So richtig hätten sie ihren Ohren nicht trauen wollen. "Es kommt nicht oft vor, dass man zu jemandem fährt, der sich selbst der Vergewaltigung bezichtigt", sagte ein 52-jähriger Beamter der Polizeiinspektion Kronach am Mittwoch im Zeugenstand des Landgerichts Coburg. "Für uns war das schon eine etwas komische Situation."
Am 11. Oktober vergangenen Jahres wurden er und eine Kollegin schon von dem 44-jährigen Kronacher an der Gartentür erwartet, als sie am Einsatzort ankamen. Ganz ruhig sei der Mann gewesen, nachdem er sie ins Haus gebeten hatte. "Er war ganz ruhig, eher stumpf", erinnerte sich der Polizist. "Dann sagte er: ich habe meine Noch-Frau vergewaltigt."

Doch nicht nur dafür wurde der 44-Jährige, nun zu einer Haftstrafe von vier Jahren und einem Schmerzensgeld von 8000 Euro verurteilt. Denn vor Gericht stand der Mann wegen schwerer Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher und vorsätzlicher Körperverletzung sowie Freiheitsberaubung. Das Ehepaar lebte schon rund einen Monat getrennt, als es zu der Auseinandersetzung kam. Der Grund: Eifersucht. Laut Anklageschrift ging der Mann davon aus, dass seine Frau mit einem neuen Partner telefoniere. Daraufhin habe er der Geschädigten das Handy aus der Hand gerissen, sie ins Badezimmer gezerrt und auf den Boden gestoßen.

Dort riss er ihr erst die Jogging- und kurz darauf die Unterhose vom Leib. Letztere stopfte er dem Opfer als Knebel in den Mund und drückte mit beiden Händen mehrere Sekunden kräftig gegen den Hals. "Die Geschädigte erlitt - wie vom Angeschuldigten vorhergesehen und billigend in Kauf genommen - Atemnot und einen Würgereiz", erklärte Staatsanwältin Jana Huber.


Knebel war voller Blut

Anschließend stieß er die Frau ins angrenzende Schlafzimmer, wo er sie ans Bett fesselte. Er habe deutlich erkannt, dass die Geschädigte mit einem etwaigen sexuellen Kontakt nicht einverstanden ist, so die Staatsanwältin, dennoch habe er seine Frau daraufhin vergewaltigt. Als er merkte, dass der verwendete Knebel voller Blut war, löste er die Fesseln und ging mit seinem Opfer ins Wohnzimmer. Zweimal versuchte die Frau vergeblich aus der Wohnung zu fliehen. Jedes Mal zog er sie offenbar wieder zurück ins Haus.

Was danach passierte, schilderte der 24-jährige Stiefsohn des Angeklagten. "Er hat mich um 9.30 angerufen und war sehr weinerlich am Telefon", erzählte der junge Mann mit belegter Stimme. Auf zweimalige Nachfrage habe sein Stiefvater aber nicht sagen können, was passiert ist. Auch seine Mutter, die den Hörer übernahm, habe kaum ein Wort herausgebracht. Erst vor Ort erfuhr er, was sich ereignete. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei den Angeklagten schon nach Kronach gebracht. Auf den hinzugerufenen Sachbearbeiter der Kriminalpolizei Coburg machte er dort bei der Vernehmung den Eindruck "extrem eifersüchtig zu sein" - ein Thema, das sich durch die Verhandlung zog.

Zwar erklärte der Angeklagte, seine Frau sei im Grunde viel eifersüchtiger als er, habe ihm laufend Affären unterstellt, woran sich aber etwa der Stiefsohn nicht erinnern konnte. Was die Geschädigte aussagte, wissen nur die am Prozess beteiligten Personen. Ihre Aussagen fanden ebenso unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit statt wie die Angaben des Angeklagten zu dessen sexuellen Neigungen sowie die Plädoyers.


Triggerwirkung

Ihre Patientin benötige eine Langzeittherapie, erklärte die Psychologische Psychotherapeutin der Geschädigten, der sie eine Anpassungsstörung attestierte. "Sie ist ziemlich belastet, hat Angst und ist niedergeschlagen", so die Therapeutin. "Sie hat wiederkehrende Erinnerungsbilder. Sie sieht etwa ihren Mann vor sich, kann sich aber nicht wehren." Vieles deute auch auf eine posttraumatische Belastungsstörung hin.

Vom bestellten Gutachter, der sich mit dem 44-Jährigen unterhalten hatte, wollte Richter Christoph Gillot unter anderem wissen, welche Gefahr vom Angeklagten ausgehe. Könnte sich eine solche Situation wiederholen? "Wenn er auf eine ihm unbekannte Frau trifft, ist das Risiko nach derzeitigem Stand eher gering", erklärte der Psychiater.

Anders könne das jedoch aussehen, falls sich eine ähnliche Situation innerhalb einer künftigen Beziehung wiederhole. Auf den Vorwurf, sie habe eine Affäre mit dem Mann am Telefon, soll die Geschädigte sinngemäß gesagt haben: "Ich habe keine Affäre, aber nun fange ich erst recht etwas mit ihm an."

Das habe beim Angeklagten einen Schalter umgelegt, habe eine Triggerwirkung gehabt, so der Gutachter. Der 44-Jährige habe eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung, benutzte Sexualität, um nach Konflikten wieder die Kontrolle über eine Situation zu erlangen. Denn in Alltagsstrukturen habe er sich oft als Unterlegener gesehen. "Persönlichkeitspathologie steht somit im Vordergrund", so der Gutachter, nicht die Sexualität. Die werde sekundär eingesetzt. "Die sonstigen hohen Rückfallraten bei Vergewaltigern fallen in diesem Fall nicht ins Gewicht."

Vier Jahre und neun Monate forderte die Staatsanwältin. Auf die neun Monate verzichtete der Richter.