Mitwitz: So verändert Corona den Alltag im Supermarkt

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Daniela Wagner (links) und Marktleiter Jan Ottinger sind derzeit rund um die Uhr in der Mitwitzer Edeka-Filiale im Einsatz. Foto: Cindy Dötschel
Daniela Wagner (links)   und Marktleiter Jan Ottinger sind derzeit rund um die Uhr in der Mitwitzer Edeka-Filiale im Einsatz. Foto: Cindy Dötschel
Mitarbeiterin Ute Engel räumt die Regale momentan mit Schutzmaske und Handschuhen ein. Foto: Cindy Dötschel
Mitarbeiterin Ute Engel räumt die Regale momentan mit Schutzmaske und Handschuhen ein. Foto: Cindy Dötschel
 
Laura Schneiders Platz an der Kasse wurde mit transparenten Folien abgehangen. Foto: Cindy Dötschel
Laura Schneiders Platz an der Kasse wurde mit transparenten Folien abgehangen. Foto: Cindy Dötschel
 

Noch bevor der Supermarkt öffnet, sind die Regale vollständig eingeräumt. Und das ist nicht die einzige Maßnahme, mit der die Ansteckungsgefahr in der Mitwitzer Edeka-Filiale minimiert wird.

Ein Mund- und Nasenschutz ist bei einem Supermarktbesuch in Österreich seit wenigen Tagen Pflicht. So soll die Gefahr, sich beim Einkaufen mit dem Corona-Virus anzustecken, verringert werden. In Deutschland gibt es bislang noch keine vergleichbare Maßnahme - doch auch ohne setzt das Team der Edeka-Filiale Ottinger in Mitwitz alles daran, die Infektionsgefahr einzudämmen. Der Kundenkontakt wird auf ein absolutes Minimum reduziert.

Um 9 Uhr arbeitet Ute Engel bereits seit drei Stunden. "Wir kommen momentan eher, um die Regale einzuräumen. Wenn die Kunden dann kommen, sind wir fertig", berichtet die Verkäuferin. Falls die Lieferung verspätet ankommt, wird versucht, sich bestmöglich aus dem Weg zu gehen. "Kundenkontakt versuchen wir weitestgehend zu vermeiden." Wenn die Kunden gegen 10 Uhr kommen, soll sich möglichst nur noch eine Kassiererin im Verkaufsraum befinden, der Rest des Teams hat momentan verkürzte Arbeitszeiten.

Generell würden Eltern ihre Kinder mittlerweile kaum noch mit zum Einkaufen nehmen. Dafür würden noch immer zahlreiche Senioren in den Supermarkt kommen, was Engel in Anbetracht der momentanen Situation wundert. Auch Kassiererin Laura Schneider ist besorgt darüber, dass noch immer viele Senioren ihre Einkäufe selbst erledigen. "Ich finde das beunruhigend, weil sie zur Risikogruppe gehören." Generell könne sie an der Kasse beobachten, dass sich der Großteil der Kunden an den empfohlenen Abstand hält.

Ihr Platz ist derzeit durch eine Art Zelt von den Kunden abgeschirmt. "Das Wechselgeld wird in eine Schale in der Öffnung gelegt, um eine mögliche Berührung beim Herausgeben zu vermeiden", beschreibt sie die Schutzmaßnahme.

Neue Wege in der Krise

Marktleiter Jan Ottinger ist derzeit mit seiner Lebensgefährtin Daniela Wagner den ganzen Tag im Einsatz. "Wir gehen gemeinsam an die Front, dass die Mitarbeiter nach Hause können - wir wollen so alles am Laufen halten", sagt Wagner. Gerade in der Krise mache es sich bemerkbar, wie gut alle zusammenhalten. "Alle Mitarbeiter sind sehr flexibel, wenn wir anrufen, sind sie da - egal zu welcher Uhrzeit." Trotz des Zusammenhalts im Team hat Wagner manchmal ein mulmiges Gefühl: "Wenn wir Mitarbeiter oder die Kunden Masken und Handschuhe tragen, wird mir der Ernst der Situation bewusst."

Jan Ottinger hat in den letzten Tagen alles daran gesetzt, Teile des Supermarkts mit Folien abzuhängen. So sind unter anderem die Kasse und die Fleischtheke - abgesehen von einem kleinen Bereich, der zum Durchreichen der Ware oder des Geldes ausgespart wurde - vollständig abgedeckt. Außerdem werden die Einkaufswägen und die Kasse regelmäßig desinfiziert. "Masken sind momentan schwer zu kriegen, aber eine nette Bekannte hat welche für unsere Mitarbeiter genäht", sagt der Marktleiter erfreut.

Generell würden auch immer mehr Kunden mit Handschuhen und Masken bekleidet in seinen Supermarkt kommen. "Das Kaufverhalten der Leute hat sich verändert - jetzt wird gleich für mehrere Tage eingekauft, vor der Krise waren viele Kunden täglich bei uns."

Um die Senioren zu unterstützen, würde er Einkäufe auch nach Hause liefern. "Bisher habe ich aber nur zwei Anfragen erhalten", wundert sich Ottinger. In einer solchen Situation sei es wichtig, neue Wege zu gehen.

Eine Schmierinfektion schließen Experten fast vollständig aus

Mundschutz, Handschuhe, Desinfektionsmittel: Viele Menschen trauen sich gar nicht mehr aus dem Haus, und wenn, dann am liebsten mit Schutzausrüstung, so weit verfügbar. Die Angst ist groß, dass man sich überall mit dem Corona-Virus anstecken kann. Selbst die Einkäufe aus dem Supermarkt könnten verdächtig sein. Wer hat die Sachen vorher angefasst? Hat sie jemand am Ende gar angehustet?

In den letzten Tagen gab es Meldungen, die diese Art von Corona-Angst noch anheizen dürften. In mehreren Fällen hat die Polizei Strafanzeige wegen versuchter Körperverletzung erstattet, weil Personen, aus welchen Motiven heraus auch immer, Geldautomaten oder ähnliche Gegenstände, die von vielen Menschen benutzt werden, mit Speichel benetzt haben, um Viren zu verbreiten. Das ist noch nicht mal ein schlechter Scherz.

Ebenfalls beunruhigend wirken die Ergebnisse einer Studie aus den Vereinigten Staaten, wonach Corona-Viren auf bestimmten Oberflächen, zum Beispiel auf dem Edelstahl von Türklinken, 24 oder sogar 72 Stunden überleben können.

Aufnahme der Viren über die Luft

Wie seriös sind solche Aussagen? Der Chef-Virologe an der Berliner Charite, Christian Drosten, warnt davor, klinische Studien im Hinblick auf die Realität des Alltags zu überschätzen: "Es ist durchaus denkbar, dass man im Labor solche Ergebnisse erzielt, wenn man mit vielen Viren und großen Flüssigkeitstopfen auf Oberflächen arbeitet. Das kommt aber so im Alltag praktisch nicht vor."

Drosten und auch die Experten des Robert-Koch-Instituts wissen aus der Analyse der aktuellen Pandemie, dass die allermeisten Ansteckungen mit dem Corona-Virus durch eine Tröpfcheninfektion erfolgen: Infizierte Personen niesen oder husten, dabei verbreiten sie eine "Wolke" feinster Tröpfchen, in denen sich Viren befinden.

"Theoretisch ist es denkbar, dass jemand auf eine Oberfläche niest und dabei Viren verbreitet. Wenn dann jemand kurz darauf diese Oberfläche berührt und sich mit der Hand ins Gesicht langt, ist eine Übertragung vorstellbar", erklärt Drosten. Diese sogenannte Schmierinfektion spielt in der aktuellen Corona-Krise nach seinen Worten aber eine verschwindend geringe Rolle. "Der Anteil der Schmierinfektionen geht gegen null." Für unverdächtig hält der Experte auch das Bargeld, wenngleich das durch viele Hände wandert. Auch auf Münzen oder Scheinen sei die Zahl der Viren, wenn überhaupt vorhanden, verschwindend gering.

Außerhalb des Körpers, ohne die Wirtszellen, sind Corona-Viren nicht lange stabil. Die Erreger werden durch eine dünne Fettschicht gegen Umwelteinflüsse und Austrocknung geschützt. UV-Licht (Sonne) und Wärme zerstören diese Schicht und damit das Virus. "Auch unsere Haut schützt sich sehr effektiv gegen Viren. Die Hautoberfläche ist ein saures Milieu. Gift für Viren", erklärt der Fachmann in Berlin.

Deshalb wirkt die Haut sogar besser als ein Schutzhandschuh: Wenn man mit dem Finger infizierte Oberflächen berührt und dann Kontakt mit Mund, Nase oder Augen hat, können Viren ebenso übertragen werden. Da eine Ansteckung über Alltagsgegenstände oder auch eingekaufte Waren äußerst unwahrscheinlich ist, macht eine Desinfektion etwa des Einkaufskorbes kaum Sinn - zumal es mit im Haushalt gebräuchlichen Mitteln gar nicht möglich wäre, potenziell vorhandene Krankheitserreger sicher zu töten.

Die Experten empfehlen die Einhaltung gängiger Hygiene-Regeln als Vorbeugung: Dazu gehören aktuell der Verzicht auf enge zwischenmenschliche Kontakte außerhalb der Familie, die Vermeidung von Hand-Gesicht-Berührungen und regelmäßiges Händewaschen. Denn auch Seife vertragen Viren gar nicht.

Podcast

Angebot Der Virologe Christian Drosten hat einen TV-Blog im Norddeutschen Rundfunk: www.ndr.de gf