Der Täter mit dem Messer kennt kein Erbarmen. Wieder und wieder sticht er zu, als sich sein Opfer schon längst nicht mehr wehrt. Die ersten Angriffe konnte er mit Armen und Händen abwehren. Doch gegen die 34 Zentimeter lange Fleischerklinge ist der junge Afghane chancenlos. Er verblutet im Alter von 23 Jahren alleine auf dem Küchenboden in der Kronacher Asylunterkunft. Sein Mörder flieht.

Er wollte um jeden Preis töten. Durchtrennte Lungenvene und -Schlagader, zerschnittene Harnröhre. Mehrmals durchdringt das Messer den Oberkörper, im Brustkorb klafft eine Wunde, durch die zu schnell zu viel Blut fließt, als dass ein Mensch es überleben könnte.

Schnitte. Stiche. Dutzende. Oberstaatsanwalt Christopher Rosenbusch zählt jede einzelne auf und vermittelt einen vagen Eindruck davon, welch unvorstellbare Szene sich am Morgen des 4. April in der Gemeinschaftsküche der Unterkunft in der Ludwigsstädter Straße in Kronach zugetragen hat.

"Ich kann ihn nicht ansehen. Wenn ich es tue, kann ich die Bilder, die ich gesehen habe, nicht mehr verarbeiten." Eine junge Mutter fleht um Verständnis, als Richter Christoph Gillot sie bittet, den Angeklagten als Täter zu identifizieren. Als sie ihren Mitbewohner auf dem Fußboden liegen und H. über ihm stehen sieht, die tiefen Wunden und all das Blut, kann sie gerade noch ihrer Tochter die Augen zuhalten, bevor ihr Mann beide wieder ins Zimmer drängt. Dann schreit sie nur noch.

Die Schreie sind auf der Aufnahme des Notrufs zu hören, den ihr Mann und Nachbar des Ermordeten Sekunden später absetzt: "Sie müssen schnell einen Krankenwagen schicken. Hier stirbt gerade jemand." Kurz zuvor hat der 29-Jährige dem mutmaßlichen Täter noch die Tür geöffnet, ihm gesagt, dass er ihn aufgrund des Corona-Lockdowns nicht ins Haus lassen will. "Ich habe kein Corona", habe ihm H. entgegnet und nach dem Opfer gefragt.

Tat war wohl geplant

Das sei aus seinem Zimmer gekommen und habe sich mit H. unterhalten. "Alles hat ganz friedlich gewirkt." Der Zeuge geht ins Badezimmer. Fünf Minuten später hört er "schrecklichen Lärm aus der Küche". Was er dann erlebt, lässt den Familienvater bis heute nicht los. "Ich habe gesehen, wie mein Nachbar ermordet am Boden liegt und der Beschuldigte immer wieder mit dem Messer auf ihn einsticht." Und, da ist sich der Augenzeuge sicher: Die Mordwaffe hat der Täter mitgebracht. "Das war kein Messer aus unserer Küche." Der 29-Jährige stellt die Szene nach, imitiert die unerbittliche Handbewegung.

Der Zeuge schreit aus voller Kehle, packt im Reflex einen Stuhl, will, dass die Stiche aufhören. "Doch er hat mich nicht gehört und überhaupt nicht wahrgenommen." Während der Aserbaidschaner dies schildert, fixieren die leeren Augen des Angeklagten den Tisch vor sich. Ab und an reibt sich H. das Gesicht, um anschließend wieder in sich zusammenzusacken, so, als würde ihn das alles nicht betreffen und er im Sitzungssaal des Coburger Landgerichts nur seine Wartezeit absitzen.

Zu sagen hat er ohnehin nichts. "Mein Mandant und ich werden weder zu den persönlichen Verhältnissen noch zum Tatvorwurf Angaben machen", erklärt sein Verteidiger Albrecht von Imhoff. Einmal, direkt nach seiner Festnahme in Frankreich, hat H. jedoch eine Aussage gemacht. "Ich habe niemals getötet und sei es nur ein Huhn", hat er Ende April laut Verhörprotokoll gesagt. Am Tattag sei er überhaupt nicht in Kronach, sondern bereits auf dem Weg nach Frankreich gewesen.

Er duldete keinen Widerspruch

Seine Lebensumstände bleiben vage. Wann er geboren wurde, will er nicht mehr genau wissen. In einem Pass, der in irgend einer Asylunterkunft liegen soll in einer Stadt, an deren Namen er sich nicht mehr genau erinnern kann, soll vom April 1992 die Rede sein. Sein Vater sei Taxifahrer in Afghanistan, er habe vier Schwestern und drei Brüdern, zu denen der Kontakt vor Jahren abgerissen sei. "Ich ging nur in den Kindergarten. In meiner Muttersprache kann ich weder lesen noch schreiben", heißt es in dem Bericht.

Als Lkw-Fahrer habe er amerikanische Stützpunkte beliefert, weshalb es zu Konflikten mit den Taliban gekommen sei. "Mein Leben war in Afghanistan bedroht, deshalb bin ich weggegangen." Doch in Deutschland kommt H. immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Mit dem Opfer soll er sich schon einmal blutig geprügelt haben. Aufgrund seiner Aggressionen wird ihm wenige Monate vor der Tat der Abschiebebescheid zugestellt.

"Er war eigentlich ruhig, doch in Diskussionen unaufhaltbar", beschreibt ein weiterer Zeuge den Angeklagten. "Ich habe mehrmals erlebt, wie er sich unter Alkoholeinfluss geprügelt hat. Dann konnte er keine Kritik dulden." Doch was brachte H. an diesem Morgen dazu, einen Landsmann auf derart brutale Weise aus dem Leben zu reißen? Darüber können auch die Bekannten nur spekulieren. "Es soll um ein Mädchen aus Afghanistan gegangen sein. Der Angeklagte und das Opfer kamen aus derselben Stadt", glaubt einer. "Vielleicht hat er das getan, um nicht abgeschoben zu werden", vermutet ein anderer.

Wer in diese leeren Augen blickt, dem kommt der Gedanke: Die Antwort darauf kennt nicht einmal der Angeklagte selbst. Der Prozess wird am 14. Dezember fortgesetzt.