Es schlug ein wie eine Bombe. Mitten in eine Besprechung des Bürgermeisters mit den Fraktionsspitzen des Stadtrats platzte das exklusive Interview des Fränkischen Tags mit Heidemarie Wellmann. Die Meldung über das Ausscheiden der 44-Jährigen als künstlerische Leiterin der Rosenberg-Festspiele machte am Mittwochabend sofort die Runde, "just in einer Sitzung, in der es um die Weiterentwicklung unserer Rosenberg-Festspiele gehen sollte", so Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein (FW) am Donnerstag in einer Pressemitteilung mit.


Kritik zurückgewiesen

Heidemarie Wellmann hatte im Gespräch mit unserer Zeitung auf massive Probleme hinter den Kulissen der Festspiele hingewiesen. Demnach vermisste sie Vertrauen, Wertschätzung sowie einen professionellen Umgang mit den Herausforderungen eines Theaterbetriebs, und sie kritisierte eine fehlende Transparenz in der Kommunikation.


Beiergrößlein widerspricht dieser Schilderung: "Ich persönlich habe bereits vor meinem Urlaub öffentlich erklärt, dass ich mir eine weitere Zusammenarbeit vorstellen könnte. Hierzu fanden am 28. Juli und 11. August persönliche Gespräche mit Frau Wellmann statt, und wir verblieben so, dass wir uns nach meinem Urlaub - aus dem ich seit letzter Woche zurück bin - wieder zusammensetzen." Das Stadtoberhaupt lobt ausdrücklich Wellmanns Inszenierungen im Jahr 2016, "die beim Publikum sehr gut angekommen sind". Daher hätte er der künstlerischen Leiterin gerne eine Chance gegeben, weiterzumachen.

Allerdings weist Beiergrößlein auch darauf hin, dass die abgelaufene Saison selbstkritisch betrachtet werden sollte. "Es gab im Hintergrund viele zwischenmenschliche Störungen und Kommunikationsprobleme von Frau Wellmann - nicht nur mit der Stadt, sondern auch mit vielen Beteiligten der großen Festspiel-Familie", schreibt der Bürgermeister in seiner Pressemeldung.


Wellmann hat Fakten geschaffen

Dies habe er mit Heidemarie Wellmann besprechen und den Weg für eine weitere Zusammenarbeit ebnen wollen. "Leider hat sich Frau Wellmann nun anders entschieden."

Dann wird Beiergrößlein noch einmal deutlich: "Von vielen unbeantworteten Anfragen an mich kann übrigens keine Rede sein." Es gebe seit seinen persönlichen Gesprächen nur eine Mail Wellmanns, die ihn am vergangenen Montag erreicht und in der sie an das vor seinem Urlaub vereinbarte Gespräch erinnert habe. "Die Art und Weise, Probleme nicht persönlich und offen zu besprechen, sondern Umwege, wie jetzt über die Presse, zu nehmen, ist leider symptomatisch für den Ablauf der letzten Saison."


Ganz andere Sicht der Dinge

Heidemarie Wellmann kann diese Darstellung der Geschehnisse ihrerseits nicht nachvollziehen. "Es hat sich keiner gemeldet", unterstreicht sie erneut, sich übergangen zu fühlen. Bei ihren Versuchen, den Tourismusbetrieb anzurufen, sei niemand an den Hörer gegangen. Und vom "Briefing" der Fraktionsspitzen am Mittwochabend habe sie nichts gewusst. "Warum hält man das geheim, wenn ich weitermachen soll?", fragt sie sich.

Nachdem unser Interview bei inFranken.de online gegangen sei, hätten sich gefühlte tausend Leute bei ihr gemeldet - "von der Stadt ruft aber keiner an". Das spreche für sich. Insgesamt habe sie das Vertrauen der Stadt in ihre Handlungen vermisst. "Und wenn jede Entscheidung hinterfragt wird, dann zerfällt das Ganze." Wellmann betont jedoch, dass ihr die Bühne heilig sei, ganz besonders die der Rosenberg-Festspiele. "Die möchte ich jetzt nicht mit einem Rosenkrieg besudeln."


Umgehend Weichen stellen

In dieser Hinsicht dürfte Einigkeit mit der Stadt bestehen. Dort ist klar: Es muss umgehend gehandelt werden, um die Weichen für die Festspiele 2017 zu stellen. Kerstin Löw, die Leiterin des städtischen Tourismusbetriebs, stellt fest, dass bei der Planung alles miteinander verknüpft ist und daher als Gesamtbild gesehen werden muss. Ihrer Ansicht nach ist jedoch noch genügend Spielraum da, um die Situation zu meistern. "Es geht jetzt sofort los", betont sie.

Bürgermeister Beiergrößlein schickt sich derweil an, positive Aspekte in der aktuellen Situation zu finden: "Die Stadt Kronach wird an diesen Festspielen auch weiterhin festhalten und sie positiv weiterentwickeln. Vielleicht hat es auch sein Gutes, wenn mit neuen Regisseuren auch weitere neue Ideen in die Inszenierungen einziehen."


Stimmen zu Wellmanns Ausstieg

"Alle waren geschockt, dass Heidemarie Wellmann diesen Schritt gemacht hat", blickt Jonas Geissler (CSU) auf die Besprechung der Fraktionsspitzen mit dem Bürgermeister zurück. In diesem Moment habe die Kommunikation wirklich nicht geklappt. Er habe erwartet, dass Wellmann das Gespräch sucht, zumindest mit dem Bürgermeister, ehe ein solcher Schritt an die große Glocke gehängt wird.

"Wir haben gesehen, dass es Schwierigkeiten gegeben hat", geht Geissler auf Probleme hinter den Kulissen der Festspiele ein. Doch es habe kein offener Streit vorgelegen. "Dann ist es nicht professionell, wenn man seinen Rücktritt über die Presse mitteilt. Wenn, dann macht man das gemeinsam", betont er, dass so unnötiger Schaden auf beiden Seiten hätte vermieden werden können.

Geissler geht aber davon aus, dass die Festspiele 2017 auch unter diesen Umständen geschultert werden können. Der Tourismusverband habe inzwischen einen recht tiefen Einblick in die Materie, weil er für die Direktion der Festspiele 2016 zuständig gewesen sei. "Die Rosenberg-Festspiele sind eine unglaublich tolle Gemeinschaftsleistung, die seit Jahren gestemmt wird", sagt Geissler und hofft auch für 2017 darauf, dass alle an einem Strang ziehen.


Zukunft überholt Vergangenheit

Bei dem Treffen der Fraktionsspitzen sei es gerade darum gegangen, "eine Review" der 2016er-Festspiele zu halten, beschreibt Michael Zwingmann (FW) die Situation beim Eintreffen der Nachricht über Wellmanns Ausstieg. Die Räte seien perplex gewesen. "Es hat mich verwundert, dass sie aus Gründen, die für mich nicht so recht nachvollziehbar sind, das Handtuch geworfen hat", stellt er fest.

Er ist allerdings überzeugt, das Theater auf der Festung nun nicht in Frage stellen zu dürfen. "Wir schauen nach vorne und werden im nächsten Jahr wieder schöne Rosenberg-Festspiele haben", betont Zwingmann.
Eine Meinung, die auch Hauptamtsleiter Stefan Wicklein teilt. "Wir sind in einer ähnlichen Situation wie vergangenes Jahr. Es ist machbar", unterstreicht er. Unter Mitwirkung des Bürgermeisters werde nun über die Stadtverwaltung und den Tourismusbetrieb die Arbeit an den Festspielen 2017 aufgenommen. Dass rechtzeitig ein Team zusammengestellt werden kann, steht nach seiner Erfahrung außer Zweifel: "Es gibt viele Schauspieler, die gerne mitmachen würden. Auch zu den Konditionen, die in Kronach geboten werden." Allerdings sei es wichtig, zeitnah zu handeln, denn "jeder Tag ist wichtig".


Blickwinkel eines Schauspielers

Einer, der die Geschehnisse auf der Festung hautnah verfolgen konnte, ist Schauspieler Hardy Kistner. "Es war ein tolles Jahr. Es hat sehr viel Spaß gemacht", sagt er nach seiner ersten Saison in Kronach. Etwas irritiert habe ihn nur, dass so oft auf den Neuanfang gepocht worden sei. "Häufig war der Blick in die Vergangenheit da, statt zu sagen, wir fangen etwas Neues an", erklärt er.

Zu Heidemarie Wellmann hält er fest, dass sie es gestemmt habe, drei Stücke zu inszenieren. "Das ist hart. Das hat sie toll gemacht. Aber so etwas ist nur machbar, wenn man auch ein Ensemble hat, das will", hebt Kistner hervor. Dass es bei Theaterleuten in der Zusammenarbeit auch einmal Unruhe gebe, sei ein ganz normaler Prozess. "Es ging aber nie soweit, dass es den künstlerischen Betrieb gestört hätte." Auf den Einfluss der Stadt auf die Arbeit angesprochen, erinnert sich der Schauspieler an ein Ensemble-Gespräch, als zwischen der Regisseurin und einem Darsteller unterschiedliche Ansichten bestanden. Da habe sich Kerstin Löw vom Tourismusbetrieb ganz klar hinter Heidemarie Wellmann gestellt. Kistner selbst habe einen sehr offenen Umgang im Ensemble erlebt, keine Stimmungsmache.





Kommentar von Marco Meißner

Wenn man zwei Ärzte fragt, hört man drei Meinungen, heißt es landläufig. Was auf die Behandlung eines Kranken zutrifft, scheint sich aber auch in der Theaterwelt widerzuspiegeln.

Zum zweiten Mal innerhalb von nur rund einem Jahr muss auf der Festung Rosenberg eine Operation am offenen Herzen vorgenommen werden. Im Vorjahr hatte sich die Stadt auf die Trennung von Daniel Leistner noch vorbereiten können. Diesmal war es ein Infarkt, der die Verantwortlichen aus heiterem Himmel traf.

Und wie bei den sprichwörtlichen Ärzten gehen die Meinungen unter den Beteiligten weit auseinander, was die Behandlung des Patienten angeht. Die Ursachen für die Probleme sehen beide Seiten, Heidemarie Wellmann auf der einen, die Stadtverwaltung und die Politik auf der anderen, an unterschiedlichen Stellen angesiedelt. Einigkeit herrscht nur in einem Punkt: Zur Klärung der Situation braucht es wohl einen Internisten. Nach außen strotzten die Festspiele 2016 ja vor Kraft. Aber innen drin schaute es offenbar ganz anders aus. Alle prangern eine mangelnde Kommunikation an - von der jeweils anderen Seite verschuldet.

Was aber klar ist: Die erneute Heilbehandlung der Festspiele duldet keinerlei Aufschub und kein Störfeuer. Denn sollte in der Vorbereitung für 2017 ein Rosenkrieg ausbrechen, könnte es am Ende heißen: "Operation gelungen, Patient tot!"