• Kronacher Hausarzt verimpft kein Astrazeneca
  • Praxen mussten umstrittenen Impfstoff bislang bestellen, um Biontech-Vakzin zu erhalten
  • Bundesgesundheitsministerium ändert nach heftiger Kritik Bestellvorschriften
  • Hausarzt sieht Astrazeneca-Freigabe kritisch: "Die Patienten wollen den Impfstoff nicht"

Ein Kronacher Hausarzt hatte mit seiner Entscheidung, die Corona-Impfungen in seiner Praxis vorerst auszusetzen, für Aufsehen gesorgt. Hintergrund war ein indirekter Bestellzwang, den das Bundesgesundheitsministerium nach heftiger Kritik abgeschafft inzwischen hat. Doch Allgemeinmediziner Dr. Ulf Rosenbauer ist wegen des Thrombose-Risikos bei Astrazeneca auch äußerst skeptisch, was die Freigabe des Impfstoffs für alle Altersgruppen in Bayern angeht. 

Update vom 23.04.2021: Kronacher Arzt kritisiert Astrazeneca-Freigabe in Bayern

Der Kronacher Hausarzt Ulf Rosenbauer steht dem Impfstoff Astrazeneca auch nach der Abschaffung des Bestellzwangs und der Freigabe für alle Altersgruppen in Bayern skeptisch gegenüber. "Meine Meinung hat sich nicht wesentlich verändert", sagt Rosenbauer gegenüber inFranken.de. Er werde den umstrittenen Impfstoff nicht bestellen, auch wenn dieser eine "gute Schutzwirkung und geringe Nebenwirkungen" habe. 

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Der Grund: "Die Stiko empfiehlt den Impfstoff weiter nur für Über-60-Jährige. Und nur weil der Gesundheitsminister sagt, wir impfen alle, muss ich das nicht machen. Ich weiß nicht, warum manche Bundesländer sagen: 'Astra für alle'. Vielleicht liegt es daran, dass zu viel Impfstoff da ist, an schlechter Nachfrage, ich kann nur spekulieren", sagt Rosenbauer. Bei den Über-60-Jährigen stelle sich die Frage nach der Impfung gar nicht. "Zum einen sind die meisten Älteren schon in den Impfzentren geimpft worden. Und die Patienten, die mich anrufen, wollen den Impfstoff nicht. Die sagen schon: 'Kein Astra für mich bitte'.

Rosenbauer sei bei Astrazeneca vorsichtig, sagt er. "Gerade bei den Jüngeren würde ich das ungern verimpfen". Wenn ein Über-60-Jähriger aber käme und unbedingt mit Astrazeneca geimpft werden wolle, würde er das auch tun, sagt der Allgemeinmediziner. Beim Impfstoff des amerikanischen Pharmakonzerns Johnson & Johnson sieht die Sache für Rosenbauer anders aus. "Der Impfstoff ist interessant, weil Sie nur einmal impfen müssen. Die PRAC (Anmerkung d. Red.: Ausschuss der Europäischen Arzneimittelagentur) hat bestätigt, dass auch dort ein Thrombose-Risiko besteht. Aber in wesentlich geringerer Zahl."

Kronacher Hausarzt: Deutlich mehr junge Leute bekommen Biontech-Impfung

Der Kronacher Allgemeinmediziner ist sich noch unschlüssig, ob er Johnson & Johnson für die Woche vom 03. bis 09.05.2021 bestellen soll. Dann können Hausärzte in Deutschland neben 36 Dosen Biontech und 50 Dosen Astrazeneca auch 15 Dosen Johnson & Johnson pro Woche bestellen. Rosenbauer will eigentlich abwarten, bis Johnson & Johnson breiter verimpft wurde. "Auch bei Astrazeneca wurden die Thrombose-Fälle erst dann dokumentiert - was klar ist, weil mehr auftritt, wenn mehr geimpft wird". 

Generell hat Rosenbauer beobachtet, dass "auch deutlich mehr junge Leute mittlerweile geimpft werden, sogar immer öfter mit Biontech". Vor kurzem noch seien die Impfungen eher schleppend verlaufen, jetzt habe bereits die Nachfrage bei ihm und seinen Kollegen nachgelassen. Dies sei noch stärker der Fall, seit die Impfzentren das Impfen mit Astrazeneca am 19. April ausgesetzt hatten. Einen Ansturm, wie in verschiedenen Medien nach der Freigabe des Impfstoffs berichtet wurde, hätten Rosenbauer und seine Kollegen "in keinster Weise erlebt". 

Update vom 16.04.2021: Kein Astrazeneca-Bestellzwang für nächste Lieferung mehr

Wie der Bayerische Apothekerverband gegenüber inFranken.de bereits angekündigt hatte, wird der Astrazeneca-Bestellzwang für Hausärzte bei der kommenden Lieferwoche vom 26. April 2021 bis 2. Mai 2021 wegfallen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV hat auf ihrer Website die Regeln für die Impfstoffbestellung für Hausärzte aktualisiert.

"Die Bestellung von Impfstoff erfolgt ab sofort impfstoffspezifisch", schreibt die KBV. Demzufolge müssen Ärzte auf dem Arzneimittelrezept nun den Impfstoffnamen und die jeweiligen Dosen, die sie bestellen möchten, angeben. Um möglichst viele Patienten impfen zu können, empfiehlt die KBV jedoch dringend, beide Impfstoffe zu bestellen. Hausärzte erhalten für die Woche vom 26.04.2021 bis zum 02.05.2021 mindestens 18 bis maximal 30 Dosen Biontech-Impfstoff und mindestens 10 bis maximal 50 Dosen Astrazeneca. 

Erstmeldung vom 15.04.2021: Astrazeneca-Bestellzwang: Kronacher Arzt übt Kritik und setzt Impfungen aus

Der Kronacher Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Ulf Rosenbauer impft seine Patienten vorübergehend nicht mehr gegen Covid-19. Auslöser ist ein indirekter Abnahmezwang für den umstrittenen Impfstoff von Astrazeneca. "Ich sehe da ein bisschen meine Therapiefreiheit in Gefahr und möchte auch niemandem etwas aufschwatzen", sagt der Hausarzt am Donnerstag (15. April 2021) inFranken.de. "Ich will ganz einfach selbst entscheiden, wem ich was verimpfe. Ich lasse mich da nicht gängeln." 

Seit der zweiten Aprilwoche können sich Menschen in Deutschland auch bei ihrem Hausarzt gegen Covid-19 impfen lassen. In rund 35.000 Arztpraxen ist eine Corona-Schutzimpfung mittlerweile möglich. Eine entsprechende Anordnung der Bundesregierung sieht für die kommende Woche nun vor, dass Arztpraxen nur dann mit dem Biontech-Impfstoff beliefert werden sollen, wenn sie in gleicher Stückzahl Astrazeneca-Dosen abnehmen. 

"Die Bestellung muss dabei eins zu eins aufgeteilt werden, damit sie zugewiesen wird", erklärt Rosenbauer. "Das heißt: Wenn Sie ein Fläschchen Biontech-Cominardy für sechs Impfungen haben wollen, müssen Sie zehn Impfungen Astrazeneca mit abnehmen." Der Kronacher Allgemeinmediziner übt an dieser Regelung scharfe Kritik. Er wünscht sich die Möglichkeit, das Covid-19-Vakzin frei wählen zu können. "Dieses 'Wenn-ihr-das-wollt-müsst-ihr' hat da nichts zu suchen - nicht in einer Pandemie-Situation", moniert er.

Der 39-Jährige selbst ist laut eigenen Angaben mit dem Wirkstoff von Biontech gegen Covid-19 geimpft. Nach seinem Kenntnisstand habe sich dieser bislang als relativ nebenwirkungsarm erwiesen - "bei guter Wirksamkeit". Das Vakzin von Astrazeneca zeige zwar auch eine gute Schutzwirkung und sei sicherlich kein schlechter Impfstoff, hinterlasse zugleich aber immer wieder Fragezeichen. "Da passiert was. Da passieren Thrombosen. Da sterben Menschen." In Zusammenhang mit Astrazeneca gebe es derzeit viel Nervosität, betont Rosenbauer. "Da herrscht einfach sehr viel Unsicherheit." 

"Ich habe eine gewisse Verantwortung und möchte die nicht missbrauchen"

"Wir wissen aber, es gibt da einen zeitlichen Zusammenhang mit Thrombosen nach Impfungen." Er selbst glaube zwar auch nicht, dass der Astrazeneca-Impfstoff selbst Thrombosen erzeuge. "Aber es wird eine Konstellation im Menschen geben, die einfach in Zusammenhang mit dem Impfstoff eine Thrombose entwickelt." Konkrete Kenntnisse hierzu lägen bislang nicht vor. "Und solange wir das nicht wissen, sollte jeder die freie Entscheidung treffen können, ob er sich impfen lässt oder nicht." 

Rosenbauer sieht sich seinen Patienten gegenüber in der Pflicht. "Man verbringt viele, viele Jahre mit seinen Patienten. Und die vertrauen einem natürlich. Ich habe eine gewisse Verantwortung und möchte die nicht missbrauchen", betont der Kronacher Hausarzt. "Ich möchte bei dem, was ich mache, sagen können: Ich habe das aus gutem Gewissen heraus gemacht. Und das stelle ich momentan einfach mit dem Astra-Impfstoff nicht fest." Aus diesem Grund hat er die Impfungen gestoppt - zumindest für die kommende Woche.

Unterdessen sieht es für die Zeit danach inzwischen so aus, als ob das umstrittene Prozedere der Vergangenheit angehört. "Bislang waren nur generische Bestellungen möglich", erklärt Thomas Metz, Pressesprecher des Bayerischen Apothekerverbands, inFranken.de. Demnach konnten die impfenden Ärzte bei ihrer Vakzin-Bestellung keinen Impfstoff namentlich angeben. Laut dem Verband ändert sich das Bestellverfahren künftig. Ab der 17. Kalenderwoche sei der Covid-19-Impfstoff bei Bestellungen frei wählbar. Die bisherige Regelung, dass jede Praxis ein sogenanntes Vial (Injektionsfläschchen) mit sechs Dosen Biontech nur in Verbindung mit einem Vial mit zehn Astrazeneca-Dosen erhält, soll wegfallen.

Allgemeinmediziner wünscht sich mehr Impfungen in Praxen 

Dr. Ulf Rosenbauer hat indes noch ein anderes Anliegen. Sein großer Wunsch sei, dass Bundesregierung und Gesundheitsministerium endlich erkennen, dass das Impfen eine Aufgabe der Hausärzte sei. "Da kennen wir uns aus. Wir impfen gegen so viele andere Dinge - etwa jedes Jahr gegen Grippe. Gegen Schweinegrippe, Zecken und Tetanus haben wir auch geimpft." Dies werde den Hausärzten - anders als bei Covid-19 - zugestanden.

Der Kronacher Allgemeinmediziner fordert daher, dass die "vielen Millionen Biontech-Impfdosen" nicht mehr in die Impfzentren weitergeleitet, sondern den Hausärzten zur Verfügung gestellt werden. Sein Vorschlag: Nur die in den Praxen übrig gebliebenen Impfdosen sollen anschließend ins Impfzentrum gelangen. "Also genau anders herum." Rosenbauers Appell: "Generell wünsche ich mir, dass viel mehr in den Hausarztpraxen geimpft wird." 

Eine Lehrerin aus dem Großraum Bamberg erhielt derweil noch vor dem ersten Impfstopp Mitte März ihre Erstimpfung mit Astrazeneca und hoffte auf ihre Zweitimpfung. Das viele Hin und Her um die Impfung ging nicht spurlos an ihr vorbei.

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