Eigentlich wäre Johannes Fehn dieses Jahr schuldenfrei gewesen. Doch nun, schätzt der Händler, werde er wohl noch zehn Jahre abbezahlen müssen. Je nachdem, wie lange die Corona-Krise noch dem Einzelhandel die Luft zum Atmen nimmt, Verkäufe und Aufträge auf ein Minimum herunterschraubt, seinen Laden vereinsamen lässt.

An diesem Mittwochvormittag ist Johannes Fehn fast allein in der Kulmbacher Straße in Kronach. Sein Hund Keks streunt durch die leeren Gänge bei Leder Kestel, vorbei an Koffern und Taschen, die kaum jemand kaufen will. Massive Koffer, die Keks dreifach überragen, produziert für Touristen und Vielreisende. Doch es fliegt quasi niemand. Schulranzen haben Hochsaison zwischen Februar und April - zum zweiten Mal mitten in der Lockdown-Zeit.

An den Glasfenstern seiner Eingangstür kleben mittlerweile Zettel mit Nummern, Angeboten, Stichworten wie Gewerbeschein und Click & Collect. Gewerbekunden konnten während des gesamten Corona-Lockdowns zum Beispiel in Baumärkten einkaufen. Bei Leder Kestel auch. Piloten beispielsweise, die einen Koffer brauchten - Nischenkundschaft. Seit Montag ist "Click & Collect" in Bayern gestartet- oder, wie er es nennt: "Ruf an und wir bringas naus." In anderen Bundesländern war es bereits länger erlaubt. Fehn hat die Taschen in seinen Schaufenstern durchnummeriert. Wer ein Modell entdeckt, das ihm gefällt, ruft an, macht einen Termin aus und kann das Produkt wahlweise mit FFP2-Maske abholen oder liefern lassen.

Fehn probiert alles und bleibt trotzdem auf seinen Koffern sitzen. "Aber selbst wenn nur ein kleiner Betrag in die Kasse kommt: 50 Euro sind besser als nichts." Er habe genügend Arbeit, sagt er. Nur leider kaum Umsatz. An diesem Tag macht er Inventur und erzählt aus dem undankbarsten Jahr seines Händlerlebens.

Hilfen mit Hürden

Erst die Schulranzen und der Tourismus, dann der Versand: Irgendwann kamen Koffer, die er für zwei italienische Hersteller vertraglich repariert, wieder zurück. Die Pakete waren zu groß. In Corona-Zeiten darf je nach Land eine bestimmte Größe nicht überschritten werden.

Die Soforthilfe aus Bayern im Frühjahr kam noch an. Schnell, unbürokratisch. Eine zweite Zahlung erhielt er an Silvester. Doch das Hilfssystem des Bundes hat deutliche Defizite. Das bestätigt Thorsten Becker, Geschäftsführer des Handelsverbands Bayern in Oberfranken. Der Betriebswirt verweist direkt auf eine Statistik, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) am Mittwoch veröffentlicht hat.

Eine Tabelle zeichnet ein düsteres Bild der Realität, zwischen politischen Versprechen und tatsächlicher Unterstützung. Die Soforthilfen zu Beginn der Pandemie wurden noch zu 76 Prozent ausbezahlt. Doch seitdem diese von den Überbrückungshilfen des Bundes abgelöst wurden, konnten nur noch die wenigsten Betroffenen davon profitieren.

Von der Überbrückungshilfe I und II mit geplanten 24,6 Milliarden Euro sind bislang lediglich acht Prozent ausbezahlt worden, berechnet das IW. Von der Überbrückungshilfe III, November- und Dezemberhilfe (maximales Volumen: 39,5 Mrd. Euro) sind gerade einmal vier Prozent dort angekommen, wo sie eigentlich hin sollen.

"Die Händler fühlen sich veräppelt und verlassen", sagt Thorsten Becker. "Die vollmundigen Versprechen unserer Politiker wurden nicht in die Tat umgesetzt." Er meint damit vor allem die Hürden, die mit einer Auszahlung der Überbrückungshilfen verbunden sind. Ein Unternehmen muss mindestens 40 Prozent Umsatzverluste im Vergleich zum Vorjahresmonat nachweisen. Doch gerade die Überbrückungshilfe II bezieht sich auf die Sommermonate. Genau die Monate, in denen die Umsätze sich der Normalität annäherten.

Zudem müssen die Händler einen Steuerberater einschalten, um überprüfen zu lassen, ob sie eine Förderung erhalten können. Das kostet Geld. Wenn sie am Ende keine Hilfe bekommen, sei es ein Draufzahlgeschäft, erklärt der Betriebswirt. Die Soforthilfe im Frühjahr 2020 war tatsächlich unbürokratisch und schnell. Innerhalb weniger Tage hatten sie Kleinunternehmer, Selbstständige und Freiberufler auf dem Konto. Auf die Überbrückungshilfe warten Händler oft Monate.

Ist es ein Jammern des Handels, das zu hören ist, oder berechtigtes Wehklagen? Schließlich leiden doch die meisten Menschen unter der Pandemie, viele auch finanziell? Thorsten Becker erklärt, dass er sogar mit einer positiven Jahresbilanz rechnet. Doch zwischen Krisengewinnern und -verlierern im Handel liegen Welten. Beispielsweise Baumärkte und Fahrradhändler haben Umsatzrekorde erzielt, sagt Becker. Die großen Verlierer sind Händler wie Johannes Fehn. "Die komplette Textil-, Schuh- und Lederwarenbranche", erklärt er.

Kann "Click & Collect" wenigstens einen Teil des Umsatzeinbruchs abfedern? Johannes Fehn verspricht sich davon nicht die Welt, sagt er. Für Silke Krause ist es immerhin ein Zeichen, dass sie als Geschäftsführerin in der Vergangenheit Vieles richtig gemacht hat. Seit Jahren baut Schuh Krause aus Stockheim auf den Onlinehandel. Doch das ist nicht die breite Masse der kleineren Händler. "Wer nicht vor Jahren damit angefangen hat, ist wirklich arm dran", fasst sie die Situation zusammen. Als sie Click & Collect in einer Werbeanzeige angekündigt hat, standen plötzlich viele Kunden vor der Tür. Sie haben die Angebote bei Facebook und auf der Webseite gesehen. Doch für "Click & Collect" braucht jeder Kunde einen Termin. Das ist eine Sache, die Silke Krause vor der Ladentür erklärt hat. Sie und ihre Kollegen schrieben nun fleißig Terminlisten.

In der Bayreuther Zweigstelle, dem Tamaris Store im Rotmain-Center, bleibt die Laufkundschaft aus. Keine Studenten, keine Touristen, allgemein: "Wer will auch mit Maske ins Einkaufszentrum?", fragt sich die Händlerin. Unterm Strich fehle ein enormer Umsatz um die Kosten zu decken. Die erste Soforthilfe hat Schuh Krause erhalten. Danach scheiterte auch sie an den Vorgaben zur Berechnung des Umsatzeinbruchs.

Shopping mit Videofunktion

Schließlich müssen Händler wie Silke Krause und Johannes Fehn frühzeitig neue Kollektionen bestellen, ein halbes Jahr im Voraus, sagt sie. Wenn sie wenig bestellen, können sie mit der Konkurrenz im Internet nicht mithalten. Zu viel könnte Einzelhändler landauf, landab in den Ruin treiben.

Silke Krause bietet mittlerweile an, dass ihre Kunden Schaufensterbilder der gewünschten Produkte per WhatsApp schicken. Johannes Fehn berät seine Kunden im Video-Chat, auch über den Messenger. Es sei eben auch wichtig den Kunden zu zeigen, dass man noch da sei, sagt Fehn. Beide hätten vor einem Jahr sicher nicht geglaubt, dass sie Termine vergeben oder allein sind im Laden. Bis auf den Mischling, der durch die leeren Gänge streift.