Manipulation, Korruption, Einwirkung illegaler Kräfte - es waren ungeheuerliche Verdächtigungen, die am Freitagabend Viertelmeister Jens Schick beim Viertelmeistertag in den Raum warf. Sollte es tatsächlich beim Viertelmeisterlauf, den in den vergangenen Jahren stets Stefan Wicklein mit seinen Bräuknechten für sich entscheiden konnte, nicht mit rechten Dingen zugehen? "Wir sollten uns Gedanken darüber machen, ob hier nicht geschoben wird und ob die Schiedsrichter objektiv bewerten. Der Ausgang scheint mir gar zu eindeutig", argwöhnte Schick - begleitet von Buhrufen und Pfiffen - in der Historischen Markthalle.

Wicklein nahm sogleich den Bräu in Schutz. Dass seine Knechte den vom Bräu gebrauten Wundertrunk am besten aufnehmen und das schwere Bierfass am schnellsten transportieren könnten, habe einen einfachen Grund.
"Vielleicht liegt das am geringen Aufnahmevolumen des Viertelmeisters Schick?", vermutete er unter lautstarkem Gelächter des Publikums.

Hohes Niveau

Der beschuldigte Bräu, Thomas Kaiser, bestätigte, dass die Wettkämpfe immer auf "höchstem fairen Niveau" stattfanden. "Solche Anschuldigungen zu hören, kränken mich zu Tode", meinte er in seiner Ehre verletzt. Vielmehr seien wohl Viertelmeister Wicklein und seine Bräuknechte die am besten trainierten Teilnehmer. "Sie kennen alle Fässer und wissen um deren Inhalt. Das schafft gewisse Vorteile", mutmaßte er. Auch Stadtkommandant Walter Schinzel-Lang bescheinigte als "Co-Schiedsrichter" einen stets ordnungsgemäßen Ablauf.

Reumütig nahm Schick die Schuld auf Grund seines Untergewichts auf sich. "Am Gewicht kann es aber nicht liegen", meinte Viertelmeister Jürgen Ditsche und verwies auf den nicht unerheblichen Leibesumfang von sich selbst und seiner Bräuknechte.

Geheimnis gelüftet?

"Schööduera" Antje Frische lüftete das Geheimnis. "Vielleicht ist es die Belohnung für ihren Sieg, die die Herren dieses Viertels zu schätzen wissen. Deshalb laufen sie schneller", meinte sie geheimnisvoll. So glätteten sich die Wogen und der Viertelmeistertag verlief so, wie er begonnen hatte - nämlich mit Schmäußen und Feiern.

Der Viertelmeistertag begann aber mit etwas Verzögerung. Der Grund dafür war, dass sich Stadtvogt Hans Götz wegen der "schlechten und zu engen Straßen" zwischen Klosterlangheim und Kronach verspätet hatte. Dann aber konnte es losgehen: Die Fanfaren des Spielmannszuges Nordhalben erklangen, und unter seiner musikalischen Begleitung setzte sich der Zug vom Melchior-Otto-Platz aus mit den Teilnehmern aus der historischen Szene Kronachs in Bewegung. Der Zug führte über die Lucas-Cranach-Straße und die Amtsgerichtsstraße bis zur Historischen Markthalle. Ein Zwischenstopp wurde beim Kunigunden-Maß-Ehrenmal eingelegt.

2008 wurde der Maßeinheit für Bier in der Lucas-Cranach-Straße bereits ein Denkmal gesetzt. Da man sich heuer im siebten und damit einem "Jubiläums-Jahr" befand, erfuhr die Namensgeberin eine besondere Würdigung. In einer feierlichen Zeremonie wurde die "Jungfrau" Hilde auf dem Trageholz des Fasses zum Ehrenmal gehoben, dem sie einen Kranz aufsetzte.


Das erste Fass angestochen

Vor Ort wurde auch das erste Fass Schmäußbräu angestochen. Diese Ehre oblag einer weiteren jungfräulichen Dame, nämlich Christa Franz. Hatte Bräu Thomas Kaiser anfangs noch Sorgen um sein Holzfass geäußert, wurde er schnell eines Besseren belehrt. Nur wenige beherzte Schläge mit dem Holzhammer genügten, und das Fass voll edlen Schmäuß-Bräus war entjungfert. Sogleich floss das Bier zum ersten gemeinsamen "Wohlan" in die Krüge.

Vor der alten Markthalle erfreuten - nach dem Salut der Kronacher Ausschüsser - die "Croniche Tanzleut" mit Tanzeinlagen. Unter Fanfarenklängen zog man in die Markthalle ein. Stadtherrin Angela Hofmann bot dabei in ihrem historischen Gewand inmitten ihrer männlichen Untertanen einen schönen Anblick. Damit war sogleich der ausgebrochene Streit, ob ihr der Titel Unter- oder Oberbürgermeisterin zustehe, beigelegt. "Bei so viel Schönheit geziert sich der Titel Oberbürgermeisterin", stellte der Stadtvogt klar.

Er übermittelte die Grüße des Fürstbischofs, den das offensichtliche Wohlergehen der Kronacher Bürger und die rasche Genesung des Stadtvogts in Erstaunen versetzt hatten. Er erwartete einen ausführlichen Bericht, welches gesundheitsfördernde Lebenselixier die Lebensqualität in Kronach derart ansteigen lasse und sogar die widrigsten Krankheiten besiege. Die Antwort darauf war schnell gefunden - nämlich in einem "Wohlan" des holden Gerstensafts.


In Erklärungsnot

Angesichts der beneidenswerten Lebensumstände stellte der Stadtvogt die Frage, warum der berühmteste Sohn der Stadt diese so bald verlassen habe. Laut Lucas Cranach, alias Wolfgang Eckert-Hetzel, habe ihn nicht ein unrühmlicher Prozess zum Verlassen der Stadt veranlasst, sondern vielmehr sein jugendlicher Liebesdurst. Diesen habe er in Kronach in so manchen weiblichen Armen gestillt. Als Vorbild für die vom Fürstbischof gewünschten Madonnenbilder seien diese Damen jedoch nicht geeignet gewesen.

Die Oberbürgermeisterin bedankte sich bei allen, die das historische Brauchtum im Landkreis hochhalten. Die historischen Gruppen entfachten mit ihren Auftritten auch Begeisterung bei den Bürgern. "Die historische Szene hat sich hervorragend entwickelt. Sie ist zu einem Aushängeschild geworden", betonte sie.


Wichtiger Beitrag

Die Stadtkasse des Kastners Richard Chalupa zählt nach wie vor 66 Gulden. Für die Hofkasse des Fürstbischofs sei es aber ein gutes Jahr gewesen - auf Grund der Abgaben der tüchtigen Kronacher Bürger. Deshalb wolle der Fürstbischof etwas davon zurückgeben - dazu aber später.

Der Kastner selbst erfuhr eine große Ehre seitens des Stadtvogts. Dieser bedachte ihn mit einem Geschenk, war Chalupa doch jüngst "auf eine sehr junggebliebene Art und Weise" in sein siebtes Lebensjahrzehnt eingetreten. Das historische Amt des Kastners gebühre ihm schon allein, so Götz, wegen seiner Investitionen in die Obere Stadt, mit denen er einen erheblichen Beitrag zu deren Ansehnlichkeit geleistet habe.


Die Viertelmeister berichten

Viel Neues wussten die Viertelmeister zu vermelden. Jürgen Ditsche bedauerte, dass es in seinem Viertel so ruhig und dunkel ist. Über das "kleinste und schönste" Viertel berichtete Stefan Wicklein. Von den 26 Hofstätten seien kürzlich neun restauriert und renoviert worden. Glücklicherweise habe man die "kaiserliche" Viertelmeisterstrecke nun in sein Viertel verlegt, so müsse man das Siegerfass nicht mehr so weit tragen.

Jens Schick berichtete von einem herausragenden Historischen Stadtspektakel mit vielen Gästen und viel Spaß. Erfreulicherweise habe man den Oberbürgermeister behalten dürfen, der sich gerade auf einer "Sanatoriumsinsel" von den Wahlstrapazen erhole. Er mahnte an, beim nächsten Melchior-Otto-Tag für ausreichendes Bier der Edelleute zu sorgen. Laut Markus Steller werde sein Viertel durch ein "Weib" bereichert. Die Restauratorin schaffe es, alles in ihren Händen zu Gold zu machen.

Da man sich zufrieden mit den Viertelmeistern zeigte, dürfen diese ihr Amt für ein weiteres Jahr versehen. Auch Kastner Richard Chalupa bleibt in seiner Funktion. Er hielt sein Versprechen, dass der Fürstbischof seinen Kronacher Bürgern etwas Gutes tun wolle. So spendierte Chalupa gleich mehrere Fässer Schmäußbräu sowie gegrilltes Fleisch für alle Gäste.