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Kronach
Ständchen

Dem Coronavirus zum Trotz: Oberfränkische Musiker verbreiten Freude vom Balkon

Der Musikverein Weißenbrunn macht mit einer genialen Idee aus der Not eine Tugend: Weil sie wegen dem Corona-Virus derzeit nicht proben können, spielten die Musiker die Ortshymne von zuhause aus.
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Musikalisches Quartett: Dirigent Marco Plitzner (von links) mit Sohn Benjamin (8), Mutter Ninette (45, Vorsitzende Musikverein) und Tochter Angelina (12). Foto: Sandra Hackenberg
Musikalisches Quartett: Dirigent Marco Plitzner (von links) mit Sohn Benjamin (8), Mutter Ninette (45, Vorsitzende Musikverein) und Tochter Angelina (12). Foto: Sandra Hackenberg
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Die Sonne ist schon längst untergegangen, die Straßen im kleinen Ort Weißenbrunn liegen menschenleer im Dunkeln. Doch durch die Fenster vieler Häuser dringt warmes Licht. Und wer genau hinsieht, der merkt, dass sich auf einigen Balkons etwas tut: Notenständer und Instrumentenkoffer werden nach draußen geschafft.

Das Tuten einer einzelnen Trompete durchbricht von irgendwo die abendliche Stille, Ninette Plitzner antwortet vom heimischen Wohnzimmerbalkon aus mit ihrer Klarinette. Normalerweise proben die Mitglieder des Musikvereins Weißenbrunn alle gemeinsam, Woche für Woche, wie ein Uhrwerk.

Aus einer Spaß-Idee wird ernst

Doch an diesem Donnerstag kann die Probe erstmalig nicht stattfinden. Wegen dem Corona-Virus müssen auch alle Freizeitaktivitäten ausfallen; darunter fallen auch die Proben des 35 Musiker starken Orchesters. "Als ich in unsere Whatsapp-Gruppe geschrieben habe, dass die Proben bis auf weiteres ausfallen müssen, hat jemand aus Spaß geantwortet, dass wir es ja wie in Italien machen und vom Balkon aus spielen könnten", berichtet die Vorsitzende.

In dem vom Corona-Virus besonders gebeutelten Land musizieren die Menschen in Quarantäne spontan von ihren Balkons aus gemeinsam. Was als Scherz gemeint war, habe bei den Mitgliedern jedoch sofort großen Anklang gefunden. Und so haben rund 30 Musiker um Punkt 19.45 Uhr - dem eigentlichen Beginn ihrer Probe - spontan ein Ständchen von ihren Balkons aus organisiert.

Auf das Timing kommt es an

Zum Glück hat der von Familie Plitzner eine entsprechende Größe: Vater Marco (48) ist Dirigent des Musikvereins und spielt seit seinem elften Lebensjahr Saxofon, Mama Ninette (45) und die zwölfjährige Tochter Angelina Klarinette. Benjamin (8) rundet das Quartett mit seinem Schlagzeug ab.

Alle blicken gespannt auf die Atomuhr auf dem Handy. "Das machen alle so, damit wir wirklich alle zur selben Zeit anfangen, zu spielen", erklärt Plitzner. Die Spannung steigt. "Die Aufregung ist größer als bei einem Konzert", scherzt Ninette Plitzner, denn noch nie hätten sie das gleiche Lied von verschiedenen Orten aus gespielt. Ob das wohl klappt?

Und dann ist es so weit. "Still liegt im Leßbachgrunde, von Bergen rings umkränzt, mit Feld und Wies im Bunde, sag mir, dass du es kennst. Ein Stückchen Heimaterde, ich schau mich um und um. Es gibt nichts schön'res als mein Weißenbrunn", schallen die ersten Takte des Weißenbrunner Heimatliedes - der heimlichen Ortshymne - durch die Straßen. "Das haben wir im vergangenen Jahr bei unserem 100. Jubiläum gespielt und wir waren uns einig: Wenn wir ein Lied spielen, das jeder kennt, dann dieses", erklärt der Dirigent.

Der Weißenbrunner Musikverein sei froh und dankbar, dass er seine Feierlichkeiten damals ohne Krise und Zwischenfälle abhalten konnte. "Doch für die Vereine, bei denen dieses Jahr die Feierlichkeiten anstehen und bis auf weiteres nicht proben können, ist das natürlich keine leichte Situation. Aber alles andere wäre in der jetzigen Situation absolut unvernünftig", weiß Ninette Plitzner.

Mit dem spontanen Balkon-Ständchen wollen sich die Weißenbrunner solidarisch zeigen und jedem, der mithört, mitten in der Krise einen Moment der Freude zu bereiten. "Unser Slogan lautet derzeit: ,Trotz größtmöglicher Distanz zueinander maximale Freude miteinander.‘"

Nach zwei Minuten ist das Lied vorbei und aus den Häusern in der näheren Umgebung ist Applaus zu hören. Unter "Juhu"-Schreie mischen sich "Zugabe, Zugabe"-Forderungen. Diesem Wunsch kommen einige der Musiker spontan nach und spielen die Fuchsgraben-Polka, während die Plitzners vom Balkon aus in die Dunkelheit schauen.

Im Haus rund 50 Meter entfernt geht das Licht an und aus - Marco Plitzner gibt mit seiner Stirnlampe ein Lichtzeichen zurück. Dann klingelt sein Handy. Eine SMS geht ein. "Ich stehe gerade im Zimmer meines Sohnes, schalte das Licht an und aus und heule", schreibt ein Musiker-Kollege.

Alle sind sich einig: Das Balkon-Ständchen nach italienischem Vorbild war ein absoluter Erfolg. "Mal schauen, vielleicht machen wir das jetzt jede Woche", scherzt die Vorsitzende. Doch das hat die Geschichte gezeigt: Aus einem Scherz entstehen oft die besten Ideen...

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