In der Kronacher Synagoge wurde den Opfern der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 gedacht. Die berührende Gedenkstunde ließ Geschichte lebendig werden.

Das feierliche Spiel der Blechblasinstrumente mit ihrem majestätischen Klang: Die anmutig klangvollen Töne des Posaunenchors der evangelischen Christuskirche unter Leitung von Dekanatskantor Marius Popp - Sie schweben an diesem Abend nur so durch die Kronacher Synagoge. Über was für eine Klangvielfalt verfügt doch so ein schlichter Posaunenchor - wahrlich zum Träumen schön!
Zum Träumen schön war auch die Auswahl der zum Klingen gebrachten musikalischen Glaubensbekenntnisse. Schon die strahlend festlichen Klänge des gleich zu Beginn dargebotenen "Herr Gott, dich loben wir" aus der Feder von Friedrich Silcher (1789 bis 1860) ließen die Besucher der Gedenkveranstaltung wie gebannt zuhören - in sich versunken, losgelöst! Im Laufe des Abends erklangen vier Stücke von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847): die beiden großartigen Werke "Hebe deine Augen auf" sowie "Sei stille dem Herrn" aus dem berühmten Elias-Oratorium, der Psalm 100 "Jauchzet dem Herrn" und die Motette "Richte mich Gott". Mendelssohn - einer der bedeutendsten Musiker der Romantik - entstammte einer angesehenen und wohlhabenden bürgerlichen jüdischen Familie. Wenngleich protestantisch getauft, durfte seine Musik zu Zeiten des NS-Regimes nicht gespielt werden - unfassbar!

Doch nicht nur die exzellent ausgesuchte Musik trug dazu bei, dass die Besucher an diesem so geschichtsträchtigen Datum berührt und zum Nachdenken angebracht wurden. Auch die Wortbeiträge waren von Pfarrerin Alina Ellgring sowie Pastoralreferentin Birgitta Staufer-Neubauer dem Anlass entsprechend mit viel Bedacht ausgewählt worden. Die 1. Vorsitzende Odette Eisenträger-Sarter und ihre Stellvertreterin Gisela Zaich hatten seitens des Aktionskreises Kronacher Synagoge die Besucher zu dieser - so Zaich - "kleinen, aber wichtigen Veranstaltung" willkommen geheißen. Eisenträger-Sarter erinnerte an die Anfänge des Aktionskreises, der im Sommer 1992 - also vor 25 Jahren - von nichtjüdischen Kronacher Bürgerinnen und Bürgern ins Leben gerufen worden war, um das Synagogen-Gebäude aus dem Jahr 1883 vor dem Verfall zu retten. So lange gebe es auch schon diese Gedenkstunde. Viele der heutigen Besucher seien bereits damals - anfangs noch in der Kälte draußen vor dem Gebäude - dabei gewesen. "Wir standen vor dem alten Eingangstor des ehemaligen Sanitätsdepots im Kreis und gedachten - mit Kerzen in der Hand - der Opfer von damals: Menschen, die im 3. Reich entrechtet, gequält und ermordet, deren Geschäfte in der Nacht am 9. November zerstört und Synagogen angezündet wurden ", zeigte sie sich erschüttert.

Die Kronacher Synagoge wurde von den Nazis nur deshalb verschont, da sie bereits im Januar 1939 an die Stadt Kronach verkauft, zum Sanitätsdepot umfunktioniert und damit arisch geworden war. Solche Sanitätsdepots seien damals überall entstanden - in Vorbereitung für den Krieg, der ja damals schon von den Nazis beabsichtigt gewesen sei. Durch die Fremdnutzung habe sich zwar das Erscheinungsbild der Synagoge verändert, aber das Gebäude habe zumindest überleben können. Stolz zeigte sie sich darauf, dass man die Gedenkveranstaltung nun schon über so viele Jahre aufrecht erhalte. 79 Jahre sei es nun her, führte die Pfarrerin aus, dass die jüdischen Geschäfte, Häuser und Synagogen angezündet wurden - und damit die systematische Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Juden ihren öffentlichen Auftakt fand. Nach außen inszeniert als Empörung der Bevölkerung, sei dies von den Nazis gezielt gesteuert gewesen. Die Reichskristallnacht, wie sie die Nazis nannten, klinge nicht nur nach zerbrochenem Glas, sondern gebe der Zerstörung einen festlichen Schein. Pogromnacht sei daher das passendere Wort; bedeute doch Pogrom eine gezielte Verfolgung bestimmter Menschengruppen.

"Es war keine Naturkatstrophe, die über die Menschen hereingebrochen ist. Es waren Menschen, die das getan haben und es waren Menschen, die weggeschaut haben. Gewalt, Unrecht und Krieg: Es waren Menschen, die so schrecklich handelten", betonte sie. Diese Tatsache schenke ihr aber auch Hoffnung, dass man nämlich etwas dagegen tun und dass man Dinge anders machen könne. Sie appellierte, die Opfer nicht zu vergessen. Die Erinnerung sei wichtig, damit wir anders handelten und lebten - für den Frieden, weil wir es können! Die Heilige Schrift des Judentums sei auch den Christen heilig. Um dies zu verdeutlichen, verlas sie den Psalm 122: "Herr, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu Dir kommen ..." Die Pastoralreferentin trug zwei eindringliche Gedichte des deutschen Kabarettisten und Schriftstellers Hanns Dieter Hüsch (1925 bis 2005) vor, in denen die Verallgemeinerungen in alle Richtungen sowie die pauschale Bewertung beziehungsweise Verurteilung von Menschengruppen anprangert: "Bedenkt" und "Das Phänomen". Letzteres endet mit den Zeilen "...Nur wenn wir eins sind überall - Dann gibt es keinen neuen Fall - Von Auschwitz bis nach Buchenwald - Und wer's nicht spürt der merkt es bald - Nur wenn wir in uns alle sehn - Besiegen wir das Phänomen - Nur wenn wir alle in uns sind - Fliegt keine Asche mehr im Wind". Die tief beeindruckende Gedenkstunde endete mit dem innigen Appell an unsere Wachsamkeit und dem Leisten von Widerstand - für ein friedliches Miteinander aller Konfessionen überall auf der Welt!