Die "1000-jährige Stiel-Eiche" in Nagel ist der vierte Baum in Deutschland, der den Titel "Nationalerbe-Baum" tragen darf. Am Samstag fand die offizielle Ausrufung statt. Das ist bayernweit ein Novum und wird vorerst auch so bleiben.

Stolz über diese Würdigung war nicht nur Freiherr Hubertus von Künsberg, auf dessen Areal die Eiche steht, sondern auch der stellvertretende Landrat Gerhard Wunder und Bürgermeister Bernd Rebhan.

Und in der Tat: Die Eiche ist eine Wucht. Die Borke der Eiche steht bis zu zehn Zentimeter breitartig hervor. Die tiefen Rillen in der Rinde ziehen sich bis zur Spitze der Krone hoch. Dies deutet auf ein hohes Alter hin. Man geht von einem tatsächlichen Alter von rund 600 Jahren aus.

"Was hat diese Eiche alles schon erlebt?", fragte Freiherr Hubertus von Künsberg. Der Baum überstand Kriege, Holznot, Bauhochkonjunkturen und vieles mehr. Er erinnerte unter anderem an den Dreißigjährigen Krieg, an den Durchzug von Napoleon und seiner Armee zur Schlacht nach Jena im Jahre 1806. In beiden Epochen sei man nicht zimperlich mit den Menschen und der Natur umgegangen. Die Eiche hat all das überlebt. Er erinnerte an den Bau der Schlösser in Oberlangenstadt Mitte des 16. Jahrhunderts und im Jahre 1842. Obwohl man viel Holz für diese Projekte benötigte, die Eiche wurde nicht angerührt. "Meine Vorfahren haben geahnt, welcher Wert in diesem Baum steckt." Von Künsberg sprach davon, dass diese Eiche Stürme wie "Lothar", "Wiebke" und "Kyrll" überstanden hat. Und nicht zuletzt erwähnte er den Zusammenhang der Eiche mit der Artenvielfalt und dem Insektenschutz.

Seit 1936 Naturdenkmal in Küps

"Ich bin begeistert von diesem Baum", sagte der Leiter des Kuratoriums Nationalerbe-Bäume in der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft, Andreas Roloff, der näher auf diese Besonderheit einging. Demnach ist die "1000-jährige Eiche" seit 1936 als Naturdenkmal der Gemeinde Küps ausgewiesen. Der Baum steht östlich unterhalb vom Außenzaun des Jagdschlosses Nagel am Steilhang, welches Anfang des 15. Jahrhunderts gebaut wurde. Ursprünglich sollen an diesem Platz vier Eichen gestanden haben, die nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet waren und einen gleichen Abstand hatten, erklärte Roloff. In der Nähe führte auch eine alte Handels- und Heerstraße vorbei, die München mit Berlin verband und in diesem Abschnitt der heutigen Bundesstraße 173 entsprach.

Roloff wies darauf hin, dass diese starke Eiche, wie viele andere Bäume in Deutschland auch, in Naturwanderführern als "1000-jährige Eiche bezeichnet" wird, weil diese so alt werden können.

Von der Nachbarschaft profitiert

Besonders eindrucksvoll an der Eiche sei der etwa zwölf Meter lange, vollholzige, fast astfreie Stamm. Diese Gegebenheit sei nur zu erklären durch langanhaltende Konkurrenz benachbarter Bäume im früheren Leben. Dadurch musste sich der Baum mit vermutlich eingeklemmter Krone (wie heute noch) nach oben recken, um ans Licht zu gelangen. Licht benötigen Eichen ab ihrer Jugend unbedingt, um zu überleben. Diese Situation werde auch zu einem langsameren Dickwachstum geführt haben.

In der Nähe der Eiche befindet sich eine Quelle, die seitlich etwa zehn Meter vom Stamm entfernt aus dem Hang austritt und, nach Aussagen vor Ort, auch in den trockenen Sommern 2018/2019 nicht versiegte. Dorthin wird die Eiche seit langer Zeit ihre Wurzeln entwickelt haben, so dass ihr Trockenjahre wahrscheinlich nichts anhaben werden. "Das sind gute Aussichten für die Zukunft dieses besonderen Baumes", freute sich Roloff.

Weitere Schutzmaßnahmen

Oberhalb des unverzweigten Stammes setzt abrupt die Krone mit mehreren starken und steil stehenden Ästen an, die sich weit oben weiter verzweigen und von denen einzelne wiederum durch zu viel Beschattung abgestorben sind. Künftig soll eine moderate Freistellung der Eiche zu einer besseren Zuckerproduktion durch Photosynthese verhelfen, was sie auch unempfindlicher gegen Stress machen wird.

Roloff sprach davon, dass die Umfangmessung des Baumes sich als extreme Herausforderung gestaltet habe, da der Baum so dick und der Hang am Standort sehr steil sei. Daher seien auch die Messungen unterschiedlich. Der Stammumfang, gemessen hangoberseits über den Wurzelanhäufen, betrage 9,70 Meter. Die Baumhöhe liege zwischen 26 und 28 Metern. Er meinte: "Dies hier ist eine der zehn stärksten und massereichsten Eichen Deutschlands."

"Wir sind wirklich stolz, dieses Geschenk der Natur in Küps zu haben", freute sich Bürgermeister Bernd Rebhan. Er bedankte sich bei der Familie von Künsberg, die sich seit Jahrhunderten mit großer Verantwortung für den Erhalt der Natur einsetzt. Auch der stellvertretende Landrat Gerhard Wunder dankte der Eigentümerfamilie von Künsberg. Möge man hoffen, dass diese Eiche noch 500 Jahre lebt. "Was mag bis dahin passieren - wir werden es nicht mehr erleben."

Schutz für alte Bäume

Bei den "Nationalerbe-Bäumen Deutschlands" geht es darum, uralte Bäume zu schützen und zu pflegen, damit diese über 1000 Jahre alt werden können. Es soll ihnen damit auch ein "Altern in Würde" ermöglicht werden. Unterstützt beziehungsweise finanziert wird das Projekt durch die "Eva Mayr-Stihl Stiftung".

Abschließend bedankte sich Roloff bei der Eigentümerfamilie von Künsberg. Der Kontakt sei über Ecken durch einen Forstmann zustande gekommen. Die von Künsbergs haben sich gleich offen für dieses Projekt gezeigt. "Hier funktionieren noch Mensch und Natur."