Die ebenso berühmte wie beliebte Kammer-, Opern- und Operettensängerin Anneliese Rothenberger (1926 - 2010) war am Weltkriegsende 1945 im Steinachtal. Ihr Weg nach Oberfranken ist ein Beispiel für das Schicksal vieler Städter, die damals evakuiert wurden.

Nachdem die Künstlerin ihr erstes Engagement am Theater der Stadt Koblenz gefunden hatte, schien sich ihr Traum zu erfüllen. Aber der Krieg machte ihre Hoffnungen zunichte. "Man hatte die Theater geschlossen, so auch das Koblenzer Stadttheater. Meine gestartete Karriere als Sängerin hatte allzu rasch ihr Ende gefunden. Die älteren Sänger und Schauspieler waren zum Volkssturm eingezogen worden. Die jüngeren mussten an die Front, die sich ja inzwischen bereits in der Heimat befand. Uns Frauen und Mädchen schickte man in kriegswichtige Fabriken", erinnerte sie sich.

Ohnmächtig zusammengebrochen

Eines Tages, nach einem Fliegerangriff auf Koblenz, brach Anneliese Rothenberger ohnmächtig zusammen. Nach einer Weile kam der Betriebsführer herein, der als linientreuer Nazi bekannt war. Er schaute das junge Mädchen an und meinte verächtlich: "Schluss mit der Flennerei! Auch wenn Sie nur eine Frau sind, Sie haben sich am Riemen zu reißen. Hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder! Sie wissen doch, was der Führer gesagt hat."

Der Vertrauensarzt, der Anneliese Rothenberger gründlich untersuchte, stellte schwere Blutarmut fest. "Landverschickung ist das einzige, was ich Dir verschreiben kann, mein Kind", stellte er fest. Nach abenteuerlichen Umwegen landete das an Anämie leidende Mädchen in Coburg. Zuerst musste sie zum Arbeitsamt. Die Frau, die dort saß, meinte: "Blutarmut - blutarm sind wir heute alle, Fräulein Rothenberger. Der eine mehr und der andere weniger. Wir tun trotzdem unsere Pflicht. Und das werden auch Sie tun. Die Flakstellung auf dem Kaufhaus ist schon seit Wochen unterbesetzt."

Nach Hassenberg gekommen

Nachdem Anneliese Rothenberger protestiert hatte und auf ihr Attest verwies, lenkte die Frau ein und schrieb eine Quartieranweisung aus. Noch am selben Abend landete die Künstlerin in Hassenberg. Ihre Quartiereltern von der Familie Engelhardt waren nicht nur Landwirte, sondern besaßen nebenbei noch einen kleinen Kolonialwarenladen. Schon bald ging es mit Rothenberger aufwärts: "Wie gut es mir nun wirklich ging, merkte ich erst, als ich mich eines Morgens beim Singen ertappte! Es war in meinem Mansardenzimmer unter dem Dach. Ich begann plötzlich zu singen, hörte wie erschrocken auf und sagte laut: ,Ich kann es noch! Ich kann noch singen.‘ Ich stürmte die Stiege hinunter und umarmte die ahnungslose Mutter Engelhardt."

Von nun an übte Rothenberger wie eine Besessene. Durch einen Zufall wurde eine Kundin der Engelhardts darauf aufmerksam. E0s war Lore Kegel, eine in Neustadt versteckte jüdische Frau. Diese brachte es zustande, dass Rothenberger in Neustadt Hauskonzerte geben und musizieren konnte. In jener Zeit kam die angehende Künstlerin auch wieder mit dem Koblenzer Musikdirektor Schmidt-Scherf zusammen, den es inzwischen in unsere Gegend verschlagen hatte.

Friedrich Knorr, damals Leiter der Frankfurter Bibliotheken, die 1944/45 vornehmlich nach Mitwitz ausgelagert waren, erinnerte sich an jene Zeit: "Anneliese Rothenberger besaß schon eine herrliche Stimme." In den Hauskonzerten habe immer eine unbeschreibliche Stimmung geherrscht, "die sich aus der tiefen Spannung zwischen der beruhigenden Heiterkeit der Kunst und dem tödlichen Ernst unserer Lage ergab." Nachdem Rothenbergers Mutter in Mannheim ausgebombt worden war, gelang es der Tochter, sie zu sich zu holen.

Befreiendes Lachen

Im April 1945 erlebte die Künstlerin das Kriegsende in Hassenberg: "Der Frieden kam für mich in Gestalt eines Schwarzen. Er trug die Uniform eines amerikanischen Sergeanten und stieg in mein Mansardenzimmer hinauf. Er sah sich um, musterte mich eindringlich, fragte in Deutsch: Haben Du SS-Leute versteckt unter Bett, Miss? Nein, sagte ich zitternd und zog an der Überdecke, damit er sich überzeugen könne. Plötzlich fing der Sergeant an zu lachen. Seine Frage kam ihm wohl in diesem Moment genauso komisch vor wie meine Reaktion. Er lachte mit einem schönen heiseren Bariton. Er holte Luft und sagte O Jesus, Jesus! Und wischte sich die Tränen aus den Augen. Das wirkte so ansteckend, dass auch ich lachen musste."

Nach dem Kriegsende hat Anneliese Rothenberger Hassenberg verlassen, um nach Hamburg zu gehen und Karriere zu machen. Nach Mitwitz, Hassenberg und ins Steinachtal, ist sie nach eigenen Angaben nie mehr gekommen.