer.

Einen Daumen oder ähnliche Bewertungsmaßstäbe suchen Nutzer bei Universify jedoch vergeblich. Bewertet werden kann lediglich die Seite und deren Angebot. "Die Nutzer können dort ihr Feedback schreiben und dadurch mitbestimmen, in welche Richtung sich Universify entwickeln soll."

Ein Kochbuch und eine Dating-Plattform gibt es bereits, eine Immobilien- sowie eine Jobsuche sind angedacht - und sollen für die Finanzierung sorgen. Einen Euro kostet es, zu inserieren oder Zusatzfunktionen freizuschalten. Mesch nennt sie Bonbons. Die Grundfunktion soll hingegen kostenfrei bleiben.

Viel Idealismus

;

Für Umsatz sorgen soll vor allem eine Eventfunktion. Unternehmen und Privatpersonen können dort für ebenfalls einen Euro Veranstaltungen erstellen und auf Teilnehmer hoffen, die genau das genannte Themengebiet interessiert. Denn wo die jeweiligen Interessen liegen, wird bei der Anmeldung angegeben.

Hoffnungen auf das große Geld mache er sich aber nicht. "Hätte ich die Kohle gewollt, hätte ich etwas anderes gemacht, als drei Jahre ein soziales Netzwerk zu programmieren", betont er und muss lachen, wenn er die vergangenen Jahre Revue passieren lässt. "Es ist schon viel Idealismus dabei. Hätte ich mich auf eine Dating-Plattform konzentriert, wäre ich in einer Woche fertig gewesen."

Angst, dass er seine Erfindung in zehn Jahren einmal bereuen wird, hat er nicht. Höchstens davor, dass von ihr dann keine Rede mehr sein könnte.

Start als Software für eine Lerngruppe

Entstehung: Ein soziales Netzwerk hatte Tobias Mesch nicht im Sinn, als er im September 2015 als Informatikstudent der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg begann, Universify zu programmieren. "Ohne Lerngruppen waren die vielen Hausaufgaben nicht zu schaffen", erzählt Mesch. "Man hat uns also bewusst dazu gezwungen, Lerngruppen zu bilden." Doch durch die Fahrzeiten zu den Treffen sei viel an wichtiger Zeit verloren gegangen.

Die Software, um standortunabhängig von mehreren Computern gleichzeitig an einem Projekt arbeiten zu können, war Mesch und seinem Mitbewohner zu teuer - weshalb sie selbst zur Tastatur griffen. "Irgendwann haben wir dann überlegt, es für mehr Leute zu öffnen und zu einem sozialen Netzwerk zu machen", sagt Mesch. Nachdem sein Mitstreiter aus privaten Gründen ausstieg, gab er der Plattform eine komplett neue Struktur. Finanzierung: 750 Euro erhält Mesch von einer Gründerförderung des Bundes, die nun nach drei Jahren ausläuft.

Interview mit Professor Jochen Koubek: "Likes sind Währungen in der Ökonomie der Aufmerksamkeit"

Ob Facebook, Instagram, YouTube oder Twitter: soziale Netzwerke gibt es inzwischen in den unterschiedlichsten Formen - und sind zu einem maßgeblichen Teil unseres Alltags geworden. Zu einem solchen möchte nun auch Universify werden. In was für ein Feld sich das in Mitwitz ansässige Startup begibt, erklärt Jochen Koubek, der seit 2009 Professor für Digitale Medien an der Universität Bayreuth ist.

Im Interview erzählt der 47-Jährige zudem, welche Erfolgsaussichten er Universify gibt, was der Like-Button im Internet verändert hat und in welche Richtung sich soziale Netzwerke entwickeln könnten. Nutzen Sie soziale Netzwerke?

Jochen Koubek: Ich nutze lediglich WhatsApp, um mit meinen Mitarbeitern, mit meiner Familie und mit Freunden und Bekannten in Kontakt bleiben zu können.

Inwieweit haben sich die sozialen Netzwerke bisher verändert?

Nach anfänglichen Erfolgen von Schüler-VZ hat vor einigen Jahren Facebook nahezu die gesamte Konkurrenz verdrängt. Inzwischen ist gerade bei Kindern und Jugendlichen die Präsenz auf Facebook stark rückläufig. Dafür wird die direkte Kommunikation mit Einzelpersonen oder Gruppen der Selbstdarstellung gegenüber einer unbekannten Öffentlichkeit vorgezogen. Statt Facebook wird verstärkt über WhatsApp oder Snapchat kommuniziert.

Welche Erfolgsaussichten geben Sie Universify?

Die Intention ist nobel, die technische Umsetzung ist mir allerdings nicht klar. Erfolgsaussichten sehe ich keine.

Weil die Konkurrenz zu stark ist? In was für ein Feld begibt sich Universify-Entwickler Tobias Mesch mit seinem sozialen Netwerk?

In ein internationales Feld, das von wenigen Anbietern dominiert wird, in dem sich viele versuchen und fast alle gescheitert sind. Selbst eine Firma wie Google hat mit Google+ nur einen Achtungserfolg erzielt. Die große Herausforderung ist es ja nicht, eine Handvoll Nutzer zu gewinnen, sondern auch ihre Freunde und Bekannte. Und wenn möglich alle auf einmal, weil niemand gerne in ein Netz umzieht, wo seine Bekannten nicht sind.

Neueinsteiger haben also so gut wie keine Chance?

Soziale Netzwerke sind als Ganzes unglaublich schwerfällig und unbeweglich. Da haben Neueinsteiger keine Chance, wenn sie nicht etwas bieten, was die anderen nicht haben und was bei Nutzern enorm gefragt ist.

Universify möchte Fake News und Beleidigungen eindämmen. Warum gibt es so etwas eigentlich bisher bei großen Netzwerken wie Facebook und Co noch nicht?

Die Versuche, anstößige Inhalte im Internet zu blockieren, sind ja nicht neu, sei es für den Jugendschutz oder für die eigene Seelenruhe. Sie sind ausnahmslos gescheitert. Auf der Universify-Seite habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, warum es dieses Mal anders sein soll, zumindest bleibt sie den Nachweis einer erfolgreichen Lösung des Filter-Problems schuldig.

Aber nicht nur technisch, auch ethisch und rechtlich ist ein automatischer Content-Filter außerordentlich schwierig zu handhaben. Denn sobald die ersten harmlosen Späße oder Zitate von erlittenen Beleidigungen auf welche Weise auch immer verhindert, eingeschränkt oder blockiert werden, entsteht Unruhe, die nur schwer kontrollierbar sein dürfte.

Was hat die Erfindung des Like-Buttons verändert, auf den Universify ja bewusst verzichtet?

Likes sind Währungen in der Ökonomie der Aufmerksamkeit, die einerseits gesammelt werden, andererseits Zustimmung suggerieren. Sie befördern damit einen populistischen Kommunikationsstil, der nicht bei jedem Thema angemessen ist. Dabei gibt es vielfältige Gründe, einen Beitrag zu liken, die sowohl durch das Wort "Like" als auch durch den Button verschleiert werden.

In welche Richtung werden sich soziale Netzwerke in den kommenden Jahren entwickeln?

Derzeit gibt es eine klare Differenzierung der privaten, individuellen und öffentlichen Sphären in verschiedene und nur lose miteinander verbundene Netzwerke. Wie und in welchen technischen Plattformen sich die Menschen in Zukunft organisieren, ist natürlich nicht vorherzusehen. Wagen Sie für uns einen Blick in die Kristallkugel?

Ich vermute, dass diejenigen Angebote erfolgreich sein werden, die es einerseits ermöglichen, die Sphären so individuell wie möglich einzurichten, andererseits sie aber auch so klar wie möglich voneinander trennen.

Das war das Problem von Facebook, dass Kinder keine Lust hatten, ein Netz zu nutzen, in dem sich ihre eigenen Eltern aufhalten und ihr Treiben beobachten können, während gleichzeitig Privatheitseinstellungen so gut wie möglich versteckt wurden.