Wenn er es nur früher gewusst hätte. Klaus Siegelin steht auf einem seiner letzten Felder voller Wintergerste zwischen Tiefenklein und Küps. Es dauert nur wenige Sekunden und er hat zwei Ähren in der Hand, von denen er weiß, dass die eine wertvolles Tierfutter wird - aber die andere nutzlos ist. Farblich sind sie kaum auseinanderzuhalten. Der Laie würde es für ein gesundes Feld halten. Aber wiegt man die Ähren kurz in der Hand, drückt noch etwas auf die Stelle, an der die Körner sitzen müssten - dann wird schnell klar, dass etwas nicht stimmt.

Die linke Ähre ist so, wie sie sein soll. Die rechte fühlt sich an wie die Hülle der anderen. Kein Korn fällt heraus, wenn der Landwirt die Ähre zusammenpresst. "Man muss es spüren, sonst kann man es nicht begreifen." Ja, wenn er das nur gewusst hätte... Er hätte zumindest auf allen Feldern die gleiche Gerstenart ausgesät, die etwas später blühende. Dann wäre ein Teil zu retten gewesen. Zwischen der leeren und der vollen Ähre liegen nur wenige Tage in der Pflanzenentwicklung. Auf den abgemähten umliegenden Feldern geschah das, was er einen "Totalausfall" nennt.

Die Agrarwissenschaft spricht von Laternenblütigkeit - eine Laterne ohne Licht. Schuld an der inneren Leere war vor allem die eine Frostnacht am 11. Mai, die den Eisheiligen mehr als gerecht wurde. Erst standen die noch jungen Pflanzen im Februar im Wasser und die Wurzeln haben sich nicht gut entwickelt, erklärt er. Das wäre aber halb so schlimm gewesen. "Die Entwicklung im Frühjahr war schwierig, aber die Natur kann auch einiges aufholen", sagt er. Doch der Spätfrost gab den Pflanzen den Rest. "Trockenheit können die Pflanzen besser wegstecken." Die trockenen Jahre waren zwar auch nicht perfekt, vor allem wenn die Sonne regelrecht auf die Gerste herabbrennt. Aber was ein später Frost anrichtet, ist nun auf den Feldern zu sehen: einen Totalausfall.

Klaus Siegelin hat in diesem Jahr eine Gerstensorte getestet, die etwas früher blüht. Alle Pflanzen der einen Sorte trugen in der Blütezeit eine leere Laterne aufrecht auf den Feldern. Nutzlos für den Landwirt und die Schweine, die sie verzehren sollen. Von den 20 Hektar Wintergerste, die Klaus Siegelin angebaut hat, sind vielleicht noch fünf Hektar zu retten, rechnet er zusammen. Der Großteil landet in diesem Jahr als Energieträger in der Biogasanlage Schmölz. Zwischen 400 und 600 Euro für den Hektar erhält der Landwirt noch für das Getreide, das in diesem Zustand nicht mehr wert ist als Stroh.

Am schlimmsten trifft es Franken

Der Tiefenkleiner Landwirt züchtet Ferkel in seinem Stall oben auf dem Berg, um sie später an Mastanlagen zu verkaufen. Geduldig erklärt er, was der Ausfall für ihn bedeutet. Die Wintergerste schrotet er in seiner eigenen Mühle, um sie später an die Schweine zu verfüttern. Normalerweise reiche das Korn gerade so aus, um die Tiere ein Jahr lang zu ernähren. Dieses Jahr muss er kräftig dazukaufen.

Laut einem Artikel der Fachzeitschrift "agrarheute" hat der Deutsche Raiffeisenverband erste Schätzungen zur Ernte der Wintergerste bekanntgegeben. Statt 9,7 Millionen Tonnen wie im Vorjahr rechnet der Verband deutschlandweit mit 9,2 Millionen Tonnen. Das hört sich gering an und tatsächlich: Laut erster Meldungen der Ämter für Landwirtschaft, Forsten und Ernährung hat der Frost vor allem die Landwirte in Franken schlimm erwischt. Je nördlicher in Bayern, sagt auch Landwirt Sieglin, desto schlechter fiel die Ernte aus. Er zeigt über das Feld in verschiedene Himmelsrichtungen: Schweinfurt. Bamberg. Auch ein bisschen in Kulmbach und Bayreuth - bis zum Erwin.

Mit Erwin meint er keinen Landkreis, sondern den Kreisobmann des Bauernverbands, Erwin Schwarz, dessen Hof in Burggrub steht. Schwarz weiß, dass es dieses Jahr vor allem die Gerste getroffen hat. Der Weizen scheint dank seiner späten Blütezeit kaum unter der Kälte gelitten zu haben. Schlechter steht es um Triticale und Roggen. Die Getreidesorten haben ähnlich gelitten wie Wintergerste. Für den Mais geht der Kreisobmann von einem durchschnittlichen Jahrgang mit einer Woche Wachstumsverzögerung aus. Landwirt Siegelin ist da etwas optimistischer. Nach der Faustregel "77" sieht es gut aus: Der Mais war am 7.7. 77 Zentimeter hoch.

Der Verbraucher wird von den leeren Ähren nichts spüren, sagt Klaus Siegelin achselzuckend. Zumindest finanziell. Das sind die Gesetze des Marktes. Der Schweinepreis sinkt wegen der geschlossenen Tönnies-Schlachtereien. Beim Blick in den Garten sieht es anders aus. "Die Kirschbäume werden in diesem Jahr kaum Früchte tragen", sagt Kreisobmann Schwarz. Nussbäume, wie die Walnuss, seien sogar beinahe abgestorben. Die meisten Pflanzen haben den Frost überlebt. Doch viele Walnüsse werde es dieses Jahr nicht geben, sagt Erwin Schwarz.