Betritt man die Tankstelle in der Stockheimer Egerlandstraße, wirkt alles so wie immer. Die Kunden gehen ein und aus, Mitarbeiter Klaus Bauer steht an der Kasse und begrüßt sie freundlich. Gesprächsthema Nummer eins ist jedoch weder das Wetter noch der Fußball; an diesem Morgen wird Bauer von fast jedem auf den Überfall angesprochen, der sich wenige Stunden zuvor an gleicher Stelle ereignet hatte.

Mit einem dreistelligen Bargeldbetrag und einigen Stangen Zigaretten flüchtete am frühen Sonntagmorgen ein bewaffneter Täter aus der Tankstelle, wie die Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberfranken mitteilt. "Um 7.10 Uhr hat mich meine Chefin angerufen, ob ich die Schicht übernehmen könnte", erklärt Bauer. Da sei der Spuk schon vorbei gewesen. Ein Mann habe seine Kollegin in der Tankstelle gezwungen, Geld und Zigaretten herauszugeben. Als Bauer dann an seiner Arbeitsstätte angekommen sei, "war hier schon alles abgesperrt und jede Menge Polizei im Einsatz".


Geld und Zigaretten gefordert

Dem Tankstellenpersonal hielt der Täter eine Pistole entgegen, schildert die Polizei den Tathergang. Der Unbekannte forderte demnach die Herausgabe des Geldes und der Zigaretten, ehe er zu Fuß in Richtung des angrenzenden Wohngebietes flüchtete. Außer einem Schock blieb die 47-jährige Angestellte unverletzt. Die Polizei suchte mit einem Großaufgebot an Einsatzkräften und einem Hubschrauber nach dem Unbekannten. Die Fahndung verlief bislang jedoch ergebnislos. Wie Erster Polizeihauptkommissar Rainer Eck auf Nachfrage unserer Zeitung feststellt, lässt sich noch nicht sagen, ob ein Zusammenhang zu den kürzlich im Landkreis Kronach stattgefundenen Überfällen auf eine Spielothek in Unterrodach und eine Aldi-Filiale in Stockheim besteht. "Das müssen erst die weiteren Ermittlungen ergeben", so Eck. Dabei hoffen die Polizisten auf tatkräftige Unterstützung von Zeugen (siehe Infokasten).

Für Klaus Bauer lässt sich der Sinn des jüngsten Überfalls in Stockheim schwer nachvollziehen. Schon an einem außen angebrachten Schild sei abzulesen, dass keine größeren Bargeldbestände in der Tankstelle aufbewahrt werden. Dem Täter habe also klar sein müssen, dass nicht viel zu holen ist.


Gezielt Zeitpunkt gewählt?

Ob gezielt die Schicht seiner Kollegin für den Überfall gewählt wurde? Bauer kann dazu natürlich nur spekulieren, wundern würde es ihn allerdings nicht. Er selbst erkenne nach elf Jahren an der Kasse viele Tankstellenbesucher schon am Gang oder an den Augen. Vielleicht sei deshalb bewusst die Schicht einer neuen Mitarbeiterin ausgekundschaftet worden. Zumindest, falls der Täter ein Einheimischer sein sollte. Doch darüber könne eben nur gemutmaßt werden.

Bauer ist nach dem Überfall in erster Linie froh, dass die 47-Jährige mit heiler Haut nach Hause gehen konnte. Er selber habe kein Problem damit, nach diesem Vorfall für sie einzuspringen. Dass die Frau nach dem erlebten erstmal "fertig mit der Welt" ist, liege jedoch auf der Hand.


Genau richtig gehandelt

Mehrfach wird Bauer an diesem Vormittag von Kunden gefragt, ob das Personal denn keine Waffe habe. Oder ob er die Konfrontation mit einem Räuber suchen würde. "Wenn man selbst nicht betroffen ist, plaudert man leicht darüber", betont er daraufhin. "Aber wenn man dann an der Kasse steht und so ein ,Vogel‘ vor einem auftaucht ..." Bauer schüttelt den Kopf. "Den Helden spielen, dass würde ich nie machen", sagt der Tankstellenangestellte.

Die Idee der Kunden für Geld das eigene Leben aufs Spiel zu setzen oder dafür gar eine Waffe unter der Theke zu bunkern, hält Rainer Eck für "fast schon verwerflich". Man wisse schließlich nie, ob der Täter eine Spielzeugpistole oder eine echte Waffe in den Händen hält. Deshalb denke Bauer völlig richtig, unterstreicht Eck: "Den Helden zu spielen ist absolut indiskutabel. Die Frau hat in dieser Situation völlig richtig gehandelt."


Zeugen gesucht

Die Polizei bittet um Hinweise auf den Täter, von dem eine relativ gute Beschreibung vorliegt: männlich, etwa 180 Zentimeter groß, Alter unbekannt (das Gesicht war verdeckt), schlanke Figur. Er trug bei der Tatausführung eine Sonnenbrille. Bekleidet war der Mann mit einer dunklen Cargohose mit Seitentaschen (eventuell Arbeitshose) und einer roten Jacke (Bomberjacke). Darunter trug er ein dunkles Kapuzen-Shirt. Er hatte schwarze Turnschuhe und schwarze Handschuhe (auf dem Handrücken helle Applikationen) an. Außerdem hatte der Mann einen dunklen Schal ins Gesicht gezogen. Der Täter sprach deutsch. Die Angestellte bedrohte er mit einer dunklen Pistole. Die Zigaretten und das Geld verstaute er in einer dunklen Stofftasche.

Das Fachkommissariat der Kripo Coburg hat die Ermittlungen am Tatort aufgenommen und bittet um Mithilfe bei der Fahndung: Wer kennt den Mann oder kann Hinweise zu seinem Aufenthaltsort geben? Wem ist der Räuber während der Flucht in der Egerlandstraße in Stockheim aufgefallen? Wer hat eventuell ein verdächtiges Fahrzeug in dem Bereich der Tankstelle festgestellt?

Hinweise nimmt die Polizei unter Telefon 09561/6450 entgegen.