In der Sommerserie durchwandern die FT-Reporter den Landkreis von Süd nach Nord auf Nebenstraßen.Immer auf der Suche nach den Geschichten am Wegesrand. Immerhin bin ich noch auf dem Marienweg unterwegs. Dann bin ich nicht ganz so allein. Maria, die Marterl am Wegesrand und die Aschera-Kapelle lassen die Gedanken um ein bisschen Spiritualität kreisen und eine Geschichte der Kategorie "unnötiges Wissen", von der ich gestern am Vortag der Wanderung gehört habe.

Ein Theologe hat sich die Mühe gemacht und die Wege berechnet, die die Israeliten im Alten Testament zurückgelegt haben. Bei einer der berühmtesten Wanderungen, von Moses und Gott geführt, verbrachte das landlose Volk Israel 40 Jahre in der Wüste zwischen Ägypten und dem Gelobten Land. Der geografisch bewanderte Theologe hat ausgerechnet, dass das Volk Israel damit etwa fünf Meter am Tag zurückgelegt hat. Die Strecke lässt sich bei einem Durchschnitts-Exodus in elf Tagen bewältigen. Das ist langsam.

Ich bin etwas schneller unterwegs. Rein interessehalber habe ich ausgerechnet, wie lange ich brauchen würde, wenn ich mit fünf Metern am Tag, wie das biblische Volk, durch den Landkreis Kronach - auf gerader Luftlinie - von Süd nach Nord unterwegs wäre. Es wären knapp 29 Jahre. Die Sommerserie würde dann ohne Unterbrechung etwa 1508 Wochenepisoden lang sein.

Mutterseelenallein mit Maria

Gerade bin ich auf der dritten Etappe, dem Marienweg zwischen Steinberg und Teuschnitz, so mutterseelenallein unterwegs, dass ich mir wünschte, mit Tieren und Pflanzen sprechen zu können. Ich begegne zwischen Trebesberg und Schafhut einer ruhigen, umsichtigen, im Israel-Tempo angepassten Spaziergängerin, von der ich ausgehe, dass sie eine der vielen Teilnehmerinnen an den kontemplativen Exerzitien im Haus Gries ist. Da spricht man wenig. Wir sagen kurz und knapp Hallo. Andererseits ist es auch zu heiß, sich zu unterhalten. Bis Mittag klettert die Temperatur auf über 30 Grad.

Einer ist zu schnell für mich unterwegs: Hallo, Servus! Ein anderer Mann im karierten Hemd begegnet mir genau auf der, für zwei Wanderer zu schmalen, Brücke über die Teuschnitz im Tal. Er wünscht mir einen schönen Tag und dass ich ein paar gute Bildmotive finde. Und zum Abschluss fragt mich die Metzgereifachverkäuferin in Teuschnitz, wie man bei so einer Hitze denn bitte wandern gehen kann. Alles für den Text. Das ist meine Arbeit. Mir fällt nichts ein. Außer, dass ihr Arbeitsplatz weitaus besser temperiert ist als meiner.

Ich streife allein durch Orte, von denen ich noch nie gehört habe. Schafhut und Rauschenhof. In Schafhof sehe ich keine Schafe, aber Bienen. Honig aus der Imkerei wird beworben. Die Kapellen zwischen Glosberg und Steinberg werden hinter der Aschera-Kapelle von Marterln abgelöst.

Grundsätzlich ist es ja nicht schlimm, allein zu sein. Der Wanderer kann sich dann auf seine Gedanken zur Bibel und auf die wundersamen Dinge am Wegesrand konzentrieren. Davon gibt es schließlich einiges und weil mir diesmal keine Schautafeln oder Einheimische helfen, habe ich versucht, mir die kleinen Wunder selbst zu erklären oder im Nachhinein erklären zu lassen.

Drei Fragen, drei Antworten

Der Baum: Im Wald stehen viele Bäume, die so aussehen, als wolle die Natur Kunst fabrizieren oder jemand mit Kettensäge aus der Natur Kunst fertigen. Der Baum im Wald zwischen Marienroth und Wickendorf sieht aus, als hätte er eine schwere Kinderkrankheit besiegt. Meine Frage: Stimmt das?

Der Strommast: An einem Starkstrommast kurz vor Wickendorf hängt unterhalb des bitzelnden Stromgeräusches, aber oberhalb meiner Armreichweite, eine grüne Fahne und ein roter Rucksack. Wer hat die beiden Dinge, die nicht dahin gehören, so platziert, dass jeder Wanderer sie zwar sieht, aber nicht rankommt? Was ist im roten Rucksack? Manna?

Die Flaschen: In einem Waldabschnitt hinter Posseck sind zwei Ketchupflaschen auf zwei Pfähle gestülpt und mit rosa Farbe markiert. Was soll das?

Alles lässt sich erklären, wenn auch nicht mit absoluter Sicherheit: Ich schicke einem befreundeten Waldexperten, Georg, das Foto vom seltsamen Baum. Dass es eine Fichte ist, habe ich auch erkannt. Er tippt nicht auf eine Krankheit. Er sagt, der Baum hat in seinen frühen Jahren wahrscheinlich unter mehreren Attacken gelitten und sich immer weiter vernarbt, bis er aussah, wie eine Kerze, die in einer Flasche herunterbrennt.

Auch zu den beiden Ketchupflaschen hat er eine Vermutung: Käferfallen. Käfer habe ich keine gesehen, nur die roten Flaschen. Aber vielleicht kommen die ja noch.

Interessant wird es wiederum beim Strommast. Ich bin mir nicht sicher, ob es sich um eine idiotische Mutprobe oder sich die Antwort tatsächlich in der Technik findet. Ich schreibe das Bayernwerk und den Netzbetreiber Tennet an. Das Bayernwerk antwortet, dass es sich um einen Hochspannungsmast der Firma Tennet handelt, die nicht antworten. Trotzdem hat der Pressesprecher eine Vermutung: An dieser Stelle tausche Tennet Leiterseile aus. Die grüne Fahne markiert den freigeschalteten Stromkreis. Im roten Sack stecke wahrscheinlich die Sicherheitsleine. Wieder etwas gelernt.

Übrigens ist der Weg zum Entspannen tatsächlich ideal. Auf den 17 Kilometern wechseln sich weite Frankenwaldausblickspunkte, laute Grillen, schattige Wälder, Teich und Wiesen ab. Hätte ich mehr Zeit gehabt, ich wäre sicher länger unterwegs gewesen. Keine 40 Jahre, aber ein ganzes Stück länger.