Das große Rutschen. So nennt Matthias Klar das Ereignis, das für den Arbeitsmarkt eine Kehrtwende zum Schlechten bedeuten könnte. Doch noch ist der Pressesprecher der Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg guter Dinge. Das Rutschen - von der Kurzarbeit hin zu Entlassungen - hat noch nicht eingesetzt, der Arbeitsmarkt bleibt von der Lawine verschont.

Vor Kurzem haben die Arbeitsagenturen im ganzen Land die Jahresstatistik für das Corona-Jahr 2020 veröffentlicht. Der Tenor lautet: Es hätte alles schlimmer kommen können. Ladenschließungen im Lockdown, krisenbedingte Einbrüche in der Gastro-, Hotel- und Tourismusbranche haben derzeit nur einen geringen Effekt auf die Arbeitslosenzahlen. Das Instrument, das den Arbeitsmarkt vor Massenentlassungen bewahrt hat, hat einen Namen: Kurzarbeit.

Zum zweiten Mal nach der Weltwirtschaftskrise hat die Kurzarbeit den Arbeitsmarkt offensichtlich vor Schlimmeren bewahrt, auch im Landkreis Kronach. Zumindest bisher. Das geht eindeutig aus den Statistiken des vergangenen Jahres hervor.

Krise spiegelt sich kaum in den Zahlen

Im gesamten Zuständigkeitsbereich der Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg ist die Arbeitslosenquote lediglich um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angewachsen. Im Landkreis Kronach sind zum Stichtag Mitte Dezember 1375 Menschen arbeitslos gemeldet. Selbst im Dezember, der sonst als schwacher Monat auf dem Arbeitsmarkt gilt, gab es zu Beginn des verschärften Lockdowns keine Entlassungswellen - oder wie Matthias Klar erklärt: "Der Dezember war ein ganz normaler Dezember." Untypisch allerdings in diesem Jahr: Der Höchststand im Landkreis wurde im August erreicht. In diesem Monat waren 1608 Menschen arbeitslos gemeldet.

Ein Blick in die Statistik der Kurzarbeit verrät allerdings, wie eine drohende Entlassungswelle gestoppt werden konnte. 13 Betriebe hatten landkreisweit bereits vor der Pandemie im Februar Kurzarbeit angemeldet. Dann kam der krisenbedingte Quantensprung: 317 Betriebe waren es bereits im März, 565 im April - der Jahreshöchststand, der aus den bis einschließlich Juni 2020 ausgearbeiteten Statistiken hervorgeht. Waren im Februar nur 139 Menschen von der Kurzarbeit betroffen, waren es im April bereits 6576. Die Kurzarbeitsquote betrug im April satte 25,7 Prozent, also etwa ein Viertel aller steuerpflichtigen Arbeitnehmer im Landkreis waren in Kurzarbeit.

Zu Beginn der Krise traf es erst die kleineren Unternehmen, schildert Matthias Klar die Entwicklung. Dass der Rückgang der Kurzarbeiterquote schwächer ausfällt - im Juni 21,3 Prozent - beschreibt auch eine Entwicklung, das später größere Unternehmen im Landkreis betroffen waren, während kleinere schnell von den Lockerungen profitieren konnten. Von Entlassungen wiederum waren überwiegend Hilfskräfte betroffen, erklärt der Pressesprecher: "Jeder zweite Entlassene war eine Hilfskraft." Schwierig wird es für Unternehmen vor allem dann, wenn die Stammbelegschaft und damit Fachkräfte entlassen werden müssen. Mit der Kurzarbeit kann diese Entwicklung gestoppt werden.

Auch in die Industrie- und Handelskammer bezeichnet die Kurzarbeit als regelrechte "Wunderwaffe" gegen Entlassungen. Was würde passieren, wenn es die Kurzarbeit nicht gäbe, stellt der Vorsitzende des IHK-Gremiums Kronach, Hans Rebhan, als Frage in den Raum, um sie direkt zu beantworten: "Die Unternehmer müssten ihre Fachkräfte entlassen oder letztendlich sogar Insolvenz anmelden. Stabilisieren sich dann die Rahmenbedingungen wieder, würden genau diese Fachkräfte fehlen, die das Unternehmen so dringend für den Aufschwung benötigt." Denn trotz der Krise beschäftige die Betriebe in der Region weiterhin der Fachkräfte- und Azubi-Mangel, erklärt Rebhan.

Warten auf das Ende der Krise

Doch natürlich wartet die Wirtschaft auf eine Erlösung von der Krise. Die Regeln für die Dauer der Kurzarbeit wurden bundesweit gelockert. Statt einem Jahr können Unternehmen nun bis zu zwei Jahren Umsatzeinbrüche durch die Reduzierung der Arbeitszeit und staatliche Hilfen kompensieren. Doch wie lange geht das gut? Es bestehe natürlich die Gefahr, erklärt IHK-Vizepräsident Rebhan, "dass einzelne Unternehmen irgendwann nur noch dank der staatlichen Hilfen über die Runden kommen und letztendlich in die Insolvenz rutschen." Doch ohne die Instrumente wie Kurzarbeit und Überbrückungshilfen stünden bereits jetzt viele Unternehmen vor dem Aus, sagt Rebhan.

So lange die Hoffnung in den Unternehmen besteht, bleibt die Kurzarbeit das Instrument der Stunde, sagt auch Matthias Klar. "Das große Rutschen ist ausgeblieben." Wichtig sei für die Unternehmen, ihre Fachkräfte zu sicher. "Wenn der Wirtschaftsaufschwung kommt, dann mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit", prognostiziert er. Klar warnt auch davor, trotz aller überraschend positiven Arbeitsmarktzahlen, die Einzelschicksale aus den Augen zu verlieren, die sich hinter den Zahlen verbergen. Davon gibt es in der Corona-Krise mehr als sonst.