Aufmerksamen Lesern der größten Sonntagszeitung der Republik sollte bei jüngster Lektüre ein Schaudern über den Rücken gelaufen sein: Der Landkreis Kronach lässt in der Kategorie "Mord und Totschlag" nicht nur Großstädte wie Berlin oder Hamburg hinter sich, sondern landet mit 16 Fällen im bundesweiten Vergleich auf Platz 2. Nur in der niedersächsischen Stadt Delmenhorst gab es laut BILD-Übersichtmehr Verbrechen dieser Art - 92 an der Zahl.

Wer das Nachrichtengeschehen im Kreis Kronach verfolgt und sich im Geiste an Meldungen aus dem Jahr 2016 erinnert, kommt nicht mal ansatzweise auf die 16 vermeldeten Fälle.


Was ist 2016 geschehen?


Die erste Information, die zur Aufklärung der hohen Rate beiträgt, findet sich im Kleingedruckten im Printprodukt der Springer-Presse. Zum besseren Vergleich aller Straftaten wurde die tatsächliche Zahl auf 100 000 Einwohner umgerechnet. Faktisch gab es im Landkreis Kronach, der zuletzt circa 68 000 Einwohner zählte, elf Fälle von Mord und Totschlag im Jahr 2016 zu vermelden - immer noch erschreckend viele.

Auch Gerhard Anders, Pressesprecher der Polizei, trifft die hohe Zahl etwas unvermittelt. "Mir wäre nicht bekannt, um welche Fälle es sich in diesem Jahr gehandelt haben soll", erklärt er auf eine erste Anfrage. Nach kurzer Recherche kann Anders allerdings aufklären: In die Kriminalitätsstatistik für das Jahr 2016 fließen die acht toten Säuglinge, die im November 2015 im Wallenfels entdeckt wurden.


Der Fall hatte damals in ganz Deutschland für Entsetzen gesorgt: In einem Haus in Wallenfels wurden acht tote Babys entdeckt. Schnell erwies sich die Mutter der Säuglinge als dringend tatverdächtig, mindestens vier Babys kurz nach der Geburt vorsätzlich getötet und die Leichen in Handtücher und Plastiktüten gewickelt im Haus versteckt zu haben. Bei weiteren vier Neugeborenen konnte auch nach der Obduktion nicht geklärt werden, ob sie nach der Geburt noch lebten und auch lebensfähig gewesen wären.

Die Staatsanwaltschaft warf der damals 45-Jährigen Mord vor. 2016 kam es dann zum Prozess gegen die Mutter und den Ehemann. Hierlesen Sie mehr über das Urteil und die Verhandlung. Zu den acht Fällen aus Wallenfels kommen laut Anders drei weitere , die ebenfalls zur Kategorie Totschlag, zum Beispiel als Folge einer Schlägerei, zählen.

Auch für die extrem hohe Zahl aus Delmenhorst scheint ausschlaggebend zu sein, welche Verbrechen in das Jahr 2016 mit aufgenommen wurden. Delmenhorst war Tatort für die Krankenhaus-Mordserie von Pfleger Niels H. Das Ausmaß und vor allem die Anzahl der Verbrechen zeigten sich erst nach und nach.


Kronach: Familiendramen und Morde im Überblick

Ein Blick in die Historie der Kapitalverbrechen im Kreis Kronach - hier eine Auflistung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

13. Dezember 1969 Ein 26 Jahre alter Kaltenbrunner (Kreis Staffelstein) wird gefasst. Er hatte die Region durch Morde an drei jugendlichen Mädchen (14, 16 und 16 Jahre) in Atem gehalten. Ein zunächst verdächtigter Mann aus Tettau wurde nach zweiwöchiger U-Haft wieder auf freien Fuß gesetzt.

13. Oktober 1978 Der 60-jährige Gebrauchtwagenhändler Heinz Herrmann aus Coburg wird in Mitwitz Opfer eines Raubmordes. Er wird durch zwei Kopfschüsse getötet. Täter ist ein 21-jähriger Kronacher.

4. Januar 1982 Der 31-jährige Ralph Przyrodek aus Oberrodach wird von seiner Freundin in der Garage mit mehreren Messerstichen niedergestreckt. Die damals 20-jährige Frau zerrte den Mann in ihr Auto und wollte ihn nach eigenen Angaben ins Krankenhaus fahren. Dann habe sie bemerkt, dass er bereits tot war und sei den ganzen Tag mit dem Toten auf dem Beifahrersitz durch die Gegend geirrt. In der Folge habe sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Als Grund für ihre Tat nennt die Frau, dass der Freund sie jahrelang erniedrigt habe.

24. Mai 1982 Die 47-jährige Elli Schleicher aus Tüschnitz wird von ihrem Mann am Abend des 24. Hochzeitstages nach dem Konsum größerer Mengen Alkohol mit einem langen Küchenmesser erstochen. Erst am nächsten Tag verständigt er die Polizei.

13. Dezember 1984 Die 45-jährige Elisabeth Hummel wird in Steinbach/Wald von ihrem Ehemann erstickt. Der Arzt hatte zunächst versucht, einen Selbstmord vorzutäuschen. Die Tote war mit geöffneten Pulsadern gefunden worden.

19. Dezember 1984 Der 33-jährige Filialleiter des Tengelmann-Lebensmittelmarktes in der Rosenau in Kronach erschießt seine Kollegin Helga Löffler und richtet anschließend sich selbst.

28. März 1985 Ein 53-Jähriger aus Wallenfels schlägt mit einem Beil auf seine Ehefrau ein, sticht mit einem Schlachtermesser zu und verletzt sie lebensgefährlich. Der Versuch, sich selbst die Halsschlagader zu öffnen, misslingt, worauf er sich die Tatwaffe in den Leib rammt und stirbt.

22. September 1985 Die 38-jährige Elisabeth Kaim wird mit zahlreichen Stichverletzungen tot in ihrem Auto in Ruppen gefunden. Der zwei Jahre ältere Ehemann aus Nordhalben, der der Polizei den Mord per Telefon gesteht, wird im Rahmen einer Großfahndung im Raum Würzburg gestellt.

30. Dezember 1986
Die 27-jährige Renate Wachter wird in Nordhalben von ihrem Ehemann erwürgt. Sie war gegen Mitternacht von einem Lokalbesuch nach Hause gekommen. Der Mann versucht zunächst, die Tat zu vertuschen, gibt am Nachmittag eine Vermisstenanzeige auf. Die Polizei findet am Abend die Frau tot im Keller auf. Noch in der Nacht gesteht der Ehemann dann die Tat. Als Grund gibt er Eifersucht an.

2. April 1987 Die 44-jährige Irmgard Kessel wird in Gehülz Opfer eines Gewaltverbrechens. Ihr Ehemann drosselt sie zunächst bis zur Bewusstlosigkeit, versetzt ihr mindestens ein Dutzend Stiche mit einem Steakmesser in die Herzgegend, durchschneidet Hals, Kehlkopf und Pulsadern und zertrümmert vier Limonadenflaschen auf ihrem Kopf.

22./23. Dezember 1989 Der 26-jährige Thomas Detsch wird gegen Mitternacht in Gehülz vom früheren Freund seiner Lebensgefährtin erschlagen. Das Opfer war durch Schläge mit einer Axt bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Jahrelang aufgestaute Aggression und Alkohol sollen Auslöser der grausamen Tat gewesen sein.

3. Mai 1992 Der 85-jährige ehemalige Polizeibeamte Maximilian Grobauer wird tot in seiner Wohnung in Gehülz aufgefunden. Die Schädelverletzungen, so die Ermittlungen der Polizei, stammen von einem Brecheisen. Als Täter werden eine Frau aus dem Ort und deren Bekannter aus dem Raum Coburg ermittelt.

24. Oktober 1996 Der 46-jährige Reinhard Grebner wird in seinem Haus im Dobersgrund von seiner Ehefrau mit mehreren Messerstichen verletzt. Der Schwiegersohn verständigt die Polizei. Das Opfer erliegt rund zwei Stunden nach der Tat am 25. Oktober seinen schweren Verletzungen.

13. November 2006 Der 61-jähriger Marktleiter des Edeka-Marktes Mitwitz, Norbert Oettinger, wird Opfer eines Raubüberfalles. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt.

11.Juni 2007
Der Unternehmer Udo Suffa wurde in seiner Villa in Ebersdorf bei Coburg vom Vater seiner Ex-Freundin, einem damals 48-jährigen Pizzeria-Besitzer aus Kronach, niedergestochen. Grund hierfür soll gewesen sein, dass sich die 42-jährige Lebensgefährtin des Pizzeria-Besitzers Suffa zuwandte.

24. August 2013 Eine 43-jährige Frau wird tot auf dem McDonald's-Parkplatz in Marktrodach gefunden. Ein 59-jähriger Mann wird festgenommen.

12. November 2015 In einem Wohnhaus in Wallenfels werden die Leichen von acht Neugeborenen gefunden. Deshalb hat das Landgericht Coburg die Mutter zu 14 Jahren Haft verurteilt - wegen Totschlags.

Chronologie: Frank Förtsch